Studium, Ausbildung und Beruf

web uni-protokolle.de
 powered by
NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenSamstag, 8. August 2020 

Ungeschehene Geschichte


von Alexander Demandt

ISBN: 3525340222

Kommentar abgeben
Zeitreise durch die (fiktive) Weltgeschichte ...
Was wäre, wenn Alexander der Große nicht schon 323 v. Chr. Gestorben wäre /Hannibal nach dem Sieg von Cannae versucht hätte, Rom einzunehmen /Dschingis Khan fähige Erben gehabt hätte, die sein Reich vor dem Zusammenbruch bewahrt hätten ?

Die Berechtigung der Hinterfragung fiktiver Geschehensabläufe ist Thema des Buches. Dabei nimmt zunächst ein Großteil des Buches die wissenschaftliche Erörterung ein, inwieweit das Aufwerfen dieser Fragen nur ein für einen Historiker unseriöses Glasperlenspiel ist. Der Autor kommt - durchaus überzeugend - zu dem Schluss, dass diese Methode nicht nur seine Berechtigung hat, sondern den Horizont erweitert.
Klar wird, dass Geschichte nicht determiniert/vorherbestimmt ist (wie z.Bsp. der Histor. Materialismus (Marx) behauptet), sondern stellenweise ganz anders verlaufen wäre, wenn man nur kleine „Stellschrauben" verstellt.

Allerdings darf man dies auch nicht überbewerten (im Sinne einer Überbewertung der Bedeutung von einzelnen Personen (Kaiser/Feldherren, etc):
Ob Hannibal tatsächlich das Römische Weltreich verhindert hätte , ist im Hinblick auf die Tatsache, dass das karthagische Reich -im Gegensatz zur jungen röm. Republik - im Niedergang begriffen war, sehr fraglich. Genauso fraglich ist, ob bei einem Sieg von Brutus/Cassius gegen Octavian tatsächlich die Republik hätte gerettet werden können.
Hingegen hätte das Weiterwirken von Alex. d. Großen den Hellenismus in der Welt verbreitet und gefestigt. Auch ein Sieg der Römer gegen Arminius hätte weitreichende Folgen gehabt (Romanisierung der Germanen).

Fazit :
1) Die vielen Einzelbeispiele zur Frage „Was wäre wenn" und deren (allerdings meist kurze) Beantwortung ist für den historisch Interessierten unglaublich spannend und interessant.
2) Die Grundthese des Buches überzeugt, indem die wissenschaftliche Beschäftigung mit anderen Geschehensabläufen sinnvoll ist und „klüger macht". Voraussetzung ist natürlich ein historisches Grundwissen.
Als kleiner Kritikpunkt bleibt, dass sich der Autor zu sehr mit der Legitimation/Begründung dieser Forschungsmethode aufhält. Das Hauptaugenmerk auf konkrete Beispiele hätte das Buch leichter lesbar gemacht.

Kurz und anregend
Die Diskussion um die sog. kontrafaktische Geschichte ist seit einigen Jahren heftig entbrannt, woran Demandt einen nicht geringen Anteil hat. In diesem knapp gehaltenen Büchlein versucht er, der "What if"-Geschichtsschreibung so etwas wie eine Methodologie zu verpassen und damit im Grunde eine Verwissenschaftlichung zu betreiben. Leider wirkt das nicht immer so recht überzeugend. Zwar weist er zu recht darauf hin, daß kontrafaktische Urteile häufig ungewollt und und vielleicht auch unvermeidlich getroffen werden, aber die Überlegung, daß bereits das Verantwortlichmachen von Personen ein kontrafaktisches Urteil sei, kann ich nicht nachvollziehen. Um es selbst einmal kontrafaktisch zu demonstrieren: Hätte es Rudolf Höß oder Adolf Eichmann nicht gegeben, wäre der Holocaust kaum wg. Personalmangels ausgefallen - unzweifelhaft sind sie aber verantwortlich dafür.
Dennoch ist es ein ungemein anregendes Werk, wenn man sich für historische Methodologie interessiert.
Siehe auch:

> Ungeschehene Geschichte
ImpressumLesezeichen setzenSeite versendenSeite drucken

HTML-Code zum Verweis auf diese Seite:
<a href="http://www.uni-protokolle.de/buecher/isbn/3525340222/">Ungeschehene Geschichte </a>