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Sprachbarrieren überwinden: An-Institut der MLU stellt zwei Projekte auf Fachmessen vor

03.02.2006 - (idw) Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Die Forschungsstelle zur Rehabilitation von Menschen mit kommunikativer Behinderung (FST) stellt im Februar auf den Fachmessen "LEARNTEC" und "didacta" zwei Studienschwerpunkte vor, die die Wissensvermittlung bei Menschen mit Hörschädigung deutlich verbessert haben. Neben einem Projekt zur sprachlichen Optimierung von Prüfungsfragen für Auszubildende mit Hörbehinderung wird derzeit das Konzept einer beruflichen Höherqualifikation für Hörgeschädigte in einem für Europa einzigartigen Projekt umgesetzt. Fast 16 Jahre ist es her, dass sich Wissenschaftler der Forschungsstelle erstmals mit der Textoptimierung von Prüfungsaufgaben auseinander gesetzt haben. Damals wie heute zeigte sich, dass es für Menschen mit Hörbehinderung oftmals schwierig ist, Prüfungsaufgaben zu verstehen und entsprechend zu bearbeiten. "Viele der Betroffenen können akustische Signale nur in eingeschränkter Form wahrnehmen. Ihr Wortschatz und ihre Grammatik sind aus diesem Grund teils weniger ausgeprägt, als bei anderen Menschen", erklärt Dr. Susanne Wagner, Projektleiterin an der Forschungsstelle. Aus diesem Grund habe man sich zum Ziel gesetzt, bestehende Prüfungsaufgaben zu analysieren und in sprachlich eindeutigere und einfachere Formen zu transformieren - ohne den Inhalt zu verändern. Den Menschen soll so die Chance gegeben werden, ihre fachlichen Kenntnisse wiederzugeben, ohne an sprachlichen Hürden der Prüfungsaufgaben zu scheitern.

Zusammenarbeit u. a. mit der Industrie- und Handelskammer Ruhr

"Man musste erst einmal herausfinden, wo die Schwierigkeiten überhaupt liegen", berichtet Wagner weiter. Dazu nahm das FST-Team die Prüfungsaufgaben der IHK zu Essen. Als Ergebnis erstellten die Mitarbeiter ein Schema zur Aufarbeitung von Prüfungsaufgaben, begannen, dieses umzusetzen und die textoptimierten Aufgaben in einer Datenbank zu speichern. Mittlerweile umfasst der Datenbestand mehr als 26 000 textoptimierte Fragestellungen aus acht verschiedenen Bereichen der Berufsausbildung.
Seit zwei Jahren setzen die Wissenschaftler auf Interaktivität durch computerbasierte Anwendungen und Schulungen. "Die bisher angelegten Datensätze können nur von der IHK-Essen abgefragt werden. Andere Kammern müssen eine Anfrage an ihre Essener Kollegen stellen. Aus diesem Grund erarbeiten wir mit unseren Programmierern eine Softwarelösung, die deutschlandweit bedient werden kann", so Wagner. Eine andere Computer-Anwendung solle in der Lage sein, die eingegebenen Prüfungsaufgaben stilistisch zu untersuchen. So könne jede Lehrkraft Aufgaben-Texte selbstständig und sicher optimieren.
Mittlerweile gibt es bereits Anfragen aus dem Regelschulbereich. Allerdings müsse man hier noch überprüfen, inwieweit Textoptimierung die Prüfungsaufgaben auch unter normalen Bedingungen verbessert. Bisher konnten positive Auswirkungen nur bei Menschen mit Hörbehinderung nachgewiesen werden. Ein entsprechendes Experiment läuft derzeit an einer Regelberufsschule in München.

Höherqualifizierung für Hörgeschädigte

Zukunftssicherung hörbehinderter ArbeitnehmerInnen in kaufmännischen und technischen Berufen durch berufsfeldübergreifendes Lernen (ZUK), ein weiteres Projekt des An-Instituts, gibt hörgeschädigten Menschen die Möglichkeit, sich im Berufsleben weiterzubilden. Die Notwendigkeit sieht Projektbetreuer Ronald Prinz auch gesellschaftlich begründet. "Die Hemmschwelle für einen Schwerhörigen oder Gehörlosen, sich in eine Vorlesung einer Universität zu setzen, ist sehr hoch, nicht nur, weil die technischen Voraussetzungen kaum gegeben sind. Hier bedarf es einer speziellen Betreuung, die wir im Rahmen dieses Vorhabens in Zusammenarbeit mit dem Rheinisch-Westfälischen Berufskolleg für Hörgeschädigte Essen gewährleisten", erläutert Prinz.

Auf drei Säulen zum Ziel

Dieses europaweit einzigartige Projekt der Virtuellen Fachschule für Wirtschaft und Technik basiert auf drei Säulen. Neben dem virtuellen Unterricht über das Internet und dem Präsenzunterricht an den Wochenenden am Standort Essen erwarten die Dozenten ein hohes Maß an Eigeninitiative. "Es ist sicherlich nicht einfach, aber dafür erhalten die Teilnehmer ein Weiterbildungsprogramm, das sie auch neben dem Beruf absolvieren können." Etwa 30 Personen haben bisher diese Höherqualifikation erfolgreich abgeschlossen.
Nach den derzeitigen Evaluationen wird mit Bautechnik im August eine weitere Fachrichtung in das Fortbildungsprogramm aufgenommen. Da diese Kurse durch den vorhandenen Lehrkräftebestand nicht abgedeckt werden können, sollen erstmals externe Lehrkräfte entsprechend geschult und eingesetzt werden.
Die FST hat ihre Wurzeln an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg, an welcher sie 1965 als "Forschungsstelle für angewandte Sprachwissenschaft zur Rehabilitation Behinderter" gegründet wurde. Nach dem Ausscheiden des Gründers und Leiters, Prof. Dr. Klaus Schulte, wird sie seit 1998 als "Forschungsstelle zur Rehabilitation von Menschen mit kommunikativer Behinderung" als An-Institut an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg weitergeführt. Unter der Zielsetzung, behinderten Menschen mehr Teilhabe und Selbstbestimmung zu gewährleisten, orientieren sich die Forschungsschwerpunkte im Speziellen an der Überwindung von Kommunikationsbarrieren bei Menschen mit kommunikativer Behinderung.

Ansprechpartner:


Projekt PMT (Textoptimierung)
(didacta 2006, 20. bis 24. Februar 2006 in Hannover)
Dr. Susanne Wagner
Telefon: 0345 55-22984
E-Mail: susanne.wagner@paedagogik.uni-halle.de

Projekt ZUK
(LEARNTEC 2006, 14. bis 16. Februar 2006 in Karlsruhe)
Ronald Prinz
Telefon: 0345 55-22980
E-Mail: ronald.prinz@fst.uni-halle.de

FST - Forschungsstelle zur Rehabilitation von Menschen mit kommunikativer Behinderung an der MLU
06099 Halle (Saale)
Weitere Informationen: http://www.fst.uni-halle.de/
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