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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDonnerstag, 22. August 2019 

'Ab 18' - zensiert, diskutiert, unterschlagen. Beispiele aus der Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland.


von Roland Seim

ISBN: 393306001X

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Was für eine Fülle von Informationen!
Schon lange fehlt ein Buch über die zeitgenössische Zensur in Deutschland, das alle Bereiche (Literatur, Musik, TV, Hörfunk, Film, Plakate, etc.) abdeckt und das auf den neuesten Stand ist und das ich kenne :-). Hier ist es. Der Nachteil: es ist keine Enzyklopädie, es ist daher nicht vollständig und dies wurde sicher auch nicht angestrebt. Der Vorteil: das Buch wird dem Untertitel Beispiele aus der Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland gerecht, d.h. man muß nicht 90 % des Werkes von der Zensur in Sri Lanka lesen (dafür gibt es andere Bücher); es liest sich locker, da es vielseitig den Zensoren die Leviten liest; die Darstellung erfolgt durch die verschiedensten Autoren: Roland Seim und Josef Spiegel sind Dozenten an der Wilhelms-Universität in Münster / Westfalen. Weitere Beiträge stammen von Studierenden und in einem dritten Teil kommen die Künstler selbst zu Wort (darunter mein Hit Klaus Staeck mit den herrlichen Plakaten). Das ganze Buch wird durch einen ausführlichen Dokumentationsteil abgerundet.
Nun, die einführende Geschichte der Zensur von der Antike bis zur Aufklärung ist zu kurz, am findet sie an vielen Stellen ausführlicher; vielleicht kann ein Neuling auf dem Gebiet der Zensur damit was anfangen: mir brachte dieser Teil nichts. Doch im anschliessenden Teil für die Bundesrepublik erfuhr ich manch Neues (obwohl ich mir einbildete, schon viel davon zu kennen). Ganz neu war mir beispielsweise, daß 1988 die Staatsanwaltschaft München sich nicht zu dumm war, Verse von Bertolt Brecht zu zensieren (S.86). Wichtig: alles ist gut mit Quellenangaben versehen; wer will kann es nachlesen und selbst bewerten. Zum Bewerten: Endlich wird festgehalten (OK, steinigt mich), daß auch Ultrarechte ihre Meinung äußern dürfen, wenn auch die jeweiligen Autoren in 'Ab 18' - zensiert, diskutiert, unterschlagen schon mal einschränken: eigentlich wäre es ganz gut, daß die zensiert und verfolgt werden. Immerhin wird die PC (political correctness) mal nicht übertrieben. Ein Buch, das zeigt, daß man sich die freie Meinungsäußerung immer wieder erkämpfen muß. Letztes Manko: auf den drei Seiten Kopie aus dem JMS Report (S.253-255) wurde die Schrift so mickrig, daß sie unleserlich ist. Sonst aber ein Buch, in dem man gerne mal wieder was nachliest und das dem aufmerksamen Leser zeigt, wie willkürlich die Zensurmaßnahmen immer waren und leider noch sind und wie lächerlich alle Zensoren machen.

Das Beste seiner Art.
Auch ich kann Roland Seim's Werk "Ab 18" nur empfehlen. Wer dachte, Art 5 des Grundgesetzes würde in Deutschland niemals rigoros gebrochen werden, wird hier eines Besseren belehrt! Das Großformatige Buch mit zahlreichen Abbildungen, Anhängen (Bürokratie zum scheckig lachen!) und seinen Interessanten Abhandlungen von Bücherverbrennung bis hin zur Beschlagnahme einschlägiger Videohighlights kann daher vollends überzeugen. Man sollte schneulingst zuschlagen, denn das Buch ist auf eine Auflage von nur 500(!!) Stück begrenzt (3. Auflage). Ein echtes Sammlerexemplar also! Noch dazu ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis die hiesigen Sittenwächter auch dieses herausragende Werk wegen Gefährdung der ach so grosen "Demokratie" in unserem Land indizieren oder gar beschlagnahmen. Daher meine Empfehlung: kaufen, so lange es noch geht!

Beunruhigendes Buch, das die Augen öffnet
In Deutschland herrscht Meinungs- und Berichtsfreiheit. So sollte man meinen. "Eine Zensur findet nicht statt". So steht es im Grundgesetz. "Ab 18", herausgegeben von den beiden Wissenschaftlern Roland Seim und Josef Spiegel, belehrt uns allerdings eines besseren.

