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Kampf der Kulturen


von Samuel P. Huntington

ISBN: 3442755069

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Sind die Weltkuluren Feinde untereinander?
Huntington, Samuel: Kampf der Kulturen
Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert
6. Auflage, München-Wien 1997

Das Buch ist nach dem Ende des kalten Krieges entstanden. Der Autor ist Professor für politische Wissenschaften an der Universität in Harvard. Er schrieb zunächst, 1993, einen Artikel in der Zeitschr4ift "Foreign Affairs" mit dem Titel "The Clash of Civilisations?". Dieser enthielt schon die zentrale These des nach weltweiter Diskussion über den Artikel geschriebenen Buches: Die großen Auseinandersetzungen der Weltpolitik werden im 21. Jahrhundert zwischen den sieben großen Kulturen stattfinden, nicht mehr zwischen den beiden großen Blöcken des kalten Krieges.

Die sieben - oder acht - großen Kulturen mit großen, zum Teil unüberbrückbaren Gegensätzen
sind :
 Die westliche Kultur (Mittel- und Westeuropa, USA, Kanada, Australien und Neuseeland) mit dem westlichen Christentum als vorherrschender und wertgebender Religion (römisch-katholisch) und protestantisch). Australien hat mit geringem Erfolg versucht, sich Asien zu nähern. Es wird aber wohl im westlichen Kulturkreis bleiben.
 Die lateinamerikanische Kultur mit römisch-katholischer Religion, aber deutliche unterschieden von der westlichen Kultur, erläutert am Beispiel Mexikos. Mexiko und den USA gelingt es trotz immer wieder unternommener Versuche nicht, Mexiko auch nur in die NAFTA (nordamerikanische Freihandelszome) zu integrieren.
 Die orthodoxe Kultur mit Rußland als Kernland, dazu Weißrußland, dem östlichen Teil der Ukraine, den orthodoxen Teilen des Balkans, den GUS-Staaten; einige der GUS-Staaten sind islamistisch geprägt, sie lassen sich also nicht eindeutig zuordnen.
 Die islamische Kultur, von Indonesien bis Marokko.
 Die hinduistische Kultur (fast nur Indien)
 Die sinische (Festland-China), Taiwan, Singapur, Hongkong) mit dem Buddhismus-Konfuzianismus als Religion.
 Die japanische Kultur mit dem Zen-Buddhismus.
 Die afrikanische Kultur mit Stammesreligionen.

Der Westen habe vom 15. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts weite Teile der Welt mit einigem Erfolg westlich beeinflußt. Im 20. Jhdt hat sich das ziemlich radikal verloren.. Heute kann der Westen die anderen Kulturen kaum mehr beeinflussen. Sie übernehmen vielleicht noch westliche Technik, aber nicht mehr seine Werte und die daraus resultierenden Haltungen und Handlungen.

Dreimal hätten Staaten versucht, aus ihrer Kultur auszuscheiden und westliche zu werden: Japan, die Türkei und Mexiko. Dreimal ist es mißlungen. Japan hat sich zwar westliche Technik und westliches Recht angeeignet, ist aber ein Staat mit der prägenden Religion und Kultur des Zen-Bhuddismus geblieben. Ähnlich lief es in der Türkei und in Mexiko.

Der Westen müsse daraus die Konsequenzen ziehen:
 Westlich bleiben, die westliche Religion und Kultur erhalten und pflegen,
 nicht versuchen, multikulturell zu werden,
 nicht versuchen, seine Werte und Haltungen anderen Kulturen aufzuzwingen.

China werde versuchen, die alles dominierende Macht in Ostasien zu werden. Japan könnte dann keinen anderen Ausweg sehen als sich China mehr oder weniger anzuschließen. Der Westen kann das direkt nicht verhindern. Er kann allenfalls versuchen, Indien und Rußland als die Kernländer der beiden benachbarten Kulturen zu Gegengewichten gemeinsam mit ihm selbst zu entwickeln.

Huntington sagt, daß die Muslims in der Golfregion, besonders in Kuweit, ihre erfolgreiche Befreiung vom irakischen Eroberer Saddam Hussein, 1991 durch die USA geschehen, heute nicht mehr mit Dankbarkeit sehen, sondern mit Haß. Sie wissen, daß sie selbst und ihre Glaubensbrüder das nicht erreicht hätten. (Im Februar 2003 zteigten aber Fernsehbilder, wie in Kuweit die Befreiung von Saddam Hussein vor 12 Jahren gefeiert wurde, ohne irgendein Zeichen von Feindschaft zu den USA.)

