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Neue deutsch-polnische Jugendstudie der Uni Mainz

13.12.2002 - (idw) Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Politik für Jugendliche in Deutschland und Polen kaum von Bedeutung - Verhältnis zwischen Polen und Deutschen wird relativ konfliktfrei gesehen

Pressemitteilung


Neue deutsch-polnische Jugendstudie der Uni Mainz: Familie besitzt noch immer hohen Stellenwert

Politik für Jugendliche in Deutschland und Polen kaum von Bedeutung - Verhältnis zwischen Polen und Deutschen wird relativ konfliktfrei gesehen

(Mainz, 13. Dezember 2002, lei) Trotz sozialer Umbrüche nimmt die Familie bei Jugendlichen noch immer einen hohen Stellenwert ein. Dies zeigt eine neue deutsch-polnische Jugendstudie, die am Institut für Soziologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz realisiert wurde. Bei einer Einstufung wichtiger Lebensbereiche rangieren zwar unter west- und ostdeutschen Jugendlichen die Freunde an erster Stelle, mit nur wenig Abstand folgt jedoch der Bereich Familie. "Diese hohe Bedeutung überrascht, wenn wir immer vom Zerfall der Familie sprechen", kommentiert Dr. Bernadette Jonda vom Institut für Soziologie die Ergebnisse. "Dahinter verbirgt sich die Sehnsucht nach Geborgenheit und vertrautem Raum. Insofern ist es gleichzeitig richtig, dass Freunde einen hohen Stellenwert einnehmen, weil sie oft kompensieren, was die Familie nicht bietet."

Die Ergebnisse sind Teil einer großen vergleichenden Untersuchung über Jugendliche in Deutschland und in Polen, die von Donnerstag bis Samstag bei einer internationalen Konferenz in Mainz der Fachöffentlichkeit präsentiert wird. Die Daten basieren auf einer repräsentativen Umfrage unter 1.059 Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahren in Deutschland und 1.242 gleichaltrigen Jugendlichen in Polen. Angesichts der dramatischen Umbrüche in den Ländern Mittelosteuropas und der bevorstehenden Osterweiterung der Europäischen Union (EU) untersuchten die Mainzer Soziologen mit ihren polnischen Partnern Meinungen und Einstellungen zu den wichtigsten Lebensbereichen wie Familie, Schule, Freizeit, Wirtschaft, Politik und Kirche. Aber auch das Verhältnis von polnischen Jugendlichen gegenüber Deutschland und deutscher Jugendlicher gegenüber Polen wurde unter die Lupe genommen. Dabei stellten die Wissenschaftler u.a. fest, dass es nach Ansicht der befragten Jugendlichen aktuell zwischen Polen und Deutschen keine Konflikte gibt. 82 Prozent der polnischen Jugendlichen und 69 Prozent der deutschen Jugendlichen stimmten der Frage, ob es keine aktuellen Konflikte zwischen Deutschen und Polen gebe, entweder vollkommen zu oder antworteten: "stimme eher zu". Vor zehn Jahren lagen diese Zahlen bei 44 bzw. 53 Prozent. "Das Verhältnis zwischen den beiden Ländern hat sich deutlich verbessert, vor allem von polnischer Seite", kommentierte Dr. Jonda das Ergebnis.

"Bemerkenswert ist unser Befund, dass immerhin 27 Prozent der polnischen Jugendlichen der Aussage zustimmen, die Polen hätten bei den Deutschen wegen der Vertreibungen nach dem 2. Weltkrieg viel wieder gutzumachen." Diese Meinung vertreten dagegen bei den deutschen Befragten nur 16 Prozent. "Vor ein paar Jahren hätte man diese Frage in Polen noch nicht stellen können", merkte Dr. Jonda an. "Das wäre einem Tabubruch gleichgekommen." Andererseits fanden noch 1991 rund 84 Prozent der Polen, die Deutschen hätten bei ihnen immer noch viel wieder gutzumachen - mittlerweile ist dieser Anteil auf 54 Prozent zurückgegangen, liegt damit aber immer noch relativ hoch. Zur Frage, ob deutsche Touristen in Polen unbedingt mit den Grausamkeiten des 2. Weltkriegs konfrontiert werden sollen, antworteten 2001 rund 27 Prozent der Polen zustimmend im Vergleich zu 74 Prozent vor zehn Jahren. Unter den westdeutschen Jugendlichen blieb der Prozentsatz im Zehn-Jahres-Vergleich unverändert bei gut 33 Prozent.

Während deutsche Jugendliche die Familie nach den Freunden in ihrer Wichtigkeit für das eigene Leben auf den zweiten Rang verweisen, hat Familie in Polen der Studie zufolge absolute Priorität. Dass die Ehe eine überlebte Einrichtung sei, fanden in Polen nur 15 Prozent der Befragten, in Deutschland aber auch nur 24 Prozent. "Übereinstimmung herrscht unter den Jugendlichen darin, dass die Politik zu den am wenigsten wichtigen Lebensbereichen zählt", erklärte Dr. Jonda. In Polen liegt der Bereich sogar abgeschlagen auf dem letzten Platz. Unter ostdeutschen Jugendlichen nimmt diese Position der Bereich "Religion" ein. Während in Polen die Arbeit vergleichsweise wichtiger ist als die Freizeit, ist dies unter deutschen, insbesondere westdeutschen Jugendlichen genau umgekehrt. Deutliche Zustimmung findet die Frage der Aufnahme Polens in die Europäische Union: knapp 77 Prozent der polnischen und 67 Prozent der deutschen Jugendlichen stimmen der EU-Aufnahme zu.

Das Institut für Soziologie der Mainzer Hochschule hat die Studie in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Warschauer Universität und mit Förderung durch die Fritz Thyssen Stiftung (Köln) sowie der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit (Warschau) erstellt. Was aus den Zahlen jedoch nicht hervorgeht, ist eine Feststellung, die Dr. Jonda bei der Erhebung der Daten unter deutschen Jugendlichen gemacht hat: "Die jungen Leute reflektieren viel und lassen sich nicht gerne in ein Raster pressen. Oft sind die Antwortmöglichkeiten bei der Fragebogenerhebung zu eng gefasst." Diese Feststellung, so die Soziologin, gelte unabhängig von dem sozialen Hintergrund der Befragten.

Die internationale Konferenz zum Thema "Jugendliche in Deutschland und in Polen" findet noch bis Samstag an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Alter Musiksaal (12.12. und 13.12.) bzw. im Erbacher Hof (14.12) statt.

Kontakt und Informationen:

Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Institut für Soziologie
Dr. Bernadette Jonda
Tel. 06131/39-24027
Fax 06131/39-23726
E-Mail: jonda@mail.uni-mainz.de
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