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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenFreitag, 23. August 2019 

Lateinische Aussprache


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Die Lateinische Aussprache unterscheidet sich wie Linguisten festgestellt haben von der an vielen im Unterricht vermittelten Aussprache. Obwohl sich der seit ca. 100 Jahren vermehrt dem des Lateins (wie es zu Ciceros und Caesars von gebildeten Sprechern ausgesprochen wurde) anzunähern versucht er nach wie vor von den Aussprachegewohnheiten Muttersprache der Lernenden beeinflusst.

Für die erwähnte Epoche des Klassischen kann heute ungefähr folgende Aussprache angenommen werden:

In folgender Übersicht gilt:

  • die Vokallängen werden nach heute üblichem als Strichlein über dem Buchstaben angegeben;
  • die [annähernd] phonetische Aussprache nach dem System IPA steht zwischen eckigen Klammern;
  • in der IPA-Umschrift wird die Vokallänge durch Doppelpunkt nach dem Vokal gekennzeichnet (vgl. ō = langes [o:]);
  • vor der betonten Silbe steht ein senkrechtes vgl. ['ro:ma]

Inhaltsverzeichnis

Vokale

Es ist streng zu unterscheiden zwischen und kurzen Vokalen; für Deutschsprachige zu beachten insbesondere:
  • die Verteilung der Vokallängen und -Kürzen anderen Regeln d.h.:
    • lange Vokale können in jeder Wortsilbe nicht nur in betonten Silben: Rōmānī "die Römer" = [ro:'ma:ni:] vīdī "ich habe gesehen" = ['wi:di:]
    • im Gegensatz zum Deutschen werden betonte in offenen Silben nicht automatisch gelängt vgl. lat. Wörter und die Aussprache der deutschen in:
      • lat. globus "Kugel" = ['glɔbʊs] "Kugel" vs. dt.
      • lat. rosa ['rɔsa] vs. dt. Rose ['ʁo:zə]
      • lat. Venus ['wɛnʊs] vs. dt. ['ve:nʊs]
      • Achtung: die deutsche Aussprache dieser Lehnwörter aber deswegen nicht "falsch"; es handelt sich um eine völlig übliche Anpassung da das Sprachsystem betonte kurze Vokale in offenen Silben kennt.
  • einzelne heiklere Vokale:
    • langes ē ist geschlossen zu artikulieren: ēmī "ich habe gekauft" = ['e:mi:] wie dt. nehmen = ['ne:mən]
    • kurzes e ist eher offen vgl. emere "kaufen" = ['ɛmɛrɛ] wie dt. <ä> Gäste = ['gɛstə] aber in unbetonten Silben zu "Schwa" [ə] abgeschwächt
    • langes ō ist geschlossen vgl. Rōma = ['ro:ma] wie dt. Bohne ['bo:nə]
    • kurzes o ist eher offen also lat. bonus "gut" = ['bɔnʊs] wie in dt. Bonn = ['bɔn]
    • kurzes i ist leicht geöffnet auszusprechen vgl. it "er/sie geht" = ['ɪt] wie in Bitte = ['bɪtə]
    • dasselbe gilt für kurzes u vgl. lat. humus "Erde" = ['hʊmʊs] wie in dt. Fluss = ['flʊs] bzw. das u der Schlusssilbe in dt. Humus = ['hu:mʊs]

Diphthonge

Außer dem ganz seltenen <ui> existieren Latein nur noch vier Diphthonge:
  • au : lat. aurum "Gold" = ['aʊ̯rʊm] wie dt. Haus = ['haʊ̯s]
  • ae ist in vorchristlicher Zeit noch klar also lat. maestus "traurig" = ['maɪ̯stʊs] wie dt. meist = ['maɪ̯st]
  • eu ist eine einsilbige Folge von kurzem [ɛ] und einem [ʊ] also Eurōpa = [ɛʊ̯'ro:pa] aber auf keinen Fall dt. eu wie in Europa = [ɔɪ̯'ʁo:pa]!
  • oe entspricht hingegen genau dem zuvor erwähnten Diphthong vgl. lat. poena "Strafe" = ['pɔɪ̯na] wie dt. Europa = [ɔɪ̯'ʁo:pa] aber es ist keinesfalls ö auszusprechen

