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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDonnerstag, 6. August 2020 

Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments.


von Dan Diner

ISBN: 3549071744

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Den Deutschen schlechthin als notorischen Antiamerikanisten abzustempeln, erscheint realitätsfremd. Denn die deutsche Jugend findet ihre Idole in der amerikanischen Popkultur, ihre Eltern huldigen der amerikanischen Lebens- und Unternehmenskultur und ihre Großeltern verdanken die Wiederherstellung und Bewahrung von Frieden und Demokratie der amerikanischen Freiheitskultur. Doch genau dies tut der Historiker Dan Diner in seinem Buch Feindbild Amerika. Und zwar schon zum wiederholten Mal, handelt es sich bei dieser erklärten Polemik lediglich um einen Neuaufguss seiner Verkehrten Welten aus dem Jahre 1993, angereichert um eine Analyse des 11. Septembers 2001.

Der Deutsche war, ist und bleibt im Wesentlichen antijüdisch und antimodern -- ergo antiamerikanisch. Und er steht damit in einer langen Tradition, die bis in die Romantik zurückreicht. So lautet, überspitzt formuliert, die These des in Jerusalem und Leipzig lehrenden Professors, zu deren Untermauerung ihm noch die geistesgeschichtlich unbedeutsamsten Wirrköpfe als Kronzeugen gerade recht kommen. Zwar konstatiert er generell eine aus alteuropäischen Überlegenheitsdünkeln erwachsene latente Aversion in der Alten gegenüber der Neuen Welt. Er empfindet diese jedoch in Deutschland als vergleichsweise tief sitzender und virulenter, was er nicht zuletzt auf die Kränkungen zweier verlorener Kriege und die Minderwertigkeitsgefühle zurückführt, eine amerikanische Gründung zu sein. Die angebliche Neigung hier zu Lande, Amerika als Moloch der Moderne und Quelle allen Übels zu brandmarken, diagnostiziert Diner als Ergebnis einer "verschrobenen Welterklärung, einer affektgeladenen Rationalisierung von gesellschaftlich Unverstandenem". Grotesk wird es, wenn er dies unterschwellig als Antizipation jener Geisteshaltung in Teilen der Dritten Welt hinstellt, die sich in den Wahnsinnstaten von New York und Washington ein Ventil suchte.

Als wirklich kritikwürdig an den USA fällt Diner eigentlich nur die Todesstrafe ein. Dass die zweifellos bewahrenswürdigen amerikanischen Ideale durch das Grassieren von Rassismus, protestantischem Fundamentalismus, missionarischer Intoleranz, penetrantem Patriotismus, weltanschaulichem Manichäismus, imperialer Selbstherrlichkeit oder unilateraler Selbstgerechtigkeit konterkariert werden, übersieht er geflissentlich. Ähnlich wie beim Totschlagsargument Antisemitismus in der Diskussion über Israel wird hier jegliche auch noch so konkrete Kritik sozioökonomischer und politischer Missstände über den Antiamerikanismus-Kamm geschoren. Über die Beständigkeit eines Ressentiments lautet der Untertitel des Buches -- und charakterisiert damit unabsichtlich die Einstellung des Autors gegenüber den Deutschen. --Roland Detsch

Der prägnante Titel des Buches hält was er verspricht!
Der prägnante Titel des Buches hält was er verspricht: Dan Diner zeigt auf, wie Mentalitätsunterschiede und unterschiedliche gesellschaftliche Werte einen unmissverständlichen Dialog zwischen Europa, vor allen Dingen Deutschland und Frankreich, und den USA verhindern. Vom Zeitalter der Romantik bis zu den politischen Ereignissen den 11 September betreffend, wird der Nährboden für den Argwohn und das Misstrauen den Vereinigten Staaten von Amerika gegenüber, dargestellt. Was hier (im Hinblick auf die Herkunft des Autors vielleicht nachvollziehbar) fehlt, ist die politische Verstrickung des Staates Israel mit den USA.
Ich betrachte es als gelungenes Pendant zu "Ami-go- Home" von Rolf Winter.
So ein Buch hat schon lange gefehlt!

