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Historikerstreit


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Der Historikerstreit war in den Jahren 1986 und 1987 die in der Öffentlichkeit wahrgenommene Debatte die Einordnung der nationalsozialistischen Judenvernichtung ( Holocaust Shoa ) in ein identitätsstiftendes Geschichtsbild der Bundesrepublik Deutschland .

Inhaltsverzeichnis

Ausgangspunkte

1980 hielt Ernst Nolte einen Vortrag in der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung der gekürzter Fassung bereits im Juli 1980 in Frankfurter Allgemeinen Zeitung ( FAZ ) sowie 1985 in einem Sammelband in Sprache erschien ohne in der fachfremden Öffentlichkeit beachtet zu werden. Wer die "Hitlersche Judenvernichtung" nicht in einem bestimmten Zusammenhang sehe schrieb Nolte "verfälscht die Geschichte" denn:

"Ausschwitz resultiert nicht in erster Linie dem überlieferten Antisemitismus und war im Kern ein bloßer 'Völkermord' sondern es handelte sich allem um die aus Angst geborene Reaktion die Vernichtungsvorgänge der Russischen Revolution."
Zwar war die Hitlersche Judenvernichtung:
"entsetzlicher ... weil sie die Menschenvernichtung eine quasi industrielle Weise betrieb"; sie war "weil sie auf bloßen Vermutungen beruhte und frei von ... Massenhaß war."
Aber dies änderte für Nolte:
"nichts an der Tatsache daß die (!) Judenvernichtung des Dritten Reiches eine Reaktion verzerrte Kopie und nicht ein erster Akt das Original war."
(alle Zitate nach: "Historikerstreit" - s. Literatur - S. 32f.)
Außerdem meinte Nolte:
"es wird sich kaum leugnen lassen Hitler gute Gründe hatte von dem Vernichtungswillen Gegner sehr viel früher überzeugt zu sein zu dem Zeitpunkt wo die ersten Nachrichten die Vorgänge in Auschwitz zur Kenntnis der gelangt waren."
Denn bereits in den ersten Septembertagen des 1939 habe Chaim Weizmann als Präsident der Agency offiziell geäußert dass:
"die Juden in aller Welt in Krieg auf der Seite Englands kämpfen würden".
Dies begründe nach Noltes Meinung die These :
"daß Hitler die Juden als Kriegsgefangene behandeln und internieren durfte."
(zitiert nach: "Historikerstreit" S. 24)

Dieser Rede wurde kaum Beachtung geschenkt Nolte am 6. Juni 1986 in der FAZ eine Rede veröffentlichte die er nicht konnte. Ausgehend von der Feststellung dass alles "was die Nationalsozialisten später taten mit alleiniger Ausnahme des technischen Vorgangs der in einer umfangreichen Literatur der frühen Jahre bereits beschrieben war: ... hielt Nolte "die folgende Frage für zulässig ja unvermeidbar" :

"Vollbrachten die Nationalsozialisten vollbrachte Hitler eine Tat vielleicht nur deshalb weil sie sich ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer Tat betrachteten? War nicht der " Archipel Gulag " ursprünglicher als " Auschwitz "? War nicht der "Klassenmord" der Bolschewiki logische und faktische Prius des "Rassenmords" der (zit. nach: Historikerstreit S. 45)
Den Begriff der "asiatischen Tat" fand in einer Schilderung des Völkermordes an den durch die Türken im 1. Weltkrieg aus dem Jahr 1938. (vgl. Historikerstreit S. 43f.)

Wenige Wochen vorher mahnte der Historiker Stürmer (zu diesem Zeitpunkt politischer Berater des Bundeskanzlers Helmut Kohl ) - ebenfalls in der FAZ - mehr "Erinnerung" an denn "Orientierungsverlust und Identitätssuche sind Geschwister." Es dürfe nicht ignoriert werden "daß in geschichtslosem Land die Zukunft gewinnt die Erinnerung füllt die Begriffe prägt und Vergangenheit deutet." Dieser Zustand könnte bei unseren Nachbarn bange Frage aufwerfen "wohin das alles treibt" Denn: "Die Bundesrepublik hat weltpolitische und weltwirtschaftliche Verantwortung. ist Mittelstück im europäischen Verteidigungsbogen." Deshalb ginge es bei der "Suche nach der verlorenen Geschichte ... um innere Kontinuität der deutschen Republik und ihre Berechenbarkeit." (zit. nach: Historikerstreit S. 36 und S. 38)

