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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenSamstag, 8. August 2020 

Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror


von Henryk M. Broder

ISBN: 382700442X

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Das Geschwafel der meinungsmachenden Klasse entlarvt
Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man bei jedem, der von Broder mit trockenem Humor und absolut berechtigtemn Zynismus kommentierten Beispiele, herzhaft lachen. Die Unfähigkeit der selbsternannten intellektuellen Klasse à la Roger Willemsen, Günter Grass, Reinhard Mey und Konsorten, die Welt so zu verstehen, wie sie leider ist, könnte einen wahnsinnig machen. Und wer angesichts des brennenden World Trade Centers an Phallus-Symbole denkt, wie eine Berliner Senatorin, sollte dringend mal das Gespräch mit einem Therapeuten suchen
Selten zuvor hat ein Buchautor die Heuchelei unserer "Vordenker" so entlarvt, wie Broder in diesem Buch. Und amüsant zu lesen ist es sowieso.

Es brodelt im Broder ...
Als Feuilleton-Landser kontaminiere Henryk M. Broder die deutsche Publizistik: hatte Roger Willemsen im Kriegstagebuch der "taz" von sich gegeben - und natürlich haut da Broder mit Freund Mohr zurück: "geistiges Sensibelchen". Wenn der Paderborner Moraltheologe Eugen Drewermann auf die Jesus-Maxime hinweist, dem Schlagenden brav auch die andere Wange hinzuhalten, konkretisiert Broder: "Also statt die Abwehr zu mobilisieren, die Luftüberwachung anweisen, die nächsten Selbstmordflieger sicher zu ihren Zielen zu lotsen?" Als der Philosoph Peter Sloterdijk den 11. September als einen "eher schwer wahrnehmbaren Kleinzwischenfall" (in der globalen Opfer-Zählstatistik) bagatellisiert, sinniert Broder: "Der 11. September wäre dann ein beklagenswerter Großzwischenfall, wenn Peter Sloterdijk an diesem Tag in einem der Hochhäuser in einem Lift gesteckt und nicht rechtzeitig rausgekommen wäre, worauf das ZDF sein "philosophisches Quartett" hätte anders besetzen müssen, mit Jürgen Drews zum Beispiel, Sloterdijks wichtigstem Konkurrenten ..." Die Warnungen des Schriftstellers Günter Grass bei seiner kleinen Rede im Lübecker "Tabakforum" anlässlich seiner Auszeichnung als "Pfeifenraucher des Jahres", ein Afghanistan könne leicht ein zweites Vietnam werden, schließt Broder mit der Bemerkung ab: "Der Gedanke war nicht mehr ganz neu, machte aber auf die anderen Pfeifen den gebotenen Eindruck." Broder mal wieder ganz alttestamentarisch: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Backpfeife um Backpfeife. "Logisch kühne Manöver" attestiert er andernorts bei Roger Willemsen: so aber wäre auch diese Essay-Sammlung Henryk M. Broders selbst gut übertitelt: "Logisch prägnante Manöver", eine Rhetorik nämlich, die sich nicht allzuschnell einschüchtern läßt vom betulichen Konsens der Friedensbewegten, ein Selbstbewusstsein, das nicht umgehend kapituliert: dies führt Broder als brilliante Denk- und Schreib-Leistung vor, vielleicht zwingt ihn sogar sein Mitgefühl dazu: und das müssten auch diejenigen respektierend zur Kenntnis nehmen, die seine Position (nur mit militärischem Eingreifen kann man sich effektiv genug zur Wehr setzen) nicht teilen. Vor jeder politischen Argumentation steht immer ein emotional-grundierter Entschluss zur Parteinahme - das ist Basiswissen der Erkenntnisphilosophie. Auch wenn Broders immanente Billigung der Reaktionen der USA-Administration mißfällt, den Respekt vor einem Gehirn, das sich nicht vorschnell einschüchtern lässt, müsste man zollen - solange ein repressionsfreier Diskurs bei diesem Thema in der BRD noch möglich ist. Wer nicht nur sein eigenes Lagerdenken durch Lesen unterfüttern will, sondern wer mit dem Seziermesser der Logik noch einmal jedes Argument überprüfen will - der rutscht mit diesem Buch plötzlich ungewollt sehr wahrscheinlich in höchste Leselust ...

