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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDonnerstag, 9. Juli 2020 

Die deformierte Gesellschaft


von Meinhard Miegel

Kategorie: Zeitgeschichte -- Allgemeines
ISBN: 3548364403

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Ein aufklärendes Buch.....mit kleinen Mängeln
"Die deformierte Gesellschaft" ist sicherlich ein aufklärendes, aufweckendes und fesselndes Buch für jeden, der sich mit Politik befasst und wahrscheinlich schockierend für den, der sich kaum oder gar nicht damit befasst.

Ein Buch, welches eine Muss-Lektüre für Politiker UND mündige Bürger werden sollte. Alt-Bundespräsident Prof. Roman Herzog hat mit seiner berühmten Rede 1997 ("Durch Deutschland muss ein Ruck gehen") eine ähnliche Richtung eingeschlagen. Insofern hat dieses Buch nicht nur einen sehr informativen und interessanten Inhalt, sondern weckt hoffentlich auch Stimmungen, die in diesem Land lange nicht mehr zu Tage getreten sind.

Einzig die Tatsache, dass Miegel in meinen Augen zu sehr die Fehler und Versäumnisse sozialdemokratischer Regierungen aufzeigt, zeugt ein wenig von überzogenem Populismus und Parteikalkül. Aber das sollte man vorher wissen, dann relativiert man bereits beim Lesen.

Alles in allem aber ein sehr spannendes und anprangerndes Buch, das ich jedem Politik interessiertem Leser wärmstens empfehlen kann.

Noch ein Kritiker mehr-Aber wozu führt das?
Gut geprüllt, Löwe. Wie all die anderen Systemkritiker, die früher und heute immer noch, sich doch ganz gut mit diesem "überbordenden Sozialstaat" arrangiert haben. Auch in diesem Buch stehen alte Wahrheiten, die schon vor Jahrzehnten von Kritikern des nun real existierenden Sozialstaates aufgezeigt wurden. Aber es hat sie niemand gehört (hören wollen). Auch der hochgelobte (siehe die meisten Rezensionisten), Herr Meinhardt Miegel, hatte Gelegenheit -u.a. als Berater beim ehemaligen Ministerpräsitenden von Sachsen, Herrn Biedenkopf-, die Situation wie wir sie heute vorfinden, zu verändern. Doch ohne Erfolg, wie wir sehen können. Nun wird es mit einer Bürgerinitiative versucht...Warum? Für wem ist diese "Veranstaltung" gut? Nun, wie auch immer. Das Ende ist voraussehbar. An den Zuständen in Deutschland wird auch das nichts ändern.
Der bundesdeutsche Staat lässt bis zum heutigen Tag keine Möglichkeit aus, dem Bürger tiefer in die Taschen zu greifen. Direkte und indirekte Steuerhöhungen, "kalte Progression" der Lohnsteuer, höhere Abgaben an die Länder und Gemeinden, die Zwangversicherungen bei Renten- und Krankenkassen,...) lassen dem Bürger kaum eine Möglichkeit die Geschicke für sein eigenes Leben und das seiner Familie optimal zu gestalten und selbst in die Hand zu nehmen. Dieser Zustand ist aber nun nach 50 Jahren Bundesrepublik allen (oder fast allen) bekannt und geläufig. Wo bitte ist der Wegweiser, Herr Miegel? Festzustellen das immer alle an einem Zustand schuld sind, reicht mir nicht. Warum wird nicht einmal das Grundgesetz in Frage gestellt? Wie kann es demnach richtig sein, das sich Bundestagsabgeordnete ihre Diäten und Pensionen selbstgefällig festlegen und erhöhen? Warum werden die Rentenbeiträge bei diesen Bürgern, nicht, wie bei allen anderen auch, staatlich zwangsabgeführt? Wieso nur beim kleinen Mann, Herr Miegel? Nicht nur Trennung von Amt und Mandat, nein. Komplette Trennung von Politik und wirtschaftlichen Positionen (Aufsichtsrat, Vorständen usw.). Dadurch entstehen Verwerfungen wie wir sie gerade vorgeführt bekommen (beim Bau von Müllverbrennungsanlagen, Bestechungsskandale bei Energieunternehmen etc.). Nur, wer wird tiefgreifende Reformen vor allem bei sich selber vornehmen? Keiner. Auch das weiß fast jeder. Aus diesem Grund erwarte ich von einem Buchautor wie Herrn Miegel, nicht nur das Aufzählen von längst bekannten Wahrheiten, sondern Lösungsansätze mit laut höhrbaren Einschnitten und Tabubrüche bei allen Gruppierungen ohne Ausnahmen. Neid, Missgunst und der Gedanke benachteiligt zu werden, halten sich in Grenzen, wenn man sieht, das Opfer von allen zu gleichen Teilen erbracht werden.

