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Mir selber seltsam fremd Die Unmenschlichkeit des Krieges. Russland 1941-44


von Willy P. Reese

Kategorie: Romane & Erzählungen
ISBN: 3548604862

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"Pause. Urlaub in der Heimat. Heimkehr, Heimkehr! Und es war doch nur ein Zwischenspiel. Der Krieg ging weiter. Ich wanderte wieder hinaus. Ich liebte das Leben."

Letzte Sätze, geschrieben während eines Fronturlaubs, bevor es zurück an die Ostfront ging. Willy Peter Reese, der heute über 80 Jahre alt wäre, starb im Alter von nur 23 Jahren. Am 22. Juni 1944, dem Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, trat die Rote Armee westlich von Moskau zum entscheidenden Angriff an. Unter Dauerbeschuss hielten die Deutschen die Stellung bis zum letzten Mann. Reese war einer von ihnen. Seine Leiche wurde nie gefunden. Umso bedeutender sind seine nun wieder entdeckten Aufzeichnungen, die präzise Selbstanalyse eines Menschen und seiner schrittweisen Verrohung.

"Ich breche unter dieser Schuld zusammen -- und saufe!", schreibt der feinnervige und hoch gebildete Reese im September 1943. Seine Einheit hat auf dem Rückzug vor der Roten Armee Fabriken gesprengt, Ernten vernichtet, Menschen versklavt. Reese, der sich als künftiger Dichter sah, muss miterleben, wie eine russische Gefangene zu Nackttänzen gezwungen wird. Der weit gehend apolitische Reese ist kein Widerständler, beileibe aber auch kein schweigender Mitläufer. Im Schreiben manifestieren sich Protest und Ungläubigkeit eines, der sich und sein Tun durchleuchtet und sich Tag für Tag fremder wird.

150 im Fronturlaub eng beschriebene Schreibmaschinenseiten, entstanden nach Bleistiftnotizen, die der künftige Schriftsteller Nacht für Nacht im Schützengraben anfertigte: Gerade Reeses eingeschränktes Gesichtsfeld legt die Fürchterlichkeit des Krieges in seinen scheußlichen Details erst offen. Ähnlich drastisch zeigte sich dies bereits in den anonymen Erinnerungen Eine Frau in Berlin aus den letzten Kriegstagen, dem zweiten wichtigen Buch dieses Jahres zu diesem Thema. Ein eindringlicher und literarisch ambitionierter Frontbericht. Sein Verfasser, ein unbekannter Soldat, wird dadurch für immer aus der Anonymität gerissen. --Ravi Unger

Die Verwüstung eines jungen Menschen im Krieg
" Nicht nur Paradiese, auch die Hölle ging uns verloren". Willy Reese wird 1921 in Duisburg geboren, er absolviert eine Banklehre und schreibt in seiner Freizeit Gedichte, er will einmal Schriftsteller werden. Er ist erst zwanzig Jahre alt, als er zur Wehrmacht eingezogen und dann an die Ostfront geschickt wird. Von 1941 bis 1944 schreibt er alles auf, was er erlebt. Er ist dabei unbarmherzig gegen sich selbst.Das Grauen wird in seinem Bekenntnis unmittelbar und direkt beschrieben. Es wird klar wie der Krieg die Soldaten, die ihn führen, nach und nach zerstört. Es ist ein zutiefst bestürzendes Dokument - von einer Deutlichkeit, die Geschichtsbücher nicht schaffen- über den Prozess einer kaum vorstellbaren, ungeheuren "Entmenschlichung".Ein Buch das Spuren beim Leser hinterlässt.

Verwirrender Krieg
Willy Peter Reese, Sohn eines Duisburger Steuerberaters, Abiturient, wird 1941 - nach seiner kriegsbedingt vorzeitig abgeschlossenen Banklehre - in die Wehrmacht eingezogen. Drei Jahre später, im Juni 1944, stirbt er im Alter von 23 Jahren.

Neben vielen Gedichten, Briefen und Tagebuchnotizen hinterließ er einen als "Russische Abenteuer" bezeichneten Text, der seine Wandlung vom jungen, etwas naiven, sich dem Schöngeistig-Intellektuellen hingezogenen Einzelkind aus wohlbehütetem Elternhaus zum Soldaten, den der Krieg auch fasziniert, in einer ganz direkten, eindrücklichen Weise zeigt. Der Text steht in seiner eigenartig poetischen Grausamkeit den Schriften von James Jones nahe, nur hatte Reese nicht die zeitliche Distanz, wie Jones sie nutzen konnte. Der Text von Reese ist daher vermutlich ehrlicher, autentischer. Reeses Text entstand während der kurzen Heimaturlaube.

Was war die Wehrmacht? Waren das junge, unschuldige Männer, die in den Krieg hineingetrieben wurden, die für die Sache "Deutschland", für den Nationalsozialismus, für einen grausamen Diktator kämpften? Reese zeigt, dass es differenzierte Menschen gab, die Hitler und sein Regime verabscheuten, die vom Morden an den Juden wussten, sich aber dennoch freiwillig für neue Einsätze an der Ostfront meldeten und eigentlich nur für ihr eigenes Überleben kämpften.

Das ist die Ambivalenz, das Verwirrende an diesem Buch. "Mir selber seltsam fremd", so fühlte Reese, und diese eigenartige Fremdheit vermittelt auch dieses Buch. Schuldig, und doch nicht schuldig, ausgenutzt, gestorben für einen grotesken Irrtum. Stefan Schmitz hat den Text in den historischen Kontext eingefügt. Ein wichtiges, wenngleich verwirrendes Buch.

Zutiefst berührt
Nach vielen biographischen Darstellungen, die ich über den Russlandfeldzug gelesen habe, treffe ich endlich auf einen, der über eine reine militärisch-chronologische Erzählung hinausgeht. Willy Peter Reese schafft, was selten gelingt: seinen Leser in die Innenwelt eines Soldaten zu führen, seinen Leser mitzunehmen nach Russland, in das Lebensgefühl, das Russland einem Soldaten im zweiten Weltkrieg vermittelt, in die Gefühlswelt eines einsamen Soldaten und die Abgründe seiner Seele, die Reese vor seinem Leser offenbart. In ihr zu lesen, heisst in sich selbst zu lesen; erschrocken ist die eigene Seele dann über die Wahrheiten, deren sie fähig ist. Ich habe hier Einblick genommen in anscheinend unlogische Handlungsweisen eines Mannes, deren Paradoxalität sich Reese voll bewusst ist. Er ist ein hervorragender Literat, seine Sprache ragt weit über das hinaus, was ich in anderen Berichten kennenlernen konnte, und ist von unglaublicher Sensibilität und Feinheit. Angesichts des Schrecklichen, das der Krieg seinem Leben und seiner Seele antut, bricht hier in ihm auf, was dann, auch heute noch, als Gefühl beim Leser zurückbleibt.
Der Herausgeber dieses Buches hat gut daran getan, Reeses Bericht zu veröffentlichen. Doch weiss ich nicht, ob er mit seinem Kommentar einverstanden gewesen wäre. Ich denke, der Herausgeber hätte besser daran getan, Reeses Bericht zum Schluss nicht in den heutigen Streit "Wehrmacht als Mörder" einzubetten; ungeachtet dessen, ob diese These wahr ist oder nicht.
Siehe auch:

Romane & Erzählungen > Mir selber seltsam fremd Die Unmenschlichkeit des Krieges. Russland 1941-44
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