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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDienstag, 22. Oktober 2019 

Das Christentum


von Hans Küng

Kategorie: Allgemein
ISBN: 349203747X

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Hans Küng würdigt das Christentum und stellt ihm Fragen
Sechs Phasen der Geschichte und Entwicklung des Christentums lassen sich nach Küng unterscheiden. Er wählt zur Abgrenzung den Begriff „Paradigma", d.h. Gesamtkonstellation von Überzeugungen, Werten und Verfahrensweisen in einer Gemeinschaft. Die erste Phase umfaßt die etwa sieben Jahrzehnte nach Christi Tod. Es ist die Zeit des urchristlich-apokalyptischen Paradigmas mit Petrus, Jacobus und Paulus. Es folgt das altkirchlich-hellenistische Paradigma der Patristiker, u.a. Origines. Nachdem im 4. Jhdt. das Christentums durch Kaiser Konstantin zur Reichsreligion erklärt wurde, konnte sich in mehr als acht Jahrhunderten das mittelalterliche römisch-katholische Paradigma entwickeln. Eine der Folgen war die Spaltung zwischen westlichem und östlichem Christentum, zwischen Rom und Byzanz, mit endgültiger Trennung im Jahr 1053.

Luther leitete das reformatorisch-protestantische Paradigma ein, Schleiermacher und weitere liberale Theologen des 19. Jhdts. Entwickelten es weiter zum aufgeklärt-modernen P. Das 2. Vatikanische Konzil, 1965 endend, erweckte Hoffnungen auf den Beginn des „Zeitgenössischen ökumenischen, nach-modernen" Paradigmas. Bis dahin verblieb die römisch-katholische Kirche, so Küng, weitgehend im mittelalterlichen römisch-katholischen Paradigma. Er sieht für die heutige Zeit noch vier aus alten Paradigmata verbliebene Denkrichtungen, den orthodoxen Traditionalismus, den römisch-katholischen Autoritatismus, den protestantischen Fundamentalismus, den liberalen Modernismus.

Die Geschichte des Christentums, eingeteilt in diese sechs Phasen, wird mit einer bis heute wohl noch nie erreichten Fülle wesentlicher Einzelheiten beschrieben und in überschaubare Zusammenhänge gebracht. Denkanstöße und Kritik regen den Leser an. Mehr als zwanzig Mal wird ein Kapitel zusammengefaßt unter dem Motto „Fragen für die Zukunft". Diese Fragen werden häufig auch an das Judentum und den Islam gerichtet. Eine Reihe von gut durchdachten und übersichtlich gestalteten Schemata erleichtert den Überblick.

Zu wünschen wäre allerdings, daß Küngs häufige, berechtigte Kritik an verschiedenen Päpsten, der römischen Kurie und den Ordensgemeinschaften zwar deutlich in der Sache, aber manchmal etwas zurückhaltender in der Form geblieben wäre. Küng schreibt z.B., Papst Joh. Paul II. habe sich dadurch „lächerlich gemacht", daß er meinte, Galilei 350 Jahre nach dessen Tod rehabilitieren zu können (S. 764) .

Hätte hier nicht die Frage genügt, was der Papst mit diesem Zugeben eines groben Fehlers seiner Vorgänger noch erreichen konnte?

Auf S. 406 wird gar in einem einzigen Satz die „Mission der Neuzeit" mit den Kreuzzügen des hohen Mittelalters, den Religionskriegen und der Kolonisation genannt; diese alle, also nach Küngs Worten auch die Mission der Neuzeit, hätten „riesige Spuren von Gewalt, Blut und Tränen zurückgelassen". Der Jesuit Las Casas, das deutlichste Beispiel für das Gegenteil, wird nur in anderem Zusammenhang erwähnt (S. 746). Wäre hier nicht eine Würdigung der so zahlreichen Missionare und Missionarinnen unentbehrlich, die soviel Gutes für die kolonisierten Völker bis heute nicht nur gewollt, sondern auch erreicht haben? Wie groß ist ihnen gegenüber wohl der Anteil von christlichen Missionaren, die wirklich die erwähnten riesigen Spuren von Gewalt, Blut und Tränen hinterlassen haben??? Küng müßte bei diesem ungeheuren Vorwurf zumindest Beispiele und gerechterweise auch Gegenbeispiele nennen.

Wie schon im ersten Band der Trilogie „Das Judentum", „Das Christentum" und „Der Islam" (geplant) erfährt sogar derjenige Leser sehr viel für ihn Neues und Wissenswertes, der mit einigem Recht glaubte, gut unterrichtet zu sein. Wieder zeigt sich Küngs Kunst, die Fülle des Stoffs und seiner nicht geringen Schwierigkeit durch gute Gliederung und klaren Stil so zu vermitteln, daß der aufmerksame, aber fachfremde Leser nicht überfordert wird, dabei versteht und behält.

