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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenSonntag, 15. September 2019 

Die Wannsee-Konferenz


von Mark Roseman

ISBN: 3548364039

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Die Perspektive verschiebt sich
Lange Zeit ist das „Protokoll" dier Wannsee-Konferenz vom 20.1.1942, das auf 15 Seiten (von denen etwa die Hälfte den Mischlingsfragen gewidmet sind) als beweisträchtiges Schlüsseldokument angesehen worden für den Entschluss der NS-Führung, die Juden in ihrem Machtbereich physisch zu vernichten. Roseman stellt die Dinge wesentlich differenzierter dar, deswegen heißt es im englischen Titel auch "...a Reconsideration".

Sein Buch ist voller Sätze, in denen bisherige Interpretationen relativiert, zurückgenommen oder in Frage gestellt werden. So zitiert er (S. 9) Eberhard Jäckel, der sich fragt, warum diese Konferenz überhaupt stattgefunden hat, er vermerkt (S. 10f), dass die Dokumentenlage alles andere als umfassend ist und wir darüber nur spekulieren können, er stellt fest (S. 51), es gäbe keinen einzelnen klaren Befehl, alle Juden zu ermorden (David Irving wird dies mit Befriedigung vermerkt haben), er beklagt (S. 53) den Mangel an amtlichen Akten, nennt Eintragungen in Himmlers Dienstkalender rätselhaft, oder stößt sich an der Abwesenheit von wichtigen Dienststellen, wie Reichsbahn, Wehrmacht, oder der Kanzlei des Führers - wenn auch nicht an der merkwürdigen Tatsache, dass Heydrich in der Teilnehmerliste gar nicht erscheint.

Trotz dieser und anderer Unsicherheiten in Bezug auf Fakten oder Interpretationen kommt Roseman auf S. 111 zu dem Schluss, dass von diesem Zeitpunkt an die „Endlösung" den Tod aller europäischen Juden bedeutete, denn so stünde es im Protokoll, obzwar bürokratisch verklausuliert. Hierbei ist jedoch anzumerken, dass das Wort „Tod" nicht generell mit „Tötung" gleichzusetzen war, wie sich an der entsprechenden Stelle aus den Überlegungen hinsichtlich der verschiedenen Gruppen von Juden ergibt. Fazit ist für Roseman, dass die Konferenz selbst kein Augenblick der Entscheidung war, sondern nur ein Hinweisschild auf eine veränderte politische Lage.

Vor der großen Bedeutung, die dem „Protokoll" lange Zeit hindurch zugemessen wurde, ist die Frage in den Hintergrund getreten, was denn nun in den verschiedenen Folgekonferenzen, die das Jahr 1942 markieren, besprochen bzw. entschieden worden ist. Ausgangspunkt der Wannsee-Konferenz war doch schließlich im Juli 1941 Görings Auftrag an Heydrich „in Bälde einen Gesamtentwurf ...zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen"; hierzu mussten ja nun entsprechende Arbeiten durchgeführt werden. Roseman erwähnt solche Folgetreffen im März und im Oktober 1942, misst ihnen aber eigentlich wenig Bedeutung zu. Man kommt nicht umhin, großen Langmut seitens Göring zu vermuten , vielleicht auch sein Desinteresse nach dem tödlichen Attentat auf Heydrich im Mai 1942 - jedenfalls relativiert dies die Bedeutung von Heydrichs Auftrag durchaus.

Im Zusammenhang mit den späteren Konferenzen ist eine Anmerkung bei Roseman interessant, die sich auf das sog. Schlegelberger-Dokument bezieht, demzufolge Hitler die „Endlösung" (in der ihr heute zugeschriebenen Form) abgelehnt habe. Roseman verweist hier explizit auf David Irvings Homepage, ist aber selbst eher skeptisch.

Gegenüber dem englischen Original beinhaltet die deutsche Ausgabe ein zusätzliches, vom Leiter der Wannsee-Gedenkstätte, Dr. Norbert Kampe, verfasstes und im Original nicht enthaltenes Kapitel, das sich mit den Unterschieden auseinandersetzt, die in den Abbildungen der diversen Dokumente dieses Komplexes in der Literatur aufgetreten sind. Kampe kreidet hier zu Recht dem Entdecker des Protokolls, Robert Kempner, handwerkliche Fehler an, die dieser bei seinem Umgang mit den Akten an diversen Stellen gemacht hat, unterstreicht aber, der Text sei stets korrekt nach dem Original wiedergegeben worden. Eine echte Dokumentenkritik ist dies verständlicherweise nicht, obwohl eine solche Arbeit weiterhin wünschenswert wäre angesichts der historischen Bedeutung dieser Papiere und der noch nicht ausgeräumten Unklarheiten in Bezug auf verschiedene Fragen hierzu.

Ein Gesichtspunkt, der in Bezug auf den Inhalt speziell des Protokolls große Bedeutung hat, ist das Problem der Sprache. Der Urtext ist natürlich in (einem unschön gestelzten) deutsch. Da es aber bei der Interpretation des Dokumentes sehr darauf ankommt, welcher Sinn diesem oder jenem Wort beigelegt wird, entsteht bei der Übertragung in fremde Sprachen ein grundsätzliches Problem dadurch, dass die Übersetzung durch die Einstellung des Übersetzers zum Text beeinflusst wird. An einem Beispiel von vielen aus der französischen Fassung des Protokolls, wie sie in der französischen Übersetzung von Rosemans Buch („Ordre du Jour: Génocide...", Audibert, 2002) gezeigt wird, soll dies deutlich gemacht werden:

Der deutsche Text lautet (S. 15 des Protokolls): „Mit der Bitte des Chefs... ihm bei der Durchführung der Lösungsarbeiten entsprechende Unterstützung zu gewähren, wurde die Sitzung geschlossen."

In der französischen Fassung heißt es „En mettant un terme à la réunion, le chef... demanda aux participants de lui accorder tout leur soutien dans l'exécution des tâches décidées."

Hier sind also aus diffusen ‚Lösungsarbeiten' konkrete ‚beschlossene Aufgaben' geworden und der unbefangene französische Leser bekommt einen ganz falschen Eindruck vom Stand der Forschung. War dies sozusagen vorauseilender Gehorsam des Übersetzers? Es steht zu befürchten, dass auch Übersetzungen des Protokolls in andere Sprachen ähnliche Bedenklichkeiten enthalten. Man muss sich auch fragen, inwieweit Roseman in der Lage war, den sogar für Deutsche schwierigen Text des „Protokolls" immer voll zu erfassen.

Wie unbefangen mit dem „Protokoll" heute umgegangen wird, zeigt sich auch darin, dass die filmisch sehr gute Darstellung der Konferenz (Deutschland, 1984), die zu passenden Gelegenheiten immer wieder vorgeführt wird, keinen Anspruch auf wörtliche Genauigkeit erhebt, während die in den USA gezeigte Fassung des selben Streifens vorgibt, dass ein stenographisches „Wortprotokoll" verbatim als Text des Drehbuchs verwendet wurde. So wird dem Zuschauer eine historische Genauigkeit vorgespiegelt, die es in dieser Sache nun einmal nicht gibt. Es wird lange dauern, bis sich die Erkenntnisse von Autoren wie Roseman gegen solche Dramatisierungen der Geschichte durchsetzen werden.
Siehe auch:

> Die Wannsee-Konferenz
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