Ein Blick in einen Sumpf von Lüge, Dummheit und Arroganz
Dieses Buch zu schreiben, war eine historische Notwendigkeit. Broder eröffnet einen erschreckenden Blick in einen Sumpf von Lüge, Dummheit, Arroganz und ideologischer Borniertheit. Viele deutsche Genossen Dichter und Denker und auch solche, die es gern sein wollen, haben ganz offenkundig aus der Geschichte nichts gelernt. Schon Lenin äußerte sich 1922 über ihre Vorgänger: „... muß ich feststellen, daß die sogenannten Gebildeten in Westeuropa ... unfähig sind, den derzeitigen Stand der Dinge und das derzeitige Kräfteverhältnis zu verstehen; diese Gebildeten müssen als Taubstumme angesehen werden...". Und Reiner Kunze äußerte 1979 über viele Westdeutsche (sicher auch viele, die Broder hier zitiert), daß sie nicht wissen, was sie haben und daß sie in anmaßender Weise urteilen, ohne sich zu informieren. Sie haben zwar inzwischen ihren „real existierenden Sozialismus in den Farben der DDR" (Honecker) oder auch das „Vaterland aller guten Deutschen" (Ulbricht) verloren, vielleicht sogar den Glauben an den zwangsläufigen Sieg des Sozialismus, ihre Glaubenssätze von Marx, Engels, Lenin, Stalin, Ulbricht, Mao u. dgl. aber noch fest im Köpfchen. Und so tauchen all die alten Bekannten aus den Marxismus-Seminaren und anderen „Rotlicht-Bestrahlungen" wieder auf: Lenins Gefasel vom Imperialismus, vom Klassenkampf u. dgl., Ulbrichts Beschimpfungen der „US-Imperialisten", sein Geschwätz vom „Weltfriedenslager", zu dem neben ihm selbst auch noch die „Friedensbewegungen der kapitalistischen Staaten", die „jungen Nationalstaaten" sowie die „nationalen Befreiungsbewegungen" gehörten, der alte Unsinn vom „friedensbedrohenden Zionismus" usw. Es fehlen eigentlich nur noch die „Bonner Ultras", aber die hatte man ja auch mit der Bundesregierung parat.
Interessant dabei ist, daß die Genossen Dichter und Denker plötzlich Lenins Denunziation der Religion als „Opium für das Volk" oder Ulbrichts dümmliche Behauptung, die Kirchen seien „kapitalistische Verdummungsanstalten", vergessen haben. Der Islam spielt offenbar als Religion im Sinne der Genossen Dichter und Denker eine andere Rolle als das Christentum, vor allem wohl, weil er inzwischen auch als Ersatzreligion für den Marxismus fungiert. Und Maos infames Gedicht „Der Tod des Feindes ist wie eine Flaumfeder - aber der Tod eines Genossen ist wie ein Tai-Berg." paßt auch ideal zu diesem Ungeist. Daß die Äußerungen der Genossen Dichter und Denker neben dem inzwischen abgestandenen sozialistischen Geschwätz auch noch ihren gehörigen Anteil am toskanischen Dummdeutsch haben, versteht sich von selbst. Und nach dem Prinzip, „daß nicht sein kann, was nicht sein darf", werden akrobatische Übungen vorgenommen, die selbst Walter Ulbricht, Albert Norden oder Kurt Hager in Erstaunen versetzt hätten. Der wahrlich profunde Islamkenner Salman Rushdie hatte nach dem Massenmord vom 11. September und den danach aufkommenden Diskussionen allerdings einen sehr einleuchtenden Standpunkt: "Ein solches Verbrechen zu entschuldigen, indem man die Politik der US-Regierung dafür verantwortlich macht, heißt, die Grundlage aller Moral zu leugnen: die Verantwortung des Individuums für seine Handlungen."
Siehe auch:
> Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror
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