Man darf gespannt sein auf den nun schon seit über zehn Jahren angekündigten dritten Band zum Islam. Küng hat formuliert „Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen." Zu solchem Dialog zwischen Juden, Christen und vor allem Moslems bedarf es aber noch vieler Kenntnisse. Wird Küng die über den Islam so sehr gut vermitteln können wie in den beiden anderen Büchern? Das darf man nach sweinen ersten beiden Bänden dieser Reihe annehmen.

Ein wichtiges Buch!
Gehören Sie auch zu den Menschen, die öfter mal aus den verschiedensten Anlässen heraus Kritik an der Kirche äusserten ohne nun genau zu wissen in welchen kirchengeschichtlichen Kontext denn jener "Stein des Anstosses" eingebettet ist? Das vorliegende Buch beschreibt in seinem chronologisch gegliederten Hauptteil die Entstehung des Urchristentums mit Jesus als seiner Zentralfigur hinweg zu seiner zunehmenden Institutionalisierung im Rahmen des Machtfaktors "Kirche". Trotz jenes gewaltig umspannenden, geschichtlichen Erbes gelingt es Küng fabelhaft und spannend zugleich, das wahre Wesen, die unteilbare Glaubenssubstanz des ersten Christen, aus den verschiedenen Paradigmen der jeweiligen Weltepochen herauszufiltern um zu fragen "Was ist davon übrig geblieben?". Des gemeinsamen Ursprungs aller drei monotheistischen Religionen angedenk, hält der Autor immer wieder inne und stellt das Christentum dem Judentum und dem Islam gegenüber. In suggestiv fragender Weise Anregungen für ein versöhnliches Miteinander zu bieten und gleichzeitig deren Gemeinsamkeiten zu unterstreichen ist Küng ein generelles Anliegen.
Natürlich wird man sich nicht alle Einzelheiten und geschichtlichen Daten merken können; aber die grundlegenden Zusammenhänge verstanden zu haben, wird einen mit Freude erfüllen.

Und....lässt sich abschliessend nicht trefflicher kritisieren, wenn man die Zusammenhänge verstanden hat und die Ursachen kennt?

An die Wurzel des Christentums
Küng analysiert - ausgehend vom Urchristentum - in diesem Buch die Entwicklung des Christentums. Unter Christentum versteht er nicht nur die erfahrenen, gelebten oder gelehrten Glaubensinhalte, sondern auch das Selbstverständnis und die Struktur der Kirchen, Gemeinde, religiösen Bräuche und die Wechselwirkungen mit politischen, sozialen, wirtschaftlichen Strömungen und Kräften. Seine Arbeit gestaltet er in Form einer „Paradigmenanalyse", der Bestimmung der für das Christentum typischen Wesensmale, Strukturen innerhalb eines historischen Kontexts, und unterscheidet dabei das jüdisch-apokalyptische Paradigma, das ökumenisch-hellenistische Paradigma, das römisch-katholische Paradigma, das protestantisch-evangelische Paradigma und das vernunft- und fortschrittsorientierte Paradigma der Moderne, wobei die Analyse des römisch-katholischen Paradigmas den größten Raum einnimmt.

Es gelingt Küng in atemberaubend klarer Weise, Denkzusammenhänge, geschichtliche Entwicklungen innerhalb des Christentums und deren Folgen für Kirche und Gesellschaft aufzuzeigen. Die zum größten Teil chronologische Vorgehensweise hilft dem Leser beim Verständnis vieler grober Zusammenhänge, aber auch vieler Details. Die Entwicklung, Dogmatisierung und Formalisierung von Glaubensinhalten (zum Beispiel der Dreifaltigkeit oder auch der Sakramente) bilden neben der allmählich wachsenden Stellung des Papsttums den Schwerpunkt des Buchs. Bei der Diskussion der Position des Papstes sind auch die einzigen suggestiven und vielleicht auch etwas einseitigen Darstellungen in über 900 Seiten Test zu finden, was sich vielleicht aus der Biographie des Autors verstehen lässt.

Die Synthese von Kirchengeschichte und Dogmatik führte bei mir zu vielen „Aha-Erlebnissen", so dass dieses Buch für mich zu den wichtigsten gehört, die ich je gelesen habe. Küngs etwas professoraler Stil - er verwendet sehr viele Fremdwörter - macht das Lesen des Buchs an einigen Stellen etwas schwierig; leider verwirren die schematischen Darstellungen oft mehr als sie helfen. Auf Grund seiner klaren, manchmal etwas formalistischen Textstrukturierung findet man leicht wieder zurück zum Inhalt, der mir Einsichten verschafft hat, von denen ich vorher keine Ahnung hatte. Ich bin davon überzeugt, dass auch Leser, die keinen festen Bezug zum christlichen Glauben haben, diese Begeisterung nachempfinden können, und ihnen ein Zugang zu den wesentlichen Glaubensinhalten dadurch eröffnet wird, dass sie erkennen, welche Teile des Erscheinungsbilds der Christenheit nur Produkte oder Artefakte geschichtlicher Entwicklung darstellen.
Siehe auch:

Allgemein > Das Christentum
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