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Sensation: Bremer Musikwissenschaftler entdeckt verschollene Partiturabschrift der ersten Vertonung von Goethes Faust

22.06.2005 - (idw) Universität Bremen

Die erste Vertonung von Goethes Faust stammt vom Komponisten Ignaz Walter und wurde in Bremen uraufgeführt. 1944 wurde die Partitur durch einen Brand der Bremer Stadtbibliothek vernichtet. Jetzt hat der Bremer Musikwissenschaftler Oliver Rosteck eine bisher nicht beachtete, fast vollständige Kopie entdeckt. Den sensationellen Fund machte er während seiner Recherchen für seine Habilitation in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden. 1797 stellte der Komponist und Sänger Ignaz Walter der Bremer Öffentlichkeit ein abendfüllendes Werk vor: Er präsentierte erstmals eine Oper über den Gelehrten Faust, der mit dem Teufel einen Pakt eingeht - mit großem Erfolg. Bei einem Brand der Bremer Stadtbibliothek im Jahr 1944 ging die Partitur der Uraufführung unwiederbringlich verloren. Bis auf eine 1937 vom Bremer Musiklehrer Emanuel Kretschmer angefertigte Abschrift einiger Arien galt die Oper als verschollen. Vor kurzem hat der Bremer Musikwissenschaftler Oliver Rosteck in Dresden eine bisher nicht beachtete, fast vollständige Kopie entdeckt, die anscheinend von einer dortigen Aufführung im Jahr 1797 stammt. Rosteck befasst sich in seiner Habilitation mit dem Thema "Sängerschauspieler im Deutschland der Goethezeit. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte des Theaters um 1800". Zu diesem Zweck recherchierte der Bremer Wissenschaftler auch in der Sächsischen Landesbibliothek, in der Hoffnung, doch noch zumindest eine Abschrift des Werkes zu finden, die sich im 19. Jahrhundert noch im Besitz "Ihrer Majestät dem Könige zu Sachsen" befunden haben sollte. Und tatsächlich "schlummerte" die Partitur dort noch! Die nun geplante Erschließung des Werkes wird von der Bremer Gotho-von-Irmer-Stiftung finanziert, die sich für das bremische Musikleben einsetzt.

Themenraub in der Theaterdichtung

Während der Aufklärung und vor allem zur Zeit des Sturm und Drang fand das Thema "Faust" bei Künstlern und Gelehrten großen Anklang. Johann Wolfgang von Goethe sollte dieser Faust über Jahrzehnte beschäftigen, allein die Herausgabe seines gewaltigen Opus von "Faust. Ein Fragment" im Jahr 1790 bis zum zweiten Teil der Tragödie sollte nahezu 30 Jahre umfassen. Damals konnten Theaterdichter aus der umfangreichen Produktion ihrer Kollegen noch problemlos kopieren - ohne ein Urheberrecht beachten zu müssen.

Einer dieser findigen Theaterdichter war der 1763 geborene Heinrich Gottlieb Schmieder, der 1788 die Bekanntschaft des Tenors und Komponisten Ignaz Walter (1755-1822) machte. Während Schmieder als Regisseur und Schauspieldirektor in Hamburg tätig war, arbeitete Ignaz Walter als Tenorist und später als Musikdirektor bei einer Schauspielergesellschaft, die auch regelmäßig das Bremer Theater am Ostertor bespielte. Walter blieb hier bis 1804, als er einen Ruf als musikalischer Leiter des Hoftheaters in Regensburg erhielt, wo er 1822 starb. Er komponierte etwa 20 Opern, Kammermusik und etliche Bühnenmusiken. Der Bremer Musikwissenschaftler Oliver Rosteck geht davon aus, dass es Heinrich Schmieder war, der Walter den Vorschlag machte, eine Oper zu "Doktor Faust" nach einem von ihm zusammengestellten Libretto zu komponieren.

Ein Werk zwischen klassischer und romantischer Oper

Mit Ignaz Walters Oper liegt die erste umfangreiche Vertonung des Goetheschen Stoffes vor, die bisher in der Fachwelt nahezu völlig unbeachtet geblieben ist. Die Musikhistoriker bezeichnen allgemein das Werk von Louis Spohr aus dem Jahre 1816 als die erste große Oper nach dem Faust-Stoff. "Dies ist umso bemerkenswerter", staunt Oliver Rosteck "als das sich Schmieder im Gegensatz zu Spohr größtenteils tatsächlich auf den Text Goethes bezieht, diesen sogar zumeist wörtlich übernimmt". Goethe selbst wusste nichts von dieser Raubkopie.

Musikalisch lehnt das Werk stark an Mozarts Tonsprache an. Die Tonsprache von Ignaz Walter weist aber auch schon stark in die Richtung der deutschen spätklassischen und romantischen Oper. Das Werk stellt recht hohe Anforderungen an die Sängerinnen und Sänger, vor allem den drei Sopranistinnen werden anspruchsvolle Arien abverlangt. Das Werk ist musikalisch äußerst vielseitig und reizvoll, lyrische Arien stehen neben dramatischen Szenen und können die etwa drei Stunden des gesamten Werkes zu einer spannenden Erweiterung des deutschen Musiktheaters zwischen klassischer und romantischer Oper werden lassen.


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Weitere Informationen:

Universität Bremen
Fachbereich Kulturwissenschaft
Dr. Oliver Rosteck
Tel.: 0421 218 8275 oder 0170 / 4739996
E-Mail: rosteck@uni-bremen.de
Weitere Informationen: http:// www.institute.uni-bremen.de/~musik
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