Ressentiment - hin oder her
Dan Diner nutzt seine Reputation als Professor der Neueren Geschichte, um seinen Finger auf die Wunde eines deutschen Mißverhältnisses zwischen Realität und ihrer Wahrnehmung zu legen. Seine Schrift ist bewußt polemisch und damit einseitig, denn nur so glaubt er, den Nerv des antiamerikanischen Ressentiments zu treffen. Er behauptet nicht, daß alle Deutschen Antiamerikaner sind ebenso wie er nicht alle Deutschen für Antisemiten hält, dennoch weiß er das latente antiamerikanische Ressentiment in der veröffentlichten Meinung - im Gegensatz zur öffentlichen und der unausgesprochenen Meinung - nicht besser zu beschreiben als einen Meltau, eine feine Sprühdosis, die sich kaum fassen lasse. Hierin liegt die Schwäche des Buches. Diner weiß die stillschweigende Akzeptanz Amerikas, oder besser: der USA, nicht in sein System einzuordnen.Die Realität der in unserem Land vorherrschenden positiven Einstellung zu den USA - und hier läßt er, bewußt oder unbewußt, Kanada außen vor, wo sich eine für Europäer viel leichter erfassbare amerikanische Kultur herausgebildet hat - nimmt Diner (vielleicht selber ressentimentgeladen?) nicht wahr. Ebensowenig nimmt er wahr, daß Deutschland, der Möllemanns und der Brandstifter zum Trotz, kein überwiegend antisemitisches Land ist. Die Parallelen zwischen antiamerikanischer und antisemitischer Einstellung bei einigen lautstarken Minderheiten werden von Diner polemisch überbewertet - das ist sein gutes Recht. Sie haben sicher in einer bei beiden -ismen vorherrschenden Einstellung zur Modernität ihre Wurzel, obwohl es schwerfällt, im Judentum eine Verkörperung des Modernen zu sehen. Richtig ist hingegen, daß bei uns die USA nicht genügend als eine Welt für sich, mit eigenen Gesetzen und Wertvorstellungen, wahrgenommen wird. Die größte Stärke der USA ist es, daß man dort seine Meinungen und Vorurteile zu korrigieren vermag, auch wenn dies manchmal ein langwieriger Prozess ist. Dies wird bei uns sträflich vernachlässigt, wie die so genannten Reformdebatten zur Genüge beweisen.

Nicht gerade ein Meilenstein
Dieses Buch strengt an. Nicht nur, dass es unheimlich gestelzt geschrieben ist, sondern auch, weil es argumentativ wenig Neues bringt. Meines Erachtens ist auch der Titel etwas irreführend, denn Diner befasst sich in seinem Buch nicht mit dem Anti-Amerikanismus im Allgemeinen, sondern eher mit Ressentiments, die es in den vergangenen ca. zwei Jahrhunderten in Deutschland gegeben hat.

Diner führt in seinem Werk u. a. die Gründe dafür aus, warum es nach dem 1. Weltkrieg, der Nazi-Diktatur und schließlich in der neu gegründeten Bundesrepublik entsprechende (mehr oder weniger offen geäußerte) Vorbehalte gegeben hat.

Wer sich historisch ein wenig auskennt, für den ist es absolut keine überraschende Erkenntis, das Young- und Dawes-Plan v. a. in den konservativen Schichten der Weimarer Republik entsprechendes gefördert haben. Dass die Nazis den Anti-Amerikanismus entsprechend ideologisch ausgeschlachtet haben, kann ebenfalls kaum überraschen.

Überaus überzeugend sind im Gegensatz dazu Diners Ausführungen zur "post-11. September-Zeit". Das entschädigt dann doch ein wenig.
Siehe auch:

> Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments.
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