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Berufsbildung vor grundlegendem Wandel

23.09.2005 - (idw) Universität Erfurt

"Die in Deutschland übliche Praxis, Bildungszertifikate an 'abgeschlossene' Ausbildungs- oder Bildungsgänge zu koppeln, könnte mit der Entwicklung des europäischen Bildungsraumes grundlegend in Frage gestellt werden", das ist das Fazit einer Tagung von 250 Berufsbildungsforschern, die in dieser Woche in Erfurt zusammenkamen.

"Konkurrierend zur deutschen Praxis haben die angelsächsischen Länder nationale Qualifikationsrahmen entwickelt, in denen berufliche Qualifikationen als spezifische Kompetenzbündel dargestellt werden", stellt Manfred Eckert, Professor für Berufspädagogik und berufliche Weiterbildung an der Universität Erfurt fest. Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen gingen gleichermaßen in diese Qualifikationsrahmen ein. Ein europäisches Leistungspunkte-Systems im Rahmen der beruflichen Bildung könnte diese Entwicklung ergänzen und zu einem europäischen Qualifikationsrahmen führen, so die Hoffnung der deutschen Experten. Erfahrungen und Lernprozesse an Arbeitsplätzen könnten in einen solchen Qualifikationsrahmen einbezogen werden. Die große Vielfalt von beruflichen Lernorten, Lernprozessen und Lernformen würde dabei erheblich besser in Qualifizierungsprozesse eingebunden. Zugleich rückten dann Fragen der Qualitätssicherung und der Kompetenzentwicklung und der kompetenzfördernden Gestaltung von Arbeitssituationen einschließlich der Kompetenzfeststellungsverfahren und -zertifizierung in den Mittelpunkt. Damit sei auch eine Spreizung des Berufsbildungssystems zu erwarten, es würden Qualifikationsniveaus sowohl unterhalb als auch oberhalb des traditionellen Facharbeiterniveaus zu erwarten sein. "Das alles ist aus der Sicht des deutschen Berufsbildungssystems derzeit schwer vorstellbar, könnte aber die zukünftigen Entwicklungslinien bereits vorzeigen", so Prof. Eckert, der die Tagung in Erfurt organisiert hat.

Auch im Hochschulbereich werden derzeit vielfältige Reformen umgesetzt, die mit ähnlichen Instrumenten arbeiten und die die Europäisierung fördern. Gerade hier ist die Universität Erfurt richtungsweisend. In diesem Zusammenhang ist auch auf das Erfurter Berufsschullehrerstudium hinzuweisen, dass mit den Universitäten in Ilmenau und Weimar in den Berufsfeldern Bautechnik, Elektrotechnik und Metalltechnik durchgeführt wird. Geplant ist hier die Einführung eines Magister-Studiengangs, mit dem die Lehrerausbildung ebenfalls an die internationalen Abschlüsse angepasst werden soll.

In der Berufsbildung sind solche Entwicklungen Neuland. Abgesehen von den Berufen in den Informationstechnologien ist das deutsche System bisher anders organisiert. Der dezentrale Ansatz, den die europäische Berufsbildungspolitik vertritt, wird Spielräume eröffnen, vielleicht auch Handlungszwänge erzeugen, ist Eckert überzeugt. Insbesondere werde es darum gehen, das System der beruflichen Bildung in Deutschland und seine Lernorte in dem in Grundzügen erkennbaren Europäischen System so zu positionieren, dass seine spezifische Leistungsfähigkeit und seine Absolventen die entsprechende europäische Anerkennung finden - sowohl im Bildungs- als auch im Berufsbildungssystem und auf dem europäischen Arbeitsmarkt. Das gelte sowohl für das Duale System als auch die beruflichen Bildungsgänge in Berufsfachschulen. "Hier liegen große Herausforderungen für die Gestaltung des Berufsbildungssystems und für die Berufsbildungsforschung".


Die Fachtagung habe aber auch gezeigt, dass in vielen dieser Innovationsfelder aus Sicht der Berufsbildungsforschung noch ein ganz erheblicher Forschungs- und Entwicklungsbedarf besteht. Deswegen sei nicht zu erwarten, dass das deutsche Berufsbildungssystem insgesamt diese Reformtendenzen unmittelbar aufnehmen könne.

Weitere Informationen/ Kontakt:
Prof. Dr. Manfred Eckert, Tel.: 0361-737-1175

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