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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenSonntag, 20. Oktober 2019 

Wehler, Hans-Ulrich, Bd.4 : Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949


von Hans-Ulrich Wehler

ISBN: 3406322646

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Mit dem vierten und vorletzten Band seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte nähert sich Hans-Ulrich Wehlers Großprojekt seinem Ende. Schon jetzt dürfen wir resümieren: Nicht nur gemessen an seinem Umfang ist das ein großes Werk. Vor nunmehr drei Jahrzehnten hat der Autor seine Arbeit daran mit der Maxime begonnen, dass dabei nicht eine politische Geschichte im herkömmlichen Sinne herauskommen, sondern vielmehr die Genese der Gesellschaft als Wurzelgrund, aber auch Ergebnis des politisch-historischen Geschehens nachgezeichnet werden sollte.

Die Fragen, die dem vierten, den Jahren 1914 bis 1949 gewidmeten Band aus dieser Perspektive unterlegt sind, sind die nach den Ursachen für das Scheitern der Weimarer Republik und den darauf folgenden Absturz der deutschen Kulturnation in die Barbarei des Nationalsozialismus und des Holocaust. Kennzeichnend für das "Zeitalter der Extreme" ist die Radikalisierung der politischen Ränder. Der Würgegriff des totalitär-revolutionären Kommunismus auf der einen und des im Nationalsozialismus gipfelnden radikalen Nationalismus auf der anderen Seite, so Wehlers Fazit, mussten Weimar die Luft abschnüren.

Im Anschluss daran konzentriert sich die Analyse vor allem auf die zwölfjährige NS-Diktatur. Interessant ist hier, welche Aufmerksamkeit Wehler, dem gewiss nicht nachgesagt werden kann, die vielfältigen gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen im Vorfeld der "Machtergreifung" von 1933 in ihrer Bedeutung zu unterschätzen, der Person Adolf Hitler widmet. Ohne dessen "charismatische Herrschaft" -- die freilich ein entsprechendes gesellschaftliches Bedürfnis voraussetzte -- hätte es die auf nichts als Vernichtung zielende "Rassenpoltik" der Nationalsozialisten nicht gegeben. Dabei übersieht der Autor keineswegs, dass die Vernichtungspolitik der Nazis sich nicht nur in den großen Vernichtungsfabriken vollzog, sondern in nicht minderem Umfang durch die zahlreichen Erschießungskommandos hinter der Front vollstreckt wurde.

Der 50-seitige Schlussteil, der die "Folgen des zweiten verlorenen Totalen Krieges" bis zum Jahr 1949 resümiert, ist bereits Überleitung zum fünften und abschließenden Band, auf den wir bereits gespannt warten. --Andreas Vierecke

Erstaunlich
Auch wer schon viele Bücher über diese 35 Jahre deutscher Geschichte gelesen hat, wird erstaunt sein über die zahlreichen Details und Zusammenhänge die Wehler in seinem neuen Buch sammelt und beschreibt. Das besondere an diesem Buch ist der Beweis, dass hervorragende Geschichtsscheibung auch ein gutes soziologisches Verständnis erfordert. Zudem ist das Buch, auch wenn dies bei fast 1000 Seiten kaum zu glauben ist, spannend geschrieben.

Autoren von Geschichtsbüchern zerfallen häufig in die beide Kategorien Detailfuchser(Davies, Craig) und Leute, die einen bestimmten Zusammenhang darstellen wollen (Toynbee, McNeil, Blackbourn, Wright). Es gibt nur ganz wenige, die eine Liebe zum Detail mit einer interessanten Aussage verbinden können (Finer, Elias, Braudel). Wehler gehört zu dieser interessanten dritten Gruppe.

