Studium, Ausbildung und Beruf

web uni-protokolle.de
 powered by
NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenSamstag, 7. Dezember 2019 

Ostdeutschland als Laboratorium der Globalisierung

31.08.2005 - (idw) Universität Leipzig

Das Zentrum für Höhere Studien (ZHS) der Universität Leipzig holt vom 22. bis 25. September 250 namhafte Forscher aus allen Teilen der Welt zum ersten Europäischen Kongress für Welt- und Globalgeschichte nach Leipzig. Der wissenschaftliche Geschäftsführer des ZHS, Dr. Matthias Middell, erklärt im Interview die Tragweite der Tagung und die Bedeutung des neuen Wissenschaftszweiges, der in Leipzig in einen Masterstudiengang mündet. Frage: Herr Dr. Middell, 1996 wurde Globalisierung als heißer Anwärter für das Unwort des Jahres gehandelt, weil der Begriff als vermeintlich neues Schlagwort die Medien dominierte. Nun veranstaltet das Zentrum für Höhere Studien der Universität Leipzig bereits den ersten Europäischen Kongress zur Global- und Weltgeschichte?

Dr. Matthias Middell: Darin liegt bereits der erste Irrtum begründet, mit dem wir aufräumen wollen. Seit Jahrzehnten beschäftigen sich Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen mit der Globalisierung. Wenn wir zurückschauen, so lässt sich feststellen, dass etwa aller 50 Jahre das Thema die Forschung beschäftigt: Die kapitalistische Entgrenzung bei Karl Marx Mitte des 19. Jahrhunderts, der Imperialismus um die Wende zum 19. Jahrhundert, der Umgang mit den dekolonialisierten Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg. Jetzt jedoch erlebt die Diskussion zur Weltgeschichte einen deutlichen Professionalisierungsschub, und eine neue Forschungsdisziplin entsteht.

Frage: Worin liegt dieser Qualitätssprung und was bedeutet er für die Forschung?

Middell: In den vorangegangenen Epochen war die Einheit der Welt etwas Ausgedachtes, nicht Existentes. Am Ausgang des 21. Jahrhunderts ist das anders, denn die Welt integriert sich nun immer rasanter, unter anderem durch den wachsenden Welthandel, die immer schnelleren Finanzströme, vielfältige Institutionen auf europäischer und internationaler Ebene. Und die Studenten geben sich nicht mehr mit der Aufstiegsgeschichte des Westens zufrieden, sondern fragen nach den Konsequenzen der postkolonialen Situation in vielen Ländern der Welt für ein neues Geschichtsbild. Wir haben jetzt die Möglichkeit, durch empirische Forschungen und historische Diskussionen einen neuen Blick auf die Weltgeschichte zu bekommen. Dies kann nur durch interdisziplinäre Arbeit gelingen. 250 namhafte Vertreter aus allen Teilen der Erde bringen wir nach Leipzig, um neue Impulse für diese Art von Forschung zu liefern.

Frage: In den Vereinigten Staaten hat sich dieser neue Wissenschaftszweig schon etabliert. Wie kann sich Leipzig profilieren und inwiefern kann die Universität mit ihren Studenten davon profitieren?

Middell: In der Tat vollziehen wir jetzt einen erheblichen Teil der zehnjährigen nordamerikanischen Entwicklung nach. Allerdings haben wir auch einen speziell europäischen Blick auf die Globalisierung und ihre Geschichte. Außerdem kann man Ostdeutschland gewissermaßen als ein Laboratorium der Globalisierung betrachten: die Attraktivität für ausländische Investoren, auch für Weltkonzerne, die Reaktion der Ostdeutschen auf diese Intensivierung der Anpassung an veränderte Märkte und natürlich auch all die Ängste und Sorgen, die damit verbunden sind. Aus diesen Erfahrungen, die in vielen Regionen Europas ähnlich gemacht werden, entsteht gerade eine spezielle europäische Perspektive auf das Thema. Ob eine Institutionalisierung ihrer wissenschaftlichen Erforschung dieses Mal im Unterschied zu früher gescheiterten Versuchen gelingt, wird sich zeigen. Zumindest bieten wir mit dem neuen Masterprogramm "Global Studies" der Universitäten Leipzig, London, Wien und Wroclaw (Polen) einen Ansatz.


tob


Weitere Informationen:
Zentrum für Höhere Studien der Universität Leipzig
PD Dr. Matthias Middell
Telefon: 0341 97-30230
E-Mail: middell@uni-leipzig.de
www.uni-leipzig.de/~zhs



Einladung zum Pressegespräch
anlässlich des ersten Europäischen Kongresses zur Welt- und Globalgeschichte

Zeit: 22. September 2005, 10:30 Uhr
Ort: Universität Leipzig, Rektoratsgebäude, Ritterstraße 26, 3. Stock, Raum 320

uniprotokolle > Nachrichten > Ostdeutschland als Laboratorium der Globalisierung
ImpressumLesezeichen setzenSeite versendenDruckansicht

HTML-Code zum Verweis auf diese Seite:
<a href="http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/104919/">Ostdeutschland als Laboratorium der Globalisierung </a>