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Sprachliche Vielfalt und Raritäten

15.03.2006 - (idw) Universität Leipzig

Zum ersten Mal findet in diesem Jahr die LeipzigSpringSchool on Linguistic Diversity statt. Zahlreiche Sprachwissenschaftler werden Kurse für Studenten aus aller Welt anbieten, die sich mit der sprachlichen Vielfalt auseinandersetzen. Neben klassischen Fragen der Grammatikforschung stehen auch Fragen zum Spracherwerb, zur Sprachverarbeitung und zur geographischen Verteilung bestimmter Sprachstrukturen auf dem Programm. Hans, ein 27-jähriger Bäcker, fährt mit seinem Fahrrad zur Arbeit. Auf dem Weg dorthin begegnet der blonde, blauäugige junge Mann einem Freund namens Kurt. Die beiden begrüßen sich kurz, sprechen ein paar Worte miteinander, und schließlich fährt der Bäcker Hans weiter.
Eine kurze Geschichte, die eigentlich nicht viel erzählt. Trotzdem erfährt man einiges über die Personen. In anderen Kulturen ist der Umgang mit Informationen über Personen nicht so freizügig, wie in einem Forschungsprojekt am Institut für Linguistik der Universität Leipzig festgestellt wurde. In einigen Sprachen des Himalaja zum Beispiel würde die Geschichte so erzählt werden: Fährt einer zur Arbeit. Trifft anderen. Grüßen sich. Sprechen. Fährt der eine weiter. Die Geschichte ist kürzer, und trotzdem erfährt der Leser das Wesentliche der Handlung. Dies liegt unter anderem auch daran, dass in den Gegenden, in denen Nominalphrasen sehr selten verwendet werden, die Handlung wichtiger ist als die Personen. Die Unterschiede zwischen den Kulturen spiegeln sich also auch in den Strukturen von Sprachen wider, und diese Unterschiede zwischen Sprachen sind zum Teil substantiell.
Während die Sprachwissenschaft im 20. Jahrhundert vor allem versuchte, die Einheit in den Unterschieden zu finden, also das, was allen Sprachen gemeinsam, was universell ist, geht der Trend in den letzten zehn Jahren dahin, die fundamentalen Unterschiede in den Strukturen der verschiedenen Sprachen zu untersuchen. Dieser Paradigmenwechsel zeigt sich nicht nur darin, dass die Teilgebiete der Linguistik, die sich mit sprachlicher Diversität (Vielfalt) befassen, stärker hervortreten, sondern manifestiert sich auch in neuen Forschergruppen und Konferenzen zu diesem Thema. So werden auch bei der LeipzigSpringSchool on Linguistic Diversity 170 Studenten aus der ganzen Welt über Unterschiede in der Sprache, beim Spracherwerb und bei der Sprachverarbeitung diskutieren.
Doch woher kommt dieser Paradigmenwechsel? Balthasar Bickel, Professor für Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Leipzig, meint dazu: "Zum einen hat man festgestellt, dass die tatsächliche Vielfalt unterschätzt wurde. Zudem geht mit der Globalisierung ein Verlust der Vielfalt einher, ein massives Aussterben der Sprachen. Das heißt, wenn wir jetzt nicht versuchen, diese Vielfalt zu erfassen, dann können wir es nie mehr, weil so viele Spielarten des menschlichen Sprechens und Denkens verloren gehen."
Aber die Erforschung der sprachlichen Vielfalt ist aus Sicht der Linguistik nicht nur eine Notwendigkeit, sondern auch ein faszinierendes Forschungsgebiet. So findet man bei der Untersuchung der Diversität zahlreiche Raritäten. Das sind diejenigen Strukturen einer Sprache, die im Vergleich zu anderen Sprachen in der ganzen Welt nur selten vorkommen. Erstaunlich für die meisten dürfte sein, dass auch Sprachen wie das Deutsche und Holländische eine Vielzahl solcher Raritäten aufweist. Die Stellung des Verbs und seines zugehörigen Partizips ist nur ein Beispiel dafür. So ist es in der Welt recht selten, dass das zum finiten Verb gehörende Partizip nicht direkt bei diesem steht, sondern erst am Ende des Satzes. So heißt es eben: Bäcker Hans hat vor der Arbeit seinen Freund Kurt getroffen. Diese Stellung des Partizips kann bei längeren Beschreibungen und Ausführungen schon einmal zur Folge haben, dass man den Satz zunächst falsch oder erst sehr spät versteht, wie bei folgendem Beispiel: Bäcker Hans hat vor der Arbeit mit seinem dicken, glatzköpfigen Freund Kurt während eines Gespräches eine Flasche Wein gefunden.
Auch die Verwendung von Relativpronomen ist eine Rarität, die fast nur in europäischen Sprachen vorkommt.
Europa bzw. Westeuropa wird auch ein Programmpunkt während der nächsten Linguisten-Konferenz in Leipzig sein. Diese Konferenz beschäftigt sich unter dem Titel "Rara und Rarissima" als erste sprachwissenschaftliche Konferenz überhaupt mit dem Thema Raritäten. Sie findet vom 29.3. bis 1.4.2006 am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig statt.
Auf der Konferenz werden viele sprachliche Raritäten vorgestellt, und man versucht zu verstehen, wie sie zustande kommen. Eine weitere Frage ist, warum sie gerade dort vorkommen, wo sie auftreten. Der Linguistikprofessor Balthasar Bickel hat dafür eine simple, aber einleuchtende Theorie. Demnach treten sprachliche Raritäten vor allem dort auf, wo es in der jüngeren Sprachgeschichte wenige massive Sprachwechsel zwischen nicht verwandten und gänzlich verschiedenen Sprachfamilien gab. Dies ist zum Beispiel im Deutschen der Fall. Oder anders gesagt: Dort, wo sehr viele Sprachvermischungen zwischen Sprachfamilien stattfanden, gibt es wenige Raritäten, so zum Beispiel im nördlichen Eurasien. Solche Vermischungen von Sprachen kommen zum Beispiel bei Völkerwanderungen oder Eroberungen von Gebieten zustande, aber auch wenn eine Sprache als besonders modisch gilt. Derzeit ist es die englische Sprache, die ein hohes soziales Prestige hat und deshalb auch in anderen Sprachkreisen gesprochen wird. So setzt mit der Globalisierung allmählich eine Uniformierung der Sprache ein, die zur Folge hat, dass viele Sprachen verschwinden. Es könnte in naher Zukunft demzufolge fast überall heißen: The baker Hans, who is 27 years old, goes to work by bicycle. On the way he meets his friend Kurt. They talk and then Hans goes on.


Jenifer Hochhaus


Weitere Informationen:
Institut für Linguistik
Prof. Dr. Balthasar Bickel
Telefon: 0341 97-37604
E-Mail: bickel@uni-leipzig.de

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