Dies waren die beiden Vorlagen zusammen Arbeiten der Historiker Andreas Hillgruber und Klaus in denen Jürgen Habermas einige Wochen später in der Zeit eine "Art Schadensabwicklung" entdecken wollte und ihn gegen die Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung" (Die Zeit Juli 1986) polemisieren ließ. Gegen Nolte gewandt er: "Die Naziverbrechen verlieren ihre Singularität dadurch daß als Antwort auf (heute fortdauernde) bolschewistische Vernichtungsdrohungen verständlich gemacht werden. Auschwitz schrumpft auf das einer technischen Innovation und erklärt sich aus 'asiatischen' Bedrohung durch eine Feind der immer vor unseren Toren steht." Stürmer warf er vor er plädiere " für ein vereinheitlichtes Geschichtsbild das anstelle ins Private abgedrifteten religiösen Glaubensmächte Identität und Integration sichern kann." Darin sah er "eine deutsch-national eingefärbte Natophilosophie." Wer den Deutschen die Schamröte über austreiben wolle wer sie "zu einer konventionellen Form ihrer nationalen Identität will zerstört die einzig verläßliche Basis unserer an den Westen" . Kurz: "Der einzige Patriotismus der uns dem Westen entfremdet ist ein Verfassungspatriotismus." (zit. nach. "Historikerstreit" S. 71 73 76 und 75) war die Debatte eröffnet.

Die Debatte: "Viererbande" gegen "linke Aufklärer"?

Die folgenden Monate des Jahres 1986 Anfang 1987 waren von einer Debatte mit Schuldzuweisungen und Unterstellungen beherrscht - meist in Form von Leserbriefen. Dazu kamen längere Aufsätze Zeitschriften die vom allgemeinen Publikum nicht so wahrgenommen werden konnten. Hier schrieben Historiker mit Bemühen den Streit zu versachlichen. Dies alles vor dem Hintergrund von Museumsgründungen mit dem "Deutsche Geschichte" vorangetrieben vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und der vagen Ahnung dass mit Machtübernahme von Michail Gorbatschow in der Sowjetunion eine neue politische Konstellation in Europa Platz greifen könnte. Noch einmal lebte Debatte um die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Zusammenbruchs des Reiches im Vorjahr (1985) auf.

Als Zeitzeugen kann man hier Rafael Seligmann zitieren der den nun folgenden Streit beschreibt:

"Dies war der Startschuß des sogenannten Historikerstreits dem sich jeder dazu berufene geschichtskundige - wer fühlt sich nicht als solcher - Publizist Politologe Philosoph und last not least beteiligte. Dabei war es vielen "Debattierern" nicht erster Linie darum zu tun die Vergangenheit unvoreingenommen zu untersuchen. Das Ziel der meisten ... war vielmehr ihre ohnehin festgefügte Weltanschauung eine subjektive Selektion historischer Beispiele zu "beweisen". selten hörte und las man in dieser Auseinandersetzung um Objektivität bemühte Stimmen (...)
Nach wenigen Monaten erstarb die Auseinandersetzung. eine "Debatte" hatte es sich nicht gehandelt. den Kontrahenten war es nicht darum gegangen eigenen Erkenntnisse zur Diskussion zu stellen und auch von anderen zu lernen womöglich den Standpunkt zu revidieren. Sie wollten vor allem viele Unbeteiligte von der eigenen Stichtweise überzeugen. So ist der Historikerstreit Beispiel für das einer Streitkultur in Deutschland wo man nach vor lieber kämpft als debattiert."
(Seligmann S. 271f.)

Das Wort von der "Viererbande" (gemeint die von Habermas angegriffenen Historiker s.o.) warf Elie Wiesel in die Runde die angegriffenen Historiker durch den Publizisten Joachim Fest ) wiederum versuchten liberale Historiker als "linke abzuwerten und Habermas zu deren Sprecher zu Die tonangebenden liberalen Historiker jedoch nahmen ihre Andreas Hillgruber und Klaus Hildebrand vor Jürgen Habermas und Rudolf Augstein mit unterschiedlicher kritischer Distanz in Schutz sich mit Michael Stürmer politisch auseinander und Ernst Nolte mit sachlichen Argumenten ins fachliche Abseits.

