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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDonnerstag, 9. Juli 2020 

Die Revolution des Spießertums


von Holger Rust

Kategorie: Zeitgeschichte -- Allgemeines
ISBN: 388679329X

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Wer und was ist eigentlich ein Spießer? Bin gar ich ein Spießer? Wie spießig ist die Frauenliteratur, die Model-Szene, die Theorie der Emotionalen Intelligenz? Diese und andere brennende Fragen unseres Alltags beantwortet ausführlich und fundiert der bekannte Anti-Trend-Polemiker Holger Rust in seinem neuesten Werk; eine wahrhafte Tour de Force. In vierundzwanzig konzisen Kapiteln durchmisst er das weite Feld der Soziologie des "neuen Spießertums". Wer sich an der Häme gegenüber der uns dauerhaft belästigenden Mediengesichter erbauen kann (und wer kann das nicht?), der wird hervorragend bedient. Um einem möglichen Missverständnis vorzubeugen: Der bescheiden verdienende Kleinbürger, der sein Leben ohne besondere akademische Einsichten verbringt und samstags sein Auto wäscht, ist hier ausdrücklich nicht gemeint. Es geht dem Autor vielmehr um eine Art neuer Medien-Elite, die sich seiner Ansicht nach öffentlich breit macht, angefangen bei so schlichten Gemütern wie Nina Ruge, Johannes B. Kerner, Amelie Fried, Hera Lind, Eva Herrmann et al., bis hin zu dem großen Philosophen und Erfinder des tiefen Tellers Ulrich Wickert.

Es wird aufgeräumt mit dem Vorurteil, dass derjenige, der Geld, Ansehen und Prominenz habe, kein Spießer sei; ergötzlich dazu Rusts Beschreibung des "Prominentenproletariats" (Enzensberger), mit seinen diversen Inszenierungen, gern auch Kult genannt, des richtigen Essens, des passenden Urlaubsortes (Provence, Long Island, Patagonien), des angesagtesten Zweitwohnsitzes (Umbrien ist bereits out: zu viel Lehrer-Ehepaare!). Scharfsichtig analysiert er die intellektuelle Verlottertheit, Trivialität und Kriterienlosigkeit dieser Milieus. Und doch, bei aller Leichtigkeit der Darstellung, bleibt sich der Autor seiner Verpflichtung zur Wissenschaftlichkeit stets bewusst, ohne je in den berüchtigten Soziologen-Jargon insbesondere deutscher Provenienz zu verfallen.

Kleiner Einwand zum Schluss: Natürlich ist es schrecklich, dass diese Medien-Schickeria sich so aufbläht -- noch schrecklicher ist allerdings, dass man schon wieder nicht dazu gehört. --Dietrich Thieden

Dummheit ist epidemisch!
"Immer feste druff!" würde ich Ihnen gerne zurufen, Herr Rust. Spießer sind also nicht nur die mit der Häkeldecke auf dem Fernseher und dem Usambaraveilchen in der Fensterbank? Aber war das nicht schon vorher klar; irgendwie? Der Klappentext verspricht eine bitterböse Abrechnung mit dem Spießertum - allein die Vita Herrn Rusts spricht dagegen, läßt es wohl nicht zu. Zu eloquent, zu hochschullehrerisch und zu wirtschaftsjournalistisch. Manchmal ist mehr halt doch besser!?

Anschreien gegen die Dumpfheit
Über die Dummheit ist ja schon allerhand erzählt und geschrieben worden. Das Problem an der Sache besteht allerdings darin, dass Holger Rust jene vermutlich gar nicht erreichen wird, denen er Denkfaulheit, geistige Regungslosigkeit, Mittelmäßigkeit und Provinzialismus vorwirft: Vollkommen unabhängig von Bildung, Einkommen und sozialem Status bestand das Problem an der Dumpfheit seit jeher darin, dass sie nur schwer zudurchdringen ist. Schon gar nicht mit Überlegungen, die "blitzklug" und "freiwillig komisch" in akademischer Kleindruckschrift aufschlagen. So Recht man Holger Rust geben möchte - so sehr wirkt er selbst belehrend, überheblich, von oben herab, und das ist mindestens ebenso unerträglich wie jene Zustände, die er beklagt. Als ob es mit der Dummeheit je anders gewesen wäre in der Geschichte der Menschheit! Was ich neben 240 Seiten satter Larmoyanz vermisse, ist das Weiterdenken, was denn wäre, wenn es kein Mittelmaß und keine Dumpfheit mehr gäbe: Nichts würde mehr funktionieren. Nicht einmal dieses Buch...

Eine entblößende Analyse dieser Zeit - hervorragend zu lesen
Holger Rust spricht mir und vermutlich noch diversen anderen Lesern aus der Seele, wenn er in seinem Buch "Revolution des Spießertums" zu einem einmaligen Rundumschlag ausholt, der einige krasse Auswüchse unserer Zeit bloßstellt. Eine Auswahl aus dem Inhaltsverzeichnis verdeutlicht, welche Themen Rust unter anderen anspricht: Modelwahn, Frauenwelten, Männerwelten, Seeex, Gin & Yang, Geheimtips, ...

Jedes der vierundzwanzig Kapitel des Buches behandelt eine eigenständige "Zeiterscheinung". Sarkastisch und zynisch, gleichzeitig jedoch sachlich, kommt man nicht umhin, bei der Lektüre herzhaft zu lachen - so traurig viele Dinge auch sein mögen.

Jedes Kapitel kann als "Essay" für sich gelesen werden, wobei man die Intention des Autors jedoch nur dann zu fassen bekommt, wenn man das Buch von Anfang bis Ende liest. Dann stellt sich nämlich heraus, daß der Psychologieprofessor Rust (der jedoch nicht in eine wissenschaftliche Sprache verfällt!) jeden einzelnen dazu aufruft, selber zu handeln, da die derzeitigen "Niederungen" - dem Autor entsprechend - nur dann überwunden werden können, wenn jeder einzelne seinen Teil dazu beiträgt. Diese Aussage hätte man jedoch auch am Anfang des Buches bereits etwas stärker und deutlicher herausstellen können - bis dahin war es lediglich eine köstliche Lektüre...zum Schluß hin jedoch gibt Rust dem Leser einen positiven Ausblick und eine Hilfe an die Hand: Die Wiederentdeckung des "Lächelns".

Alles in allen ein sehr lesenswertes Buch, welches die Motive und Prinzipien vieler Alltagserscheinungen (nicht nur in den Medien) offenlegt und den Begriff des "Spießers" aus dem kleinbürgerlichen Milieu heraushebt und ihn auf jene anwendet, welche sich für das genaue Gegenteil eines Spießers halten...
Siehe auch:

Zeitgeschichte -- Allgemeines > Die Revolution des Spießertums
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