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Erfundenes Mittelalter


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Die Theorie vom Erfundenen Mittelalter (auch: Phantomzeit-Theorie ) besagt dass etwa 300 Jahre des Mittelalters von Geschichtsschreibern der ottonischen Zeit frei erfunden worden seien. Die Theorie von der Geschichtswissenschaft allgemein als unhaltbar abgelehnt geht in ihrer in Deutschland verbreiteten Version die Autoren H. J. Niemitz und Heribert Illig zurück. Sie nehmen für sich in mit der Entfernung der angeblich erfundenen Jahre Chronologie des Mittelalters zu korrigieren.

Inhaltsverzeichnis

Die Theorien

Heribert Illig

Grundlage der These ist Illigs Behauptung es aus der Zeit zwischen dem 7. 10. Jahrhundert n. Chr. seiner Ansicht nach sehr wenige archäologische Funde gebe die zudem noch falsch datiert seien. Illig nennt diese auch Phantomzeit . In diese Zeit fällt auch das und Wirken Karls des Großen . All die anderen Karolinger vor Karl III. dem Einfältigen hätten überhaupt nicht existiert und seien im Interesse der katholischen Kirche im 11. auf dem Papier erdacht worden um Machtansprüche Kirche ( Investitur : z.B. die Krönung Karls des Großen den Papst) zu untermauern. Die vielen heute erhaltenen Grundmauern ihrer Pfalzen - die sich u. a. unterhalb vielen strategisch relevanten Burgen befinden - oder (wie z.B. in Kaiserswerth ) seien geschichtlich falsch kategorisiert. Ebenso sei mit Bauwerken in anderen Ländern beispielsweise bzgl. drittgrößten ehemaligen Moschee weltweit in Córdoba . Das Fränkische Reich nach Chlodwig sei ein gezieltes Produkt der Phantasie Täuschung. Illig argumentiert hauptsächlich mit Entwicklungssprüngen bzw. Entwicklungen in der Baukunst (u.a. am Beispiel Aachener Doms) die nach seiner Darstellung einen fließenden Übergang zwischen dem 7. und 10. bestätigt. Desweiteren verweist er auf die Grenzverläufe Herrschaftsstrukturen am Anfang und am Ende der die trotz der bewegten Geschichte kaum Veränderungen Weiterhin soll es praktisch keine Textfunde der Kultur aus dieser Zeit geben.
Nach Illig ( Zeitensprünge 3/1993) beträgt die nachträglich eingefügte Zeit Jahre. Als begründete Arbeitshypothese grenzt er den Zeitraum sogar auf die Spanne September 614 bis August 911 ein.

Uwe Topper

Toppers ursprüngliche Theorie

Uwe Topper führte die Theorie weiter und machte Angaben zu der möglicherweise fehlenden Zeit ( ZS 3/1994). Danach betrage die übersprungene Zeit Jahre - dem Jahr 614 der christlichen Zeitrechnung sei sofort das 911 gefolgt. Im Jahr 614 wurde die Stadt Jerusalem von den Persern erobert sie war damit dem christlichen Byzanz verloren gegangen.
911 war tatsächlich für das Abendland ein wichtiges Jahr - in Deutschland der letzte Karolinger und Konrad I. wurde deutscher König. In Frankreich wurden die Normannen mit der Normandie belehnt. In Byzanz herrschte mit Konstantin Porphyrogennetos einer der Herrscher unter dem eine glanzvolle Kulturblüte begann.

Als Begründung für seine These behauptete der Islam sei eine Nebenform des Arianismus - in der Tat wies der einige wesentliche Glaubensinhalte auf die auch für frühen Islam typisch sind. Nach dem Konzil von Nizäa im Jahre 325 auf dem Arius verurteilt worden war habe sein Anhänger Mohammed aus Mekka fliehen müssen und damit den Beginn islamischen Hedschra -Zeitrechnung ausgelöst. Nach der landläufigen Geschichtsschreibung liegt Zeitpunkt im Jahr 622 . Zwischen 325 und 622 liegen 297 Jahre.

