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Auf die Dozenten kommt es an: Virtuelles Lernen im Team

21.07.2005 - (idw) FernUniversität in Hagen

Wenn ein Dozent sein Seminar schlecht vorbereitet hat, fällt das in einem virtuellen Lern-Team sofort auf: "Dann sind die Leute ganz schnell weg", warnt Dr. Heide Schmidtmann, die in ihrer Promotion Lern- und Arbeitsprozesse in virtuellen Lerngruppen untersucht hat. "Gruppenbasiertes Lernen in virtuellen Seminaren" lautete ihr Dissertations-Thema am Institut für Psychologie der FernUniversität in Hagen.

Mit ihrer Warnung möchte Schmidtmann Lehrenden aber keinesfalls Angst vor virtueller Lehre machen. Im Gegenteil: Lernen im Team ist effektiver als allein, sagt sie, jedenfalls, wenn es darum geht, sich komplexe Sachverhalte zu erarbeiten. Und im Internet lässt sich das sehr gut organisieren: Kommunikationsformen ergänzen sich mit Möglichkeiten zu dokumentieren, was bereits erarbeitet wurde. Für Fernstudierende eine bedeutende Verbesserung gegenüber dem Lernen allein am Schreibtisch. Die Psychologin untersuchte deshalb in ihrer Dissertation, unter welchen Arbeitsbedingungen virtuelle Gruppen besonders gute Leistungen erbringen. Sie wertete 148 Datensätze von Studierenden aus, die am virtuellen Methodenseminar des Instituts für Psychologie teilgenommen hatten. In Arbeitsgruppen müssen die Studierenden dort Fragebögen entwickeln. Das Seminar wird schon länger angeboten, das Konzept ist erprobt, die Abbrecherquote liegt bei nur 6 Prozent. Eine wichtige Voraussetzung für das Dissertationsprojekt: So war der Ablauf des Seminars unstrittig; Schmidtmann konnte die Gruppenarbeit der Studierenden intensiv beobachten. Ohne dass diese sich in eine unnatürliche Laborsituation begeben mussten.

Den theoretischen Rahmen ihrer Untersuchung bildeten Erkenntnisse zum Lernen im Team, die Schmidtmann mit Wissen über das Verhalten von (öffentlichen) Gruppen im Internet zusammenführte. Forschungsergebnisse über das Lernverhalten am PC flossen ebenfalls ein. So entstand erstmals ein Forschungsrahmen, mit dessen Hilfe bewertet werden konnte, welche Faktoren die Arbeitsleistungen von virtuellen Gruppen begünstigen. Die Ergebnisse sind deshalb interessant für Anbieter und Lehrende in virtuellen Seminaren. Doch eines vorweg: Ein Patentrezept für alle Situationen gibt es nicht.

Zudem ist für viele Studierende das Lernen am PC umständlicher als die herkömmliche Papier-und-Bleistift-Methode. Kompensiert wird dieser Aufwand für Fernstudierende aber durch den sozialen Austausch; das Gefühl, gemeinsam etwas zu erarbeiten. Ausschlaggebend für die Leistung der Gruppe ist dann, wie intensiv die Gruppenmitglieder miteinander kommunizieren. Diese Kommunikation müssen Lehrende herausfordern, sagt Schmidtmann, indem sie einer neu formierten Gruppe beispielsweise sehr schnell konkrete kleine Arbeitsaufgaben geben.
Entscheidend ist also die Rolle des Dozenten. Auch in realen Arbeitsgruppen verursachen schlecht vorbereitete Dozenten schlechtere Arbeitsleistungen der Studierenden. Doch sowohl Lehrende als auch Studierende können sich zur Not irgendwie "durchwursteln"; virtuelle Arbeitsgruppen dagegen geben schnell auf, hat Schmidtmann beobachtet. Deshalb müssen die Lehrenden von Anfang an transparent machen, was die Gruppe erwartet.

Die Gruppen müssen sich zudem mit anderen virtuellen Arbeitsgruppen vergleichen können, damit sie im Lehrstoff nicht auf Abwege geraten. Es braucht einen virtuellen Raum, in dem die Teams Ergebnisse austauschen und bewerten können. Wichtig ist Sympathie zwischen den Gruppenmitgliedern - überraschenderweise jedoch nur für die Arbeitszufriedenheit der Einzelnen, nicht für die Leistung der Gruppe. In einem Folgeprojekt möchte Schmidtmann daher technische Möglichkeiten schaffen, um virtuellen Arbeitsgruppen eine Kommunikationsebene für ein "Stimmungsbarometer" anzubieten.

Überraschend auch: Technische Virtuosität ist keineswegs eine Voraussetzung für gute Arbeitsleistungen in virtuellen Seminaren. Wichtiger ist Offenheit für die neue Situation. Die Psychologin fragte die Studierenden nach ihren Technik-Kenntnissen vor und nach dem Seminar. Wer sich am PC anfangs als eher unsicher einschätzte, beurteilte das Seminar hinterher umso positiver, war beeindruckt von dem, was er selbst und seine Arbeitsgruppe geleistet hatten. Für diese "Anpassungsleistung" an das Arbeiten am PC müssen sich aber gerade diejenigen, die anfangs Scheu haben, offen auf die Situation einlassen - sonst ist die Arbeit der ganzen Gruppe in Gefahr, erklärt Schmidtmann. Denn wo ein reales Team schnell herausfinden kann, warum jemand seinen Arbeitsanteil nicht erledigt, kann ein virtueller 'Ausfall' seine Arbeitsgruppe verunsichern und demotivieren.

Auch hier ist also das Fingerspitzengefühl der Lehrenden gefragt, die für gelungene Gruppenarbeit ein genau durchdachtes Konzept brauchen, dass sie dann behutsam umsetzen. Die Studierenden werden es ihnen danken - mit hoher Motivation, produktiver Beteiligung und guten Arbeitsergebnissen.


Schmidtmann, Heide (2005): Gruppenbasiertes Lernen in virtuellen Seminaren. Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main.

Weitere Informationen:
FernUniversität in Hagen
Institut für Psychologie
Dr. Heide Schmidtmann
Telefon 02331/987-2989
E-Mail heide.schmidtmann@fernuni-hagen.de

Autorin der Pressemitteilung:
Anemone Schlich
Pressereferentin
Tel.: 02331/987-2421
E-Mail: anemone.schlich@fernuni-hagen.de

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