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Regulierung als Gegenstand sozioökonomischer Berichterstattung

15.03.2006 - (idw) Forschungsverbund Berichterstattung zur sozio-ökonomischen Entwicklung in Deutschland: Arbeit und Lebensweisen - soeb.de

Zweites interdisziplinäres Werkstattgespräch des Forschungsverbundes soeb.de

Deregulierung, Überregulierung, bürokratische Hemmnisse - in der politischen Debatte hat "Regulierung" meist ein negatives Vorzeichen. Oder sie wird technisch betrachtet: Der Staat legt einen Schalter um, dreht an einer Stellschraube - und nun mögen die Sozialforscher nachprüfen, ob "es geklappt hat". Doch gesellschaftliche Regeln gehen nicht nur vom Staat aus, auch von anderen Institutionen: Unternehmen, Märkten, Tarifparteien und nicht zuletzt Familien. Diese verschiedenen regulierenden, d.h. regelsetzenden Instanzen wirken dabei nicht selten gegeneinander. Und was die Menschen unter den Bedingungen dieses "Regelwerkes" anstellen, wie sie handeln und sich entscheiden, steht noch auf einem anderen Blatt. Der Forschungsverbund Sozioökonomische Berichterstattung in Deutschland (soeb.de) hat das komplexe Thema der Regulierung in den Mittelpunkt eines interdisziplinären Werkstattgesprächs gestellt. In der Göttinger Paulinerkirche veranstaltete am 9./10. März 2006 der Forschungsverbund Sozioökonomische Berichterstattung das Werkstattgespräch "Regulierung im Umbruch - Umbruch der Regulierung?" 40 Wissenschaftler, darunter Wirtschafts- und Sozialstatistiker, Soziologen, Politologen und Historiker, diskutierten darüber, wie gesellschaftliche Regelungen heute in Deutschland das soziale und ökonomische Leben beeinflussen und wie man diesen Einfluss in einer regelmäßigen Berichterstattung berücksichtigen kann. Dabei legten die Beteiligten einen weiten Institutionenbegriff zugrunde, der nicht nur staatliche Instanzen, sondern u.a. auch Märkte oder handlungsleitende Normen wie das Hauptverdienermodell in der Familie umfasst; denn auch solche Institutionen wirken sich erheblich auf das wirtschaftliche und soziale Handeln der Menschen aus.

Ein zentrales Ergebnis: Es ist für die Berichterstattung nicht möglich, die Wirkung einer Neuregelung der institutionellen Ordnung eindeutig zu identifizieren. Vielmehr muss von einem Spannungsverhältnis ausgegangen werden: auf der einen Seite die Bedingungen und häufig widersprüchlichen Signale, die von Institutionen gesetzt werden, auf der anderen Seite das reale Handeln der Subjekte. Der wissenschaftliche Koordinator des Forschungsverbundes, Dr. Peter Bartelheimer (SOFI Göttingen), deutete in einem Schlusswort zwei Wege an, wie das Thema der Regulierung für die wissenschaftliche Arbeit und für die Politik nutzbar gemacht werden kann: Einerseits hat der Verbund unerwartete Befunde erarbeitet, etwa zur Beharrungskraft des Ein- und Eineinhalb-Verdiener-Modells in der Familie - hier kann man prüfen, welche gesellschaftlichen Regelungen in welcher Form darauf Einfluss haben. Andererseits kann man untersuchen, welche Daten notwendig sind, um bei aktuellen Regulierungsvorhaben (etwa Elterngeld oder Rente mit 67) politische Alternativen gegeneinander abzuwägen.

Der Forschungsverbund geht davon aus, dass sich seit den 70er Jahren die Gewichte zwischen den regulierenden Institutionen, zum Beispiel zwischen Markt und Staat, erheblich verschoben haben. Oft wirken sie in entgegengesetzte Richtungen, ihr Zusammenwirken ist gestört. Dass es kein einheitliches Leitbild mehr gibt, zeigt sich etwa in widersprüchlichen Signalen, die die Institutionen aussenden: Frühverrentungsregelungen, "Rente mit 67" und die Einstellungspraxis der Unternehmen kommen sich gegenseitig in die Quere, oder Gleichstellungspolitik und Hauptverdienermodell wirken gegeneinander. Die Sozioökonomische Berichterstattung kann dazu beitragen, die "Passung" zwischen den Daten darüber, wie Individuen und Haushalte wirklich leben und arbeiten, und dem politischen Diskurs über die Gestaltung gesellschaftlicher Regulierung zu verbessern.

An dem Werkstattgespräch beteiligten sich Vertreter führender statistischer Institutionen, etwa des Statistischen Bundesamtes, des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) und des Forschungsdatenzentrums der deutschen Rentenversicherer, ebenso wie zahlreiche Vertreter weiterer Forschungsinstitute und Universitäten. Unter den Referenten waren verschiedene Disziplinen der Wirtschafts-, Sozial- und Geisteswissenschaften repräsentiert: Organisations-, Mitbestimmungs- und Genderforschung, Wissenschaftler, die Arbeitsmarkt-, Familien-, Sozial-, Einkommens- und Bildungspolitik untersuchen. Auch die historische Perspektive (Geschichte der Arbeitsverwaltung in Deutschland) und die internationale Dimension (Vergleich unterschiedlicher Regulierungsmodelle) wurden behandelt.

Das Werkstattgespräch ist Teil der Arbeiten an einem Zweiten Bericht zur sozioökonomischen Entwicklung Deutschlands, der für das Jahr 2008 vorgesehen ist. Der Forschungsverbund Sozioökonomische Berichterstattung wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Programms "Bessere Daten für eine bessere Politik" gefördert. Er besteht aus dem Soziologischen Forschungsinstitut (SOFI Göttingen), das auch die Koordination des Vorhabens innehat, dem Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF München), dem Internationalen Institut für Empirische Sozialökonomie (INIFES Stadtbergen) und dem Thünen-Institut (Bollewick). Ein umfangreicher Erster Bericht ist im Jahre 2005 in Buchform beim VS Verlag für Sozialwissenschaften erschienen.

Für Rückfragen steht Frank Seiß (ISF München), Pressesprecher des Verbundes, jederzeit zur Verfügung. Kontaktdaten: Tel. 089/272921-78, frank.seiss@isf-muenchen.de
Weitere Informationen: http://www.soeb.de Webpräsenz des Projekts (im Enststehen) http://www.bmbf.de/de/4700.php Projektbeschreibung des Ministeriums http://www.isf-muenchen.de/pdf/soebdeWerkstattgespraeche.pdf http://idw-online.de/pages/de/news148871 Pressemitteilung zum ersten Gespräch http://www.sofi-goettingen.de/frames/projekte/pliste1.htm http://www.isf-muenchen.de/projekte.htm http://www.inifes.de/projekte.htm http://www.thuenen-institut.de

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