Nach Topper versuchten die Christen als Islam sich über weite Teile des Orients hatte dessen Zusammenhang mit dem Christentum zu und legten deshalb dessen Entstehung in eine Zeit. Bei den (arianischen) Goten war als Zeitrechnung die Era in Gebrauch die mit der Einführung Julianischen Kalenders im Jahr 44 v. Chr. begonnen haben soll. Die Christen legten angeblich Mohammeds Flucht auf das Jahr 666 Era (666 = Zahl des Antichrist) was Jahr 622 n. Chr. entsprochen hätte.
Nach landläufiger Geschichtsschreibung geht die Era auf ein unbekanntes Ereignis im Jahre 38 v. Chr. zurück sie hat also wahrscheinlich weder dem Arianismus zu tun noch gibt es Zusammenhang mit der Zahl des Antichrist. Den zwischen 38 und 44 v. Chr. erklärt damit dass das Geburtsjahr Jesu nicht genau bekannt sei und er ein paar Jahre vor dem Beginn der geboren wurde (was wahrscheinlich auch der Fall

Toppers heutige Theorie

Uwe Topper war eine Weile von Theorie Illigs begeistert und lieferte zusätzliche Argumente Unterstützung der These die hauptsächlich von Illig wurde. Er veröffentlichte über seine Erkenntnisse auch Buch mit dem Titel Erfundene Geschichte .

Bald aber gelangte er zu der dass die Phantomzeitthese alleine nicht alle historischen beseitigen könne und wandte sich in Richtung viel radikaleren Position: Die ganze Geschichte der spielt sich in den letzten ca. 1000 ab. Das Römische Reich wie wir es vorstellen habe in dieser Form nicht existiert sei ein loser Militärverband germanischer und keltischer Stämme gewesen. Die Vormachtstellung Roms - das bis ins 15. Jahrhundert gewesen sei - sei eine Erfindung der Renaissance . Ähnlich soll es mit anderen antiken gewesen sein - die Pyramiden von Gizeh etwa werden von den Anhängern dieser in die frühosmanische Zeit eingeordnet.

Auch die außereuropäische Geschichte ist nach eine Erfindung. Die chinesische Chronologie sei nach Chroniken Europas aufgestellt worden die von christlichen im 16. Jahrhundert nach China gebracht worden

Indizien und Gegenindizien

Gegenindizien

Für den fraglichen Zeitraum existieren zehntausende Dokumenten (Grundstückgeschenke an die Klöster Testamente usw.) exaktem Datum und Unterschrift sowie Grabmäler oder mit datierten Inschriften aus allen Ländern Europas aber unzählbare geprägte Münzen die das Gegenteil Zahllose Mosaiken in den alten italienischen Kirchen stammen aus dieser Zeit. Aber vor allen Dingen man es den Mönchen des 7. und 8. Jahrhunderts zu verdanken dass die geschichtlichen Ereignisse Zeit in noch heute erhaltenen handschriftlichen Dokumenten wurden. Denn nicht nur die bedeutenden Gelehrten frühen Mittelalters wie beispielsweise Beda Venerabilis Einhard Alkuin usw. hielten die geschichtlichen Zusammenhänge in Werken fest. Diese schriftlichen Fakten werden durch Befunde und Ausgrabungen des 7. bis 9. Jahrhunderts ergänzt (Schmuck Waffen usw.). Die diversen und andere Daten werden von den Historischen Hilfswissenschaften analysiert und dienen als Basis für wissenschaftliche Arbeiten von der Datierung bis hin Erstellung von Zeittafeln. Beispielsweise durch die Dendrochronologie kann die genaue Entstehungs- und Bauzeit Wikingerschiffes geklärt werden welches nach Ansicht oben Personen überhaupt nicht existieren darf. Deshalb wird der Fachwelt wie auch in der Allgemeinheit Theorie vom Erfundenen Mittelalter meist belächelt.

Allerdings zweifeln auch innerhalb der Fachwissenschaften einige wenige an der Echtheit überkommener Dokumente Inschriften obwohl deren gesammelte Vielzahl in den Werken wie z.B. " Monumenta Germaniae Historica " " Corpus Inscriptionum Latinarum " oder Book of Kells akkurat dargestellt ist . In vielen kann jedermann Dokumente des 9. Jahrhunderts besichtigen die Papyrussammlungen der Kölner Universität die Collectio Anselmo dedicata im "Deutschen Historischen Museum" in Berlin den berühmten Originalentwurf eines idealen Klosters in St. Gallen von 820 . Dort befindet sich auch in der Stiftsbibliothek der größte Bestand an Originalurkunden aus Frühmittelalter nördlich der Alpen; allein aus dem Jahrhundert sind hier nachweisbar fast 600 Urkunden Sogar zahlreiche karolingische Kaiserurkunden befinden sich darunter den weitaus größeren Teil bilden allerdings die Privaturkunden die Rechtsgeschäfte wie Schenkungen Tauschgeschäfte Veräußerungen Landleihen zwischen dem Kloster und lokalen Grundbesitzern beinhalten. Ebenso liefern Naturwissenschaften Beweise zur Widerlegung der Illig'schen These sie werden bei jeder archäologischen Ausgrabung gebraucht sich im Boden natürlich keine schriftlichen Zeugnisse Die analysierten Fundstücke des 7. bis 9. als Ergebnisse mehrjähriger Forschungsarbeit werden in vielen ausgestellt z.B. finden sich allein in Köln mehrere Dutzend. In ganz Europa liegt sehr große Anzahl (evtl. über 100.000) von vor. Auch die Knochen damals lebender Menschen die des heiligen Suitbert oder des Liudger könnten heute noch wissenschaftlich untersucht werden.

