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"Grabhäuser" aus Judäa: Ossuare geben Einblick in die Bestattungsriten zur Zeit Jesu

29.09.2005 - (idw) Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Sieben von zehn Ossuaren in Deutschland befinden sich dank finanzieller
Unterstützung der Kulturstiftung Rheinland-Pfalz an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Nur zehn von ihnen gibt es in Deutschland, davon befinden sich sieben an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz: Ossuare sind Knochenkästen, in denen die Knochen der Verstorbenen ein Jahr nach dem Tod und damit nach der Verwesung eingesammelt wurden. "Solche Ossuare gab es in Palästina nur während des Chalkolithikums (4. Jt. v.Chr.) und dann noch einmal um die Zeitenwende", erklärt Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Zwickel vom Seminar für Altes Testament und Biblische Archäologie des Fachbereichs Evangelische Theologie der Johannes Gutenberg-Universität, "fast alle dieser jüngeren Ossuare wurden in der Zeit zwischen 20 v.Chr. und 70 n.Chr. benützt und sind damit bedeutende Relikte aus der unmittelbaren Umwelt des Neuen Testaments. Sie wurden vor allem im Umkreis von Jerusalem und Jericho gefunden. Die Steinbrüche, in denen der Kalkstein für die Ossuare gebrochen wurde, befanden sich nördlich von Jerusalem." Die an der Johannes Gutenberg-Universität gezeigten Ossuare stammen ursprünglich aus einer Privatsammlung und konnten dank der finanziellen Unterstützung der Kulturstiftung des Landes Rheinland-Pfalz erworben werden.

Ossuare sind meist aus Kalkstein gefertigt. Bei einigen Ossuaren behielt mal die Kalksteinfarbe bei, andere wurden mit roter Farbe bemalt. Die Größe orientiert sich an der Größe der Knochen. Die Ossuare wurden mit einem flachen oder dachförmigen Deckel verschlossen. Häufig wurden, meist von recht ungeschickter Hand, Namen und gelegentlich auch Berufsbezeichnungen u.ä. in die Ossuare eingeritzt. Die Frontseite ist in der Regel mit Rosetten oder Hausmotiven verziert. "Die Rosetten symbolisieren vielleicht die Sonne und damit ein Lebensmotiv", so Professor Zwickel, "hierfür könnte auch sprechen, dass sich gelegentlich die Rosette mit Blütenmotiven findet. Die Architektursymbolik könnte aufzeigen, dass das Ossuar als Grabhaus verstanden wird." Das Aufkommen der Ossuare veränderte die Bestattungssitten erheblich. Bis dahin wurden die Toten in Familiengräbern beigesetzt. War keine Grablege mehr frei, wurden die Knochen in eine Knochengrube geworfen, in der sich bereits die Knochen der Vorfahren befanden. Bei der Verwendung der Ossuare war es möglich, die Knochen eines Individuums auch für das Jenseits separat aufzubewahren. Hintergrund dieser neuen Bestattungspraxis war sicherlich das Aufkommen der Vorstellung einer Auferstehung der Toten. Die Ossuare sind damit ein wichtiges Relikt, um die Frömmigkeit in Judäa zur Zeit Jesu zu verstehen. Vor wenigen Jahren erregten zwei Ossuare große öffentliche Aufmerksamkeit: 1990 wurde bei Ausgrabungen in einem Grab in Talpiot südlich des antiken Jerusalem ein besonders sorgfältig verziertes Ossuar entdeckt, das die Inschrift "Joseph, Sohn des Kaiphas" trägt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass besagter Kaiphas der aus dem Neuen Testament bekannte Hohepriester ist. Bei einem weiteren Ossuar findet sich die Aufschrift "Jakobus, Sohn des Joseph, Bruder des Jesus". "Schnell meldete die Weltpresse, der erste archäologische Beweis für die Existenz von Jesus sei aufgetaucht", so Prof. Zwickel, "einerseits sind jedoch alle drei Namen in der damaligen Zeit recht häufig gewesen, so dass ihre gleichzeitige Nennung keinesfalls ein Beleg für den biblischen Jesus sein muss. Inzwischen ist jedoch auch zweifelsfrei nachgewiesen, dass die Worte 'Bruder des Jesus' eine von modernen Fälschern hinzugefügte Ergänzung an einem alten Ossuar darstellen."

Die Ossuare sind im Eingangsbereich des Forum 4 auf dem Universitätsgelände ausgestellt und können während der Öffnungszeiten der Universitätsgebäude besichtigt werden.


Weitere Informationen:
Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Zwickel
Seminar für Altes Testament und Biblische Archäologie
Tel. 06131/ 39-20753
E-Mail: zwickel@uni-mainz.de

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