Die demographische Zeitbombe
Meinhard Miegel beschreibt und analysiert (fast zu) ausführlich die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen seit Einführung der Bismarckschen Sozialgesetzgebung. Aus der vor 100 Jahren herrschenden Alterspyramide wird ein "Alterspilz", dem aufgrund steigender Lebenserwartung und sinkender Geburtenrate der Nachwuchs ausgeht. Gleichzeitig hat die sinkende Lebensarbeitszeit und steigende Produktivität die bundesdeutsche Arbeitswelt tiefgreifend verändert. Diese Veränderungen haben Auswirkungen auf die Wirtschaft, den Sozialstaat und die Bürgerinnen und Bürger, die mit einem timelag von mehreren Jahren bis Jahrzehnten erfolgen.
Einige interessante Sichtweisen werden dem Leser eröffnet:
1. Der Wohlstand der Nachkriegszeit bis in die 70'er Jahre wurde konsumiert - in privaten und staatlichen Haushalten gleichermaßen. Heute fehlt beiden das nötige Kapital als weitere Einnahmequelle.
2. Das Dilemma der Gewerkschaften: Deutschland ist eine Arbeitnehmergesellschaft. Die Gewerkschaften haben weitreichende Arbeitnehmerrechte durchgesetzt, allein es fehlen die Adressaten, die unter diesen Bedingungen bereit sind, unternehmerische Verantwortung zu übernehmen.
3. Es gibt in Deutschland keine Armut - wer von Armut spricht meint Gleichheit. Allerdings gibt es eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich.
4. Nicht Wirtschaftswachstum bedingt neue Arbeitsplätze, sondern der Ursache-Wirkung-Zusammenhang ist genau umgekehrt.
5. Die Mündigkeit des Bürgers endet, wo sie in Pflicht umschlägt: der ausufernde Sozialstaat hat die normal menschliche Solidarität verdrängt.
6. Die Angst vor Eliten als Reaktion auf das Versagen der Eliten in Nazideutschland ist nicht mehr zeitgemäß.
7. Der Sozialstaat wird als moderne Herrschaftsform definiert, in dem die Beschenkten ihre Gaben selbst bezahlen und sich darüber auch noch freuen.
8. Der Sozialstaat kann nur aufrecht erhalten werden, weil drei Mechanismen am Leben erhalten werden: die Angst vor dem totalen Inferno, Intransparenz bezüglich Leistung und Gegenleistung und Solidaritätsappelle.
9. Starke Schwache und schwache Starke: wer leistet eigentlich und wer empfängt Leistungen? 90% werden von rechts nach links und nicht von oben nach unten verteilt.
Mein Kommentar: Miegel versteht es, die Krise brilliant zu analysieren, und er weiß angenehm zu formulieren. Die Lektüre wirkt fesselnd und entlockt dem Leser immer wieder Aha-Effekte, weil mit klarer Sprache auf den Punkt gebracht wird, was viele ahnen, wenige wissen und kaum einer wagt zu sagen.
Der Weg aus dem Dilemma wird nicht ganz so deutlich beschrieben, weil sich Weichenstellungen für die Zukunft nur als Wahrscheinlichkeiten und nicht absolut erfassen lassen. Mit gesundem Menschenverstand und einem klaren Blick sollte jeder Leser aber entdecken, dass die Politik (insgesamt, nicht nur die herrschenden Parteien) derzeit diese Analyse nicht verstanden hat oder nicht verstehen will. Dies erkennt man an kurzfristigen Entscheidungen, die vielleicht für 12 Monate einen politischen und gesellschaftlichen Brennpunkt entschärfen. Nach Ablauf der Frist steht das Problem dann wieder vor der Tür, allerdings ist es mittlerweile ein Jahr älter und gewachsen.
Ein Ausweg: Verantwortung für sich übernehmen und die soziale, finanzielle und gesundheitliche Absicherung nicht abnehmen lassen.
Viel Spaß beim Lesen.
Siehe auch:

Zeitgeschichte -- Allgemeines > Die deformierte Gesellschaft
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