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Von der Literatur zur Makulatur - Buchrecycling im Mittelalter

21.06.2005 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Mittellateiner der Universität Jena katalogisieren Handschriftenschatz für Schlossmuseum Sondershausen Jena (21.06.05) In den Beständen des Schlossmuseums Sondershausen haben Philologen der Universität Jena jüngst interessante Funde gemacht. Bei der Sichtung und Bearbeitung der Sammlung von mittelalterlichen Handschriftenbruchstücken durch Prof. Dr. Gerlinde Huber-Rebenich und ihr Team traten bisher unbekannte Textzeugen zutage: etwa ein Fragment aus einem Manuskript der "Thüringischen Weltchronik" des Johannes Rothe und aus dem "Buch der Tugenden" eines Anonymus, in dem es unter anderem über die moralische Bewertung der Kleiderzierde von Frauen geht. Im Auftrag des Museums hat die Jenaer Professorin für Lateinische Philologie des Mittelalters und der Neuzeit mit ihrer vierköpfigen Gruppe von Studenten und Doktoranden die mehr als 300 Pergamente wissenschaftlich erkundet, beschrieben und in einem 155 Seiten starken Katalog erfasst, der vor kurzem erschienen ist. "Erstmals hat das Museum damit einen genauen Überblick über seinen Bestand an Handschriften- und Inkunabelbruchstücken, deren wissenschaftliche Auswertung nun möglich wird", sagt Museumsleiterin Christa Hirschler. Zudem seien die exakten Angaben zum Erhaltungszustand der einzelnen Blätter künftig Grundlage der Entscheidung über konservatorische Maßnahmen.

Die Arbeit an den Dokumenten sei zunächst wie puzzeln gewesen, meint die Expertin für mittelalterliche Handschriften Gerlinde Huber-Rebenich. Denn die nahezu 400 losen Blätter aus dem 9. bis 16. Jahrhundert waren - von wenigen bereits bekannten Stücken wie dem Parzival-Bruchstück oder dem Paulinzellaer Renner-Fragment abgesehen - ohne erkennbare Ordnung auf mehrere Kartons verteilt. Bei näherem Hinschauen erwies sich manches als zusammengehörig, was seit Jahrhunderten auseinandergerissen war. Der Löwenanteil der Fragmente stammt aus Codices, die ehemals in Klosterbibliotheken ihre Heimat hatten, bevor diese in der Reformationszeit aufgelöst wurden. Die Texte, die nun nicht mehr in der Liturgie, zur erbaulichen Lektüre oder zum Studium gebraucht wurden, besaßen nurmehr ihren Materialwert: den des Pergaments, auf dem sie geschrieben waren. Dieses fiel an weltliche Institutionen oder wurde von fahrenden Händlern auf- und weiterverkauft. "Es war gängige Praxis, in Archiven und Amtsstuben damit Rechnungen und andere Akten einzuschlagen", berichtet Huber-Rebenich. Bei dieser historischen Form des Recyclings schauten die Nutzer nicht auf die Inhalte der beschriebenen Seiten, sondern nur auf die Tauglichkeit des Materials.

So kommt es, dass ein Blatt des "Liber paralipomenon" von Hieronymus aus einem im 13. Jahrhundert mit farbigen Initialen und Spiralmotiven geschmückten Manuskript anno 1600 als Einband der "Geldt- und Bawrechnung der Schösserey zu Sondershausen" umgenutzt wurde. Oder der "Parzival" des Wolfram von Eschenbach - in einer Abschrift aus dem 14. Jahrhundert - erlitt im "Ampt Arnstadt" ein vergleichbares Schicksal.

Neben viel "Massenware", die in der Regel aus liturgischen Büchern stammt, birgt die Sondershäuser Fragmentsammlung auch echte Schätze. Hierzu gehört ein schon seit längerem bekanntes Psalterbruchstück aus dem 11. Jahrhundert mit altenglischen Glossen. Interessant ist auch das Doppelblatt aus der "Thüringischen Weltchronik", das offenbar zu der einzigen erhaltenen Handschrift des Werkes gehörte, die illustriert werden sollte. Die Miniaturen sind jedoch nie ausgeführt worden, davon zeugen die freigelassenen Flächen zwischen den Textblöcken.

"Woher all diese Zeugen einer vergangenen Zeit ursprünglich kommen und in welcher Bibliothek sie unmittelbar vor der Makulierung aufbewahrt wurden, ist eines der Rätsel, die sich vermutlich nie befriedigend lösen lassen", sagt Huber-Rebenich. Ein einziges Stück, das den Anfang der "Theoremata de corpore Christi" des Thomas-Schülers Aegidius Romanus enthält, gibt durch einen Besitzvermerk seinen Eigentümer preis: das Erfurter Peterskloster. Aber nicht nur die Heimat der ursprünglichen Codices liegt im Dunkeln. Auch der Zeitpunkt, zu dem die von den Akten abgelösten Einbandfragmente als Sammlung nach Sondershausen gelangten, lässt sich in Ermangelung einschlägiger Aufzeichnungen nicht in allen Fällen erschließen. Hier wartet noch viel Detektivarbeit auf die Forscher von der Universität Jena.

Die bisherigen Untersuchungen, deren Ergebnisse jetzt in dem Bestandskatalog vorliegen, wurden über drei Jahre unter anderem von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, der Universität Jena, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Stadt Sondershausen unterstützt. Die Resultate sollen künftig auch im Internet zugänglich sein. Dafür sorgt die Universitätsbibliothek Jena, die die Fragmente samt Beschreibungen digitalisiert hat und das gesamte Material ins Netz stellen wird.
Am 29. Juni um 18.00 Uhr wird der Katalogband im Rosa Salon des Schlossmuseums Sondershausen präsentiert. Die Öffentlichkeit ist herzlich eingeladen.

Kontakt:
Prof. Dr. Gerlinde Huber-Rebenich
Institut für Altertumswissenschaften der Friedrich-Schiller-Universität

Fürstengraben 1, 07743 Jena
Tel.: 03641/944835, Fax: 03641/944802
E-Mail: x7huge@nds.rz.uni-jena.de

Bibliografische Angaben:
"Sondershäuser Kataloge III, Bestandskatalog zur Sammlung Handschriften- und Inkunabelfragmente des Schlossmuseums Sondershausen", hg. v. G. Huber-Rebenich u. Ch. Hirschler, bearb. v. M. Eifler, A. Märker, K. Wenzel unter Mitarb. v. H. Endermann, Schlossmuseum Sondershausen 2004 (Preis: 15 Euro; erhältlich bei: Schlossmuseum Sondershausen, Schloss, 99706 Sondershausen / E-Mail: schlossmuseum.sdh@t-online.de).

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