Erwiderungen auf die Gegenindizien

Die bereits genannten Indizien die gegen Theorie vom Erfundenen Mittelalter sprechen werden durch Anhänger der Theorie wie folgt zu widerlegen

  • Für den fraglichen Zeitraum existieren zehntausende Dokumenten (Grundstückgeschenke an die Klöster Testamente usw.) Datum und Unterschrift in sämtlichen Ländern Europas:
    • Hierzu der deutschen Historiker Prof. Johannes 1996: "Ich muß daran erinnern daß gegenwärtig großem wissenschaftlichen Aufwand eine These diskutiert wird das Gros der bislang für original überliefert unzweifelhaft echt gehaltenen karolingischen ottonischen und salischen zu Fälschungen der ersten Hälfte des 12. erklärt. Unsinn? Irrtum? Oder der erste Schritt grundstürzendem Umdenken?"
    • Der Historiker Faußner meint die rechtliche für königliche Schenkungsurkunden sei erst durch das Wormser Konkordat 1122 entstanden.
    • Die Kaiser des Frühmittelalters signierten der nach ihre Urkunden durch einen kurzen Strich vorgefertigten Monogramm. Das Monogramm Karls des Großen mit dem von Karl dem Einfältigen Anfang 10. Jahrhunderts überein.
  • Münzen die dem Frühmittelalter (FMA) zugeordnet
    • Münzen des FMA werden - sofern anderen Datierungsmöglichkeiten aus dem Fundzusammenhang möglich sind i.d.R. über die abgebildeten Herrscher datiert diese seien nur aus den Schriften (s.o.) bekannt.
  • Die Arbeiten von bedeutenden Gelehrten des Mittelalters wie beispielsweise Beda Venerabilis Einhard usw.
    • Diese sind uns als Abschriften des überliefert. R. Newton wies darauf hin dass die Verwendung der Null schon geläufig war. Zeichen wurde im Abendland nach Auffassung der der Theorie erst seit dem 11. Jahrhundert Auf Widersprüche in Einhards Werk wies Leopold Rancke schon vor über 100 Jahren hin.
  • Frühmittelalterliche Prachtschriften wie das Book of Kells
    • Keines dieser Werke gilt als unumstritten. Schmuckmalereien des Book of Kells werden gelegentlich Gotik zuzuordnen versucht.
  • Datierungen mit der Radiokarbonmethode
    • Diese liefern einen Wert für das von organischen Proben. Mit Hilfe einer Kalibrierung der Dendrochronologie erfolgt die Bestimmung der zugehörigen Jahreszahl.
  • Vergleich von Baumringfolgen ( Dendrochronologie )
    • Diese liefert eine Anzahl vergangener Jahre ein zur Gegenwart relatives Alter. Die Gültigkeit bestehenden Chronologie soll bereits vorausgesetzt (siehe Probleme radiometrischer Datierungsmethoden ) worden sein.
  • Änderungen der politischen Landkarte - Ausbreitung Islam
    • Auffällig ist dass sich die überlieferten des frühen 6. Jahrhunderts und des frühen Jahrhunderts äußerst ähnlich sind. Dies überrascht wenn an die große Zahl der im Frühmittelalter Kriege denkt.
  • Bestätigung antiker Beobachtungen durch astronomische Rückrechnungen
    • Der Astronom Professor Hermann hierzu (2000): bis ins letzte unanfechtbarer Beweis gegen Illigs kann allein anhand von historischen Sonnenfinsternissen wohl geführt werden. Dazu wäre es erforderlich daß Echtheit der jeweiligen Quelle ihre fehlerfreie Überlieferung Gewißheit ihrer Zuverlässigkeit eine eindeutig zuzuordnende Beschreibung Ereignisses sowie dessen konkretes Datum anhand von mit anderen geschichtlichen Ereignissen gegeben wären. Bietet eines dieser Kriterien bezüglich einer Finsternis Anlass Zweifeln kann die These von der Phantomzeit strengen Sinn nicht als widerlegt gelten."
    • Bei den Vorarbeiten zum GPS-System untersuchte Newton im Auftrag der US-Navy den zeitlichen der Erdrotation. Aus den Ortsangaben historischer totaler ergab sich eine Anomalie im Frühmittelalter die ihm als Beschleunigung (!) der Erddrehung verstanden