Was folgt daraus für die nähere Zukunft heute, am Samstag, dem 9.März 2003, zwei Tage vor der wahrscheinlich wieder kontroversen Sitzung des Sicherheitsrates der UNO? Huntington könnte etwa sagen:
 Der jetzige Haß fast aller Muslime auf die USA würde sich nach einem erfolgreichen Krieg nicht ändern; eher würde er sich verstärken. Es ist deshalb fast aussichtslos, nach einem erfolgreichen Krieg und der Entmachtung Saddam Husseins, durch die Besatzungsmacht USA eine von allen respektierte, demokratisch legitimierte Regierung aus einheimischen Kräften einzusetzen. Sogar der wahrscheinlich beginnenden Wohlstand nach Wiederaufnahme des vollen Betriebs der irakischen Ölquellen nicht sicher zum inneren Frieden oder auch nur zu einem begrenzten modus vivendi beitragen.
 Die Bevölkerung fast aller Länder des Westens lehnt einen Krieg gegen den Irak zur Zeit so heftig ab, daß die Regierungen, auch die von Großbritannien, den USAS kaum militärische Unterstützung geben werden. Sie werden es bestenfalls bei wohlwollender Neutralität, verbunden mit logistischer Unterstützung, belassen.
 Der Streit des Westens um die Frage "Krieg jetzt oder (jetzt noch?) nicht?" kann den Westen seiner Autorität in der Weltpolitik berauben.

Dr. Paul Möllers

Unbedingt lesen!
Kaum eine politikwissenschaftliche These hat in den vergangenen Jahren für mehr Kontroversen gesorgt als die vom "Kampf der Kulturen". Ihre Anhänger sehen vor allem nach dem 11. September 2001 die Analyse des Autors bestätigt, dass nichtwestliche Kulturen darauf aus seien, den Westen zu zerstören. Huntingtons zahlreiche Gegner kritisieren jedoch sein stark vereinfachendes Weltbild sowie mangelnde wissenschaftliche Genauigkeit. So teilt er die Welt z. B. in sieben oder acht Kulturkreise ein, die alle unterschiedlichen Kriterien entsprechen - religiösen, historischen oder geographischen. Interkulturelle Gemeinsamkeiten zwischen Menschen, wie etwa die Tatsache, dass ein indischer Computerspezialist mehr mit seinem amerikanischen Kollegen gemeinsam haben könnte als mit einem Strassenkind in Kalkutta, ignoriert er vollständig. Sein Verdienst liegt aber darin, die Aufmerksamkeit auf den kulturellen Faktor in internationalen Konflikten gelenkt zu haben. Die Schlussfolgerungen zu akzeptieren oder nicht, bleibt letztlich dem Leser überlassen. Wir empfehlen das Werk allen, die in einer der wichtigsten Diskussionen der Gegenwart mitreden wollen.

Brandtaktuelle Deutung des weltpolitischen Geschehens
Aus soziologischer Sicht ist das Buch sicherlich schwierig einzuschätzen. Es verfügt dafür über zu viele methodische und auch theoretische Mängel. Aber Huntington betont selber, daß er kein fachwissenschaftliches Buch geschrieben hat, sondern vielmehr seine Deutung der weltpolitischen Lage zu Papier gebracht hat. Und als solche finde ich das Buch gerade für den interessierten Laien sehr lehrreich und unbedingt empfehlenswert. Es erweitert die Wahrnehmungsperspektive über den europäischen Horizont hinaus auf andere Kulturen. Weniger auf deren Eigenheit, als vielmehr auf deren Anspruch, selbstbestimmt leben zu wollen. Allerdings wird dem Westen Dekadenz unterstellt, wenn ihm zunehmend die (wirtschaftliche und politische) Macht und vielleicht auch das Bewußtsein der besonderen Auserwähltheit fehlt, um seine Kultur über den ganzen Globus verbreiten zu wollen. Vielleicht ist es typisch amerikanisch, dies zu bedauern und typisch europäisch, dieses Sendungsbewußtsein als vorlaut und unsensibel anzusehen. Das Buch zeigt sehr deutlich die möglichen Folgen und schon aktuellen Gegenbewegungen gegen den westlichen Kulturimperialismus in Form von Privatfernsehen und Fast-Food und eine von Europa und Amerika dominierte Globalisierung westlicher Demokratievorstellungen und Wirtschaftformen auf, was besonders nach dem 11. September eine brennende Aktualität wiedererlangt hat. Insofern ist das Buch sehr interessant zu lesen und generell in seiner Argumentation nicht unplausibel. Immer bewußt sollte man sich aber sein, daß in den Analyse die Tiefenschärfe fehlt (besonders wenn es um das historische Verhältnis der verschiedenen Kulturen zu einander geht) und daß so manches Szenario mehr oder minder reine Spekulation ist.
Siehe auch:

> Kampf der Kulturen
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