Bei dem Versuch ein Fazit zu kann Folgendes festgehalten werden:

  • Der geplante Völkermord an den Juden einzigartig in der Geschichte. Er darf aber nicht der vergleichenden Forschung mit ähnlichen Vorfällen werden. Dabei darf aber die Frage der nicht soweit relativiert werden daß "die Deutschen" nichts anderes taten als andere "Nationen" vorher nachher auch. ( "Die wirklichen Ursachen des Antisemitismus sind weder Rußland noch beim jüdischen Weltkongreß zu finden." - Jürgen Kocka "Historikerstreit" S. 136)
  • Die These von Ernst Nolte die Untaten der Bolschewisten wären die der Nazi-Verbrechen gewesen wurde widerlegt. Auch die "gefühlte" Bedrohung durch den Bolschewismus rechtfertigt den Holocaust nicht als "Präventivmord". ( "Was man uns suggerieren will ist die von einem Präventivmord." zit. nach: "Historikerstreit" S. 121)
  • Beide Weltkriege des 20. Jahrhunderts resultierten aus der geographischen "Mittellage" des Deutschen Reiches also nicht tragisches aber unvermeidbares Schicksal. ( "Die Geographie ist weder Schicksal noch erklärt viel." - Jürgen Kocka "Historikerstreit" S. 141)
  • "Historizierung des Nationalsozialismus" vierzig Jahre nach Ende geschieht nicht mit der Absicht den die Schamesröte über das was in ihrem geschah aus dem Gesicht zu treiben. Für Historiker muss der Anspruch gelten "den Nationalsozialismus in die deutsche Geschichte einzuordnen" (Martin Broszat zit. nach Fleischer "Historikerstreit" S. 126).
  • Politisch - so zeigte sich - Jürgen Habermas das richtige Gespür gehabt. Alfred Dregger (damals Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU im Deutschen brachte die "deutsch-nationale Natophilosophie" auf den Punkt er im Bundestag am 10. September 1986 erklärte: "Besorgt machen uns Geschichtslosigkeit und Rücksichtslosigkeit der Nation gegenüber: Ohne einen elementaren Patriotismus der Völkern selbstverständlich ist wird unser Volk nicht können. Wer die sogenannte(!) 'Vergangenheitsbewältigung' die gewiß war(!) mißbraucht um unser Volk zukunftsunfähig zu muß auf unseren Widerspruch stoßen." (zit. nach: "Historikerstreit" S. 194) Gegen solche Auffassungen die von Michael Stürmer vertreten wurden wandte sich der Historiker Wolfgang J. Mommsen mit der die "Harmonisierung des Geschichtsbildes gefährdet die Freiheit" . (sein Beitrag vom Dezember 1986 bietet lesbare und gute Zusammenfassung der Debatte - "Historikerstreit" S. 300 - 321)

Der "Historikerstreit" aus aktueller Sicht

Aus heutiger Sicht liest sich vieles im "Historikerstreit" diskutiert wurde als die Ouvertüre den Debatten um den Einsatz der deutschen in Krisengebieten weltweit. Denn bei der "Zukunft deutschen Volkes" ging es bereits damals um Frage der Mitgliedschaft der Bundesrepublik Deutschland im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit der notwendigen Konsequenz für friedensstiftende -bewahrende Maßnahmen überall in der Welt Soldaten Verfügung zu stellen.

Literatur

  • "Historikerstreit". Die Dokumentation der Kontroverse um die der nationalsozialistischen Judenvernichtung. ... München/Zürich (Piper) 1987 - enthält nahezu alle wichtigen Texte der Debatte dem Jahr 1986 und ist damit die Sammlung wenn mensch sich zum Thema will .
  • Rafael Seligmann "Mit beschränkter Hoffnung. Juden Deutsche Israelis." ISBN 3-455-08420-6

Weblinks



Bücher zum Thema Historikerstreit

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