Die Schwächen des Buches sollten niemanden, den diese Zeit interessiert, abschrecken, weil es sich im Verglich zur Leistung wirklich nur um Kleinigkeiten handelt:

1. Die Ausfälle gegen das hervorragende Buch "Der Lange Weg nach Westen" von Winkler sind überflüssig. Es stimmt, dass Winkler ehr zur zweiten Gruppe der Geschichtsautoren zählt, aber Ihm deshalb ein teleologisches Geschichtsbild vorzuwerfen ist einfach falsch.
2. Das erste Viertel des Buches ist mit unsäglichem Alt-Linken Vokabular durchsetzt (Pauperisierung statt Verarmung etc.), das das Lesen erschwert und überhaupt keinen Erkenntinsgewinn bringt.
3. Wehler versteht wenig von wirtschaftlichen Zusammenhängen. Oft ist das das Ende eines guten Geschichtsbuches, nicht jedoch hier. Dennoch: Wehler nutzt viele interessante Preise, Indizes und Bruttoinlandsprodukte im Zeitverlauf doch es bleibt dem Leser überlassen, zu vermuten, dass diese Zahlen wirklich aussagekräftig (d.h. insbesondere inflationsbereinigt) sind. Nur selten findet man einen Kommentar wie "zu Preisen von 1914". Dies ist das einize ernsthaft Bedauerliche an diesem Buch, denn es gibt nur wenige Hochinteressierte, die aus dem Stand sagen können, in welchem realen Verhältnis eine Mrd. Mark von 1914 und eine Mrd. Mark von 1938 stehen.
4. Ausserdem würde man sich manchmal eine einfache Tabelle wünschen, statt zwei dichter Textabsätze, die eine Tabelle beschreiben.

Alles in allem ist dies, wie gesagt, ein wirklich gutes Buch über die Weltkriege. Das Buch wirft ein besonderes Licht auf die Rolle Hitlers im dritten Reich. Auch wenn eilige Leser zu diesem Thema sich auf Haffners "Anmerkungen zu Hitler" beschränken sollten, bleibt dieses Buch ein Meilenstein moderner Geschichtsschreibung.

Machen Männer doch Geschichte?
Mit seinen ersten drei Bänden zur „Deutschen Gesellschaftsgeschichte" steht Wehler beispielhaft für eine Art Geschichtsschreibung und Geschichtsforschung, bei der die Geschichte der politischen Ereignisse und der sie gestaltenden Personen hinter die langfristigen Determinanten der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte zurücktritt. Bei dieser Auffassung von Geschichte sind nicht die politischen Führer die Treibenden, sondern von der allgemeinen Entwicklung Getriebene mit nur begrenzten Freiheitsgraden der Entscheidung. Diese in den ersten drei Bänden von Wehler in vorbildlicher Weise durchgehaltene Sicht der Geschichtsbetrachtung wird im vierten Band durchbrochen, indem Hitler als Persönlichkeit eine besondere Rolle zugeschrieben wird. Wehlers Kritiker werden sich an diesem Punkt und an seinen Wertungen festbeißen. Aber dort, wo Wehler ganz zu Hause ist, also z.B. in der Bildungsgeschichte, bei der Entwicklung der Sozialstruktur und des sozialen Auf- und Abstiegs, da ist auch dieser vierte Band zweifellos wieder eine Fundgrube an Gelehrsamkeit und überragender Kompetenz. Beeindruckend ist die Übersicht über die Fachliteratur. Schade nur, daß man bei den statistischen Zahlen, die er nennt, bei seiner Zitierweise nie richtig weiß, aus welcher Quelle er sie eigentlich entnommen hat, was aber für die kritische Bewertung oft wichtig wäre. Dieser Versuch, mit seiner Schreibweise praktisch als Schiedsrichter über den Fakten zu schweben, ist eine durchgängige Eigenschaft aller dieser vier Bände. Wenn Wehler feststellt, daß die deutsche Wirtschaft 1928 und dann schon wieder 1950 - trotz zweier verlorener Kriege - wieder das jeweilige Vorkriegsniveau überschritten hatte und auf dem Vormarsch war - dann richtet sich sein Blick auf die eigentlichen Konstanten der geschichtlichen Entwicklung, an deren Bedeutung er in diesem Band selbst etwas weniger zu glauben scheint. Man darf jetzt schon auf den noch ausstehenden fünften Band des "Harry Potters der Historiker" gespannt sein.
Siehe auch:

> Wehler, Hans-Ulrich, Bd.4 : Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949
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