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Gentechnologie in Deutschland

24.01.2006 - (idw) Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

Akademievorlesungen Wintersemester 2005/06
der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Gentechnologiebericht

Donnerstag, 26. Januar 2006, 18.30 Uhr

Akademiegebäude am Gendarmenmarkt, Einstein-Saal
Eingang Jägerstraße 22/23, 10117 Berlin

o Karl Sperling: Nachweis von Krankheiten vor der Geburt: Medizinischer Fortschritt oder gesellschaftlicher Rückschritt? Pränatale Diagnostik - aus Sicht der Humangenetik

o Rolf Becker: Pränatale Diagnostik - aus der Sicht des Gynäkologen

Vortrag Karl Sperling: Die Einführung molekulargenetischer Methoden hat eine neue Ära in der Medizin begründet. So können krankheitsrelevante genetische Veränderungen im Prinzip an einer einzigen Zelle und zu jedem Zeitpunkt der Entwicklung nachgewiesen werden. Dies kann zu besserer Behandlung, bzw. zur Prävention von Krankheiten führen. Bei pränataler Diagnostik (PD) kann es von Bedeutung sein, ob ein betroffenes Kind geboren, bei der Präimplantationsdiagnostik (PID), ob ein Embryo übertragen werden soll.

Die PID kann aus humangenetischer Sicht als eine vorgezogene PD angesehen werden. Dabei eröffnet die PID die Möglichkeit, eine Auswahl unter den frühen Embryonen zu treffen. Die Kritiker sind überzeugt, daß damit ein Selektionsprozeß beginnt, wonach Kinder nur noch als auf Wunsch bestellbare Produkte angesehen, oder die Embryonen sogar genetisch verändert würden. Diese Einwände beziehen sich nicht auf die PID an sich, sondern auf deren antizipierte Konsequenzen. Der Ausschluß einer schweren genetisch bedingten Krankheit ist allerdings etwas vollkommen anderes als die Auswahl nach einer gewünschten Eigenschaft, ganz zu schweigen von der gezielten Erzeugung von Kindern mit bestimmten Fähigkeiten durch genetische Manipulation.

Anderenorts zählt die PID bereits heute zur medizinischen Versorgung. Hierfür gibt es gute ethische Gründe. Die Angst vor apokalyptischen Visionen, die wenig mit der Realität zu tun haben, sollte nicht dazu führen, daß bei uns einer kleinen Minderheit die Hilfe versagt wird. Es kommt auf den Kontext an, in dem die PID ebenso wie die PD angeboten und durch-geführt werden.

Karl Sperling ist Leiter des Instituts für Humangenetik der Charité - Universitätsmedizin Berlin und Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Vortrag Rolf Becker: Pränatale Medizin ist ein junger Teilbereich der Medizin, der in den letzten Jahren insbesondere aufgrund der Fortschritte in der bildgebenden Diagnostik, speziell der Ultraschalldiagnostik, eine rasante Entwicklung durchgemacht hat, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Neben den Möglichkeiten der invasiven Diagnostik (Amniocentese, Chorion-zottenbiopsie oder Fetalblutentnahme) haben die Methoden der nichtinvasiven Diagnostik an Bedeutung gewonnen. Auch treten zusätzlich zu den diagnostischen Methoden inzwischen immer mehr therapeutische Möglichkeiten in den Vordergrund.

Konsequenzen pränataler Diagnostik sind
o Ausschluß von Anomalien, Ermöglichen einer angstfreien Schwangerschaft
o Vorbereiten der Eltern auf eine angeborene Anomalie (z. B. Lippenspalte)
o Ermöglichen einer intrauterinen Therapie (z. B. Transfusionen bei fetaler Anämie)
o Beeinflussung von Geburtsart, -ort und -zeitpunkt (z. B. vorzeitige Beendigung der Schwangerschaft bei Unterversorgung des Feten, Entbindung im Herzzentrum bei angeborenen Herzfehlern)
o Vorhersage von Schwangerschaftskomplikationen

Neben diesen Auswirkungen, die sowohl Erkrankungen der Schwangeren als auch des Feten positiv beeinflussen und in manchen Fällen lebensrettend sein können, werden bei Unter-suchungen im Rahmen der nichtinvasiven wie invasiven Pränataldiagnostik auch Befunde erhoben, bei denen eine Hilfe nicht möglich ist. Damit kann in der Folge der Pränatal-diagnostik je nach Schweregrad der vorgefundenen Anomalie ein Interessenkonflikt zwischen den Interessen der Schwangeren und des ungeborenen Kindes entstehen, in dem die Schwangere ihr Recht geltend macht, sich gegen das Austragen der Schwangerschaft zu ent-scheiden. Insbesondere diese Seite der Pränatalmedizin gibt Anlaß zu kritischem Hinterfragen insbesondere auch auf der Basis der neuen Möglichkeiten, in denen z. B. eine Geschlechts-bestimmung schon im ersten Schwangerschaftsdrittel möglich ist. Die zunehmend exakter werdende Pränataldiagnostik erweckt Befürchtungen bei denen, die eine Entwicklung hin zur Ablehnung von Krankheiten und Anomalien insgesamt zu erkennen glauben. Insbesondere vor dem Hintergrund unserer neueren Geschichte werden die Möglichkeiten der Pränatal-diagnostik in die geistige Nähe von Euthanasie, Eugenik und Selektion gerückt.

Rolf Becker ist Professor für Gynäkologie an der Charité - Universitätsmedizin Berlin

Die letzte Akademievorlesung in dieser Reihe findet am 9. Februar 2006, 18.30 Uhr statt:

- Anna M. Wobus, Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung, Gatersleben, und Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften: Stammzell-forschung - Perspektiven und Probleme in Deutschland.
- Klaus Tanner, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: Ethische Aspekte der Stammzellforschung.

Presseanmeldungen und weitergehende Informationen:
Gisela Lerch
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
Jägerstraße 22/23, 10117 Berlin
Tel. 030/20370-657, Fax: 030/20370-366
E-mail: glerch@bbaw.de

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