Natürlich gibt es im Deutschland des Jahres 2000 keine zentrale staatliche Institution, die sich direkt um Zensurmaßnahmen und Bücher- oder Kunstverbote kümmert. Das Buch dokumentiert aber mit akribischer Detailgenauigkeit, daß sich wesentlich diffizilere Zensurmechanismen entwickelt haben. Selbsternannte moralische Instanzen, rein wirtschaftliche Interessen und ein undurchschaubares Wirrwarr an gesetzlichen Regelungen treten an die Stelle einer zentralen Zensurbehörde. Der einzelne Autor oder Künstler ist schlicht außerstande, die tatsächliche Rechtslage einzuschätzen. Darf man einen bestimmten Begriff benutzen? Darf man eine bestimmte Darstellungsform verwenden? Oder muß man mit der geballten Macht der Anwälte rechnen, mit Strafanzeigen moralisch empörter Bürger oder Markenrechtsklagen übermächtiger Megakonzerne, die den kleinen Künstler ohne weiteres in den finanziellen Ruin treiben können? Ja - auch im Jahre 2000 werden in Deutschland Bücher aus den unterschiedlichsten Gründen eingestampft und vernichtet. Diese Gefahr führt zu echter Angst und Verunsicherung in der Autoren- und Künstlergemeinde. Die Angst wiederum führt unwillkürlich zur schlimmsten und effektivsten Form der Zensur: Der Selbstzensur. Wir Autoren beginnen, die Schere in unseren Köpfen anzusetzen und auf der sicheren Seite zu bleiben und wenden uns etwa weniger kontroversen Themen zu, bei denen man nicht Gefahr läuft, vom Markt und so schlimmstenfalls aus seiner Wohnung geklagt zu werden.

"Ab 18" präsentiert zahlreiche bekannte und weniger bekannte Beispiele für verbotene Bücher und Kunst in Deutschland. Das reicht von eigentlich harmlosen aber dennoch retouchierten Aktdarstellungen über mehr oder weniger aggressive Gewalt bis hin zu politischer Satire wie dem berühmten Fall des Münsteraner Auto-Aufklebers "Bananenrepublik Deutschland". Dabei ist es für die Effektivität der Zensur gar nicht einmal so wichtig, daß das in Frage stehende Objekt tatsächlich verboten wird. Es reicht völlig aus, wenn durch Abmahnungen, Klagewellen und öffentliche Prozesse eine Atmosphäre der Angst und Unsicherheit geschaffen wird.

In ihrem Buch spüren die beteiligten Autoren insbesondere aber auch dem Wandel der Werte und Ansichten innerhalb unserer Gesellschaft nach. Was vor zehn Jahren noch anstößig war, ist heute z.T. schulterzuckend akzeptiertes Allgemeingut. Zugleich gibt es ewig gestrige - darunter auch Institutionen wie etwa die katholische Kirche, die wider besseres Wissen kaum von ihren verknöcherten Positionen abweichen. Oder wußten Sie, daß die Kirche es nach wie vor nicht gerne sieht, wenn ihre Schäfchen es wagen, sich bestimmte Werke von Kant, Heine oder Pascal zu Gemüte zu führen? Viele der größten Denker aller Zeiten stehen auf dem "Index Romanus", ja einige Autoren - darunter Dumas, Hume und Sartre - werden gleich mit ihrem Gesamtwerk als "verboten" gelistet.

Es gibt die unterschiedlichsten Gründe für Zensur und viele Methoden zu ihrer Durchsetzung. Eines ist in jedem Falle mit "Ab 18" bewiesen: Eine Zensur FINDET STATT in diesem unserem Lande. Das Grundgesetz irrt hier...und es besteht in meinen Augen durchaus Grund zur Beunruhigung. Meines Erachtens gehört dieses Buch in die Hände eines jeden gesellschaftspolitisch interessierten Menschen in Deutschland, denn Freiheit - so sagte eine kluge Frau einst - ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.

Stefan Thiesen, Autor von "das verbotene Buch", "Rabenwelt" und "Climate Poker".
Siehe auch:

> 'Ab 18' - zensiert, diskutiert, unterschlagen. Beispiele aus der Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland.
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