Konsonanten

  • alle doppelt geschriebenen Konsonanten werden gelängt ausgesprochen lat. crassus "dick" = ['kras:ʊs] repperit "er/sie hat gefunden" = ['rɛp:ɛrɪt]
  • c entspricht in klassischer Zeit einem ( phonologischen ) deutschen /k/ allerdings ohne dessen Behauchung
    • wenn /a e o u/ oder ein folgt ist die Aussprache [k] vgl. lat.
      • canis "Hund" = ['kanɪs] aber dt. kann = ['khan]
      • crassus "dick" = ['kras:ʊs] aber dt. krass = ['khras]
    • wenn /i/ folgt wird ein palataleres [c] vgl. lat. cinis "Asche" = ['cɪnɪs] ungefähr wie dt. Kinn ['chɪn] aber ohne dessen Behauchung!
  • f : es wird angenommen dass es ausgesprochen wie dt. [f] doch ist dies nicht möglich wäre auch die Aussprache [ɸ] also Laut den man beim Ausblasen einer Kerze
  • gn wird artikuliert wie eine deutsche Folge velarem ng plus n also lat. ignis "Feuer" = ['ɪŋnɪs]
  • h wurde in klassischer Zeit zumindest von oberen Schichten und am Wortanfang noch wie deutsches [h] (oder allenfalls etwas schwächer) artikuliert; der Unterschicht war es bereits verstummt
  • i wird in der Nachbarschaft von Vokalen [j] ausgesprochen vgl.
    • am Wortanfang: lat. iūstus "gerecht" = ['ju:stʊs] wie in dt. just ['jʊst] (aber mit langem erstem -ū- !)
    • im Wortinneren zwischen Vokalen höchstwahrscheinlich als [j:] vgl. eius "sein/ihr" = ['ɛj:ʊs]
    • im Wortinnern zwischen Konsonant und Vokal: Folge [ij] vgl. fīlius "Sohn" = ['fi:lijʊs] in drei Silben!
  • l hatte zwei verschiedene Aussprachen:
    • vor /i/ sowie als langes ll : wie deutsches [l] vgl.
      • fīlius "Sohn" = ['fi:lijʊs]
      • bellus "hübsch" = ['bɛl:ʊs] ähnlich wie dt. Elle = ['ɛlə] aber mit gelängtem l
    • in allen anderen Fällen: als velares vgl. cūlus "Arsch" = ['ku:ʟʊs]; lūna "Mond" = ['ʟu:na] ähnlich wie engl. well ['wɛʟ] bzw. luck = [ʟʌkh]
  • m wurde wie deutsch [m] ausgesprochen war am Wortende außer bei einsilbigen Wörtern weit verstummt; zum Teil dürfte der Vokal davor ausgesprochen worden sein vgl. lat. Rōmam ( Akkusativ Singular) = ['ro:mã(m)] oder sogar schon in weniger sorgfältiger Aussprache = ['ro:ma]
  • n wird wie im Deutschen ausgesprochen außer der Konsonantengruppe ns wo es in klassischer Zeit wenn dann höchstens noch ganz schwach artikuliert wurde dafür der davor stehende Vokal sicher mehr weniger deutlich nasaliert und gelängt ausgesprochen wurde lat. ānser "Gans" = ['ã:nsɛr] oder sogar ['ã:sɛr] im franz. pantalon "Hose" = [pãtalõ]
  • p wird stets ohne Behauchung ausgesprochen also im Französischen vgl. lat. pūrus "rein" = ['pu:rʊs] wie in franz. pur = [py:χ] aber nicht wie in pur = ['phu:ɐ]
  • qu ist eine Folge von [k] und also lat. quis "wer" ['kwɪs]
  • r wurde nicht mit dem Halszäpfchen sondern der Zungenspitze gerollt (wie heute im Italienischen noch häufig in Bayern) vgl. Rōma = ['ro:ma] wie im Italienischen
  • die genaue Artikulation von s ist umstritten:
    • es wurde wohl immer als stimmloser Konsonant (wie das deutsche ß ) so auf jeden Fall am Wortanfang -Ende bzw. vor Konsonant vgl. sōl "Sonne" = ['so:ʟ] also etwa wie in deutsch Cent = ['sɛnt]
    • es ist möglich doch nicht bewiesen dass s im Wortinnern zwischen Vokalen stimmhaft werden so vielleicht rosa "Rose" = ['rɔsa] oder = ['rɔza]?
    • schließlich ist es sehr gut möglich oder wahrscheinlich dass das s ob stimmlos oder stimmhaft gar nicht ein reines deutsches [s] bzw. [z] ausgesprochen sondern wie ein span. [ʂ] (bzw. das poln. ś ) also etwa in der Mitte zwischen ß und sch stehend; nach all dem Gesagten hätte īnsula "Insel" also wahrscheinlich wie ['~i:nʂʊʟa] geklungen!
  • t ist wie p (vgl. oben) unbehaucht vgl. lat. tālis "solch" = ['ta:lɪs] vs. dt. Taler = ['tha:lɐ]
  • u neben einem Vokal (bzw. in graphisch modernisierten Texten v ) wird nicht wie deutsches w = phonetisch [v] in Wein = ['vaɪ̯n] sondern wie englisches w also phonetisch [w] ausgesprochen vgl. lat. uespa (auch geschrieben vespa ) "Wespe" = ['wɛspa] (oder ['wɛʂpa]) wie engl. wasp ['wɔsp]; lat. uallum (bzw. vallum ) "Wall" = ['waʟ:ʊ(m)] wie engl. wall ['wɔʟ]