Weitere Beobachtungen

Als indirekte Bestätigung sehen die Anhänger Theorie: Der konventionellen Chronologie zufolge wäre eine von Hypothesen erforderlich um den eigentümlichen Verlauf rekonstruierten Variablen zu erklären die das Frühmittelalter Als Beispiele solcher Variablen seien genannt:

  • Die archäologische Fundhäufigkeit
  • Die auflaufende Abweichung des julianischen Kalenders
  • Die nach Sonnenfinsternisbeobachtungen ermittelte Erdrotation
  • Die Belegdichte der Dendrochronologie sowie deren
  • Der um 300 Jahre versetzte Langzeittrend der C14-'Kalibrierung'
  • Das Zustandekommen geradliniger 'Wiggels' bei C14
  • Die von der Kalibrierkurvensteigung abhängige Streuung C14-Messungen
  • 300 Jahre Abweichung bei C14 aus (sog. Varven)
  • Die Korrelation zwischen Eichenwuchs und C14
  • Die Entwicklung der Schriftlichkeit des Handels-

Ein weiterer Diskussionspunkt findet sich in Kalenderreform Gregors XIII. der 1582 den Gregorianischen Kalender einführte. Den 1600 Jahre alten Julianischen Kalender veränderte er dahingehend dass die vollen wie 1700 1800 und 1900 keine Schaltjahre mehr sind - außer wenn sie 400 teilbar sind wie 1600 oder 2000 . Da der Julianische Kalender 44 v. Chr. eingeführt worden war hätte man seitdem Tage zuviel gezählt haben müssen. Nach der Inter Gravissimas ("..vernum aequinoctium quod a patribus Concilii ad xii. Kalend Aprilis fuit constitutum") Papst wurden aber nur zehn Tage aus dem Kalender gestrichen. Der nahm also wahrscheinlich nicht Caesars Kalenderreform sondern Erste Konzil von Nicäa ( 325 ) als Ausgangspunkt. Welches der beiden Ereignisse nun aber als tatsächlichen Ausgangspunkt für seine nahm gilt zwischen Gegnern und Anhängern der nach wie vor als Streitpunkt.

Reaktion in der Öffentlichkeit

Das Interesse an der Chronologiekritik im sowie an Illigs These mag auch darin sein dass das Postulieren einer Phantomzeit für viele Leser eine bestehende Lücke ihrer zeitlichen Vorstellung der Geschichte Europas füllt -- im Geschichtsunterricht der heutigen Zeit werden solche Zeiten die nach heutiger nichts zur Aufklärung beitrugen kaum behandelt.

Ein weiterer Grund für den Medienerfolg mag die prinzipielle Neigung der Öffentlichkeit sein ihr Ohr zu leihen deren Thesen vom akademischen Wissenschaftsbetrieb übergangen werden.

Illigs bietet vermeintlich einfache Erklärung für historische Materie an. Wegen seines populärwissenschaftlichen Ansatzes er außerhalb der wissenschaftlichen Veröffentlichungswege ohne fachwissenschaftliche ( peer-review ) vermarktet wird er von seinen Gegnern die Nähe von Autoren wie z.B. Erich von Däniken gerückt.

Literatur

  • Heribert Illig: Das erfundene Mittelalter. Die größte Zeitfälschung der . ISBN 3548364292
  • Heribert Illig: Wer hat an der Uhr gedreht? Wie Jahre Geschichte erfunden wurden . ISBN 3548750648
  • Uwe Topper: Erfundene Geschichte . ISBN 3776620854
  • Hans Constantin Faußner: Wibald von Stablo: Seine Königsurkunden und ihre aus rechtshistorischer Sicht. 4 Bände. Hildesheim 2003.

Weblinks

Erwiderungen auf die Thesen:




Bücher zum Thema Erfundenes Mittelalter

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