Aus alledem ergibt sich dass der des berühmten Diktators Caesar im Latein zu Caesars Zeiten wohl wie ['kaɪ̯sar] oder eher ['kaɪ̯ʂar] allenfalls auch ['kaɪ̯zar] ausgesprochen wurde.
Wenn die Schulaussprache trotzdem bei ['khaɪ̯zaʁ] ['khɛ:zaʁ] oder sogar ['tsɛ:zaʁ] bleibt so kann das in diesem Falle als überkommene Gewohnheit
Wenn die oben dargestellte Aussprache des Lateins heute in Schule und Universität vergleichsweise bekannt ist dann liegt dies entweder am Interesse der Lehrenden und Lernenden oder an Einsicht dass eine akzentfreie Aussprache des Lateins angesichts der vielen Unsicherheiten ohnehin nicht zu und bei einer Sprache ohne muttersprachliche Sprecher nicht notwendig ist.

Betonungsregeln

Bei der Betonung lateinischer Wörter sind Probleme zu unterscheiden:

1) Welche Silbe wird betont?
Bei mehrsilbigen Wörtern kann der so Wortakzent nur entweder auf die vorletzte oder auf die drittletzte Silbe fallen.
Eine Betonung auf der letzten Silbe bei mehrsilbigen Wörtern also unmöglich. Damit sind Schulunterricht zu Unterscheidungszwecken stark betonte Endungen wie bei manus (Nominativ Sing.) = ['manʊs] im Gegensatz Genitiv Sing. manūs = ?[ma'nu:s] falsch.
Die Entscheidung welche Silbe bei mehrsilbigen zu betonen ist hängt allein von der Silbe ab (sog. "Pänultimaregel"):

  • Die vorletzte Silbe ist betont wenn
    • das Wort überhaupt nur zweisilbig ist in Rō-ma = ['ro:ma]
    • die vorletzte Silbe einen langen Vokal vgl. Rō-mā-nus "Römer" = [rɔ'ma:nʊs]; can-dē-la "Leuchte" = [kan'de:ʟa]
      Achtung: Wenn in einem Text keine angegeben sind kann man die Vokallänge der Silbe nur in Wörterbüchern nachschlagen bzw. auswendig sonst ist die sog. " Quantität " des Vokals also dessen Länge oder dem Wortkörper selbst nicht anzusehen;
    • die vorletzte Silbe einen Diphthong hat in in-cau-tus "unvorsichtig" = [ɪŋ'kaʊ̯tʊs]
    • die vorletzte Silbe "geschlossen" ist d.h. auf Konsonant endet d.h. nach dem Vokal mindestens zwei Konsonanten folgen vgl. ter-res-tris "irdisch" = [tɛr'rɛstrɪs]; a-man-tur "sie werden geliebt" = [a'mantʊr].
  • In allen anderen Fällen ist die drittletzte Silbe betont vgl. exer-ci-tus "Heer" = [ɛk'sɛrcɪtʊs]; exer-ci-tu-um ( Genitiv Plural ) = [ɛksɛr'cɪtʊʊ(m)].

2) Wie wird die betonte Silbe hervorgehoben?
Im Gegensatz zum Deutschen war das offenbar eine Sprache in der die betonte nicht durch eine Erhöhung der Lautstärke sondern eine Veränderung des Stimmtons gekennzeichnet wird.

Beim Wort Rō-ma = ['ro:ma] wurde also die betonte ro- mit anderer Tonhöhe gesprochen als das -ma .
Damit ist das Latein eine so " Tonsprache " wie z.B. Schwedisch oder Chinesisch .

(Fortsetzung folgt.)

Woher weiß man das alles?

(Folgt)



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