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Zwischen Verkrustung und Reform

06.07.2006 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Tagung "Orte der Gelahrtheit" am 7./8. Juli an der Friedrich-Schiller-Universität Jena Jena (06.07.06) Die Kritik ist harsch: Das Festhalten an antiquierten Wissensbeständen blockiert das Denken bei Professoren und Studenten. Empirie und Experiment sind nicht gefragt. Die Universität ist eine bloße Versorgungsanstalt, in der die Lehrstühle vom Vater auf den Sohn vererbt werden - ohne Rücksicht auf akademische Qualitäten. Ein angestaubtes organisatorisches Korsett verhindert Reformmaßnahmen. Nicht zu vergessen der Einfluss der Kirchen. Die deutschen Universitäten stecken ganz offensichtlich in einer Krise - so die traditionelle Meinung der Forschung über die Hohen Schulen des 17. und 18. Jahrhunderts.

"Doch seit einiger Zeit wandelt sich dieses primär aus der Ideengeschichte abgeleitete Bild", sagt Daniela Siebe von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. "Denn die Forschung wendet sich inzwischen verstärkt den Personen, Strukturen und dem Umfeld der Universitäten zu", erläutert die Mitarbeiterin der Nachwuchsgruppe "Universitätsgeschichte". Diese Aspekte stehen daher auch im Mittelpunkt der Tagung "Orte der Gelahrtheit: Vom ,Funktionieren' deutscher Universitäten im 17. und 18. Jahrhundert", zu der die Nachwuchsgruppe am 7. und 8. Juli einlädt.

Annähernd 40 Experten aus ganz Deutschland, darunter mit Matthias Asche und Anton Schindling zwei der exponiertesten deutschen Vertreter auf diesem Gebiet, werden dazu in Jena erwartet. Während sich die Forschung früher immer wieder auf das, "was gedacht worden ist", gestürzt habe, seien "die Umstände, unter denen Universität stattfand" offenbar weniger attraktiv gewesen, macht die Jenaer Wissenschaftlerin deutlich. Dieses Thema werde erst seit einigen Jahren für die Wissenschaft entdeckt.

Das sei ein überaus spannendes Kapitel, das es noch zu erforschen gelte. Zwar hätten die Universitäten und mit ihnen ihre Professoren und Studenten - ausgenommen die Neugründungen in Halle und Göttingen - zwischen Dreißigjährigem Krieg und Rezeption der Aufklärung ihr früheres Ansehen und die Rolle der geistigen Avantgarde verloren. "Bei aller angebrachter Kritik wurde jedoch übersehen, dass die Universitäten trotz ihrer Defizite funktionierten und ihrer wesentlichen Aufgabe nachkamen, nämlich diejenigen Funktionsträger auszubilden, die die Territorialstaaten und die Kirche damals dringend brauchten."

Eben diesem Spannungsfeld ist die Jenaer Tagung gewidmet. Die zwölf geplanten Vorträge setzen sich mit den Studenten und den Professoren als den beiden prägenden Personengruppen auseinander. Sie beschäftigen sich unter anderem mit dem Besucherprofil der Jenaer Hochschule im 16. und 17. Jahrhundert, untersuchen die Geselligkeit im akademischen Milieu Leipzigs und spüren den Berufungen in Jena zwischen 1650 und 1700 nach. Ein dritter Schwerpunkt untersucht Organisation und Reformansätze in frühneuzeitlichen Universitäten, etwa die Zusammenhänge zwischen Universitäten und Landesherrschaft sowie die Universitätsreform in Jena um 1700. Eine Podiumsdiskussion und ein öffentlicher Abendvortrag ergänzen das umfangreiche Programm.

Die Nachwuchsgruppe "Universitätsgeschichte" arbeitet seit Januar 2005 an der Friedrich-Schiller-Universität. Das Projekt wird für zwei Jahre vom Land Thüringen gefördert. Derartige Nachwuchsgruppen gibt es nach Worten von Daniela Siebe inzwischen an verschiedenen deutschen Hochschulen. Die zur Universitätsgeschichte jedoch sei einmalig und leiste einen wichtigen Beitrag in Vorbereitung des 450. Jubiläums der Jenaer Universität im Jahr 2008.


Kontakt:
Daniela Siebe
Nachwuchsgruppe "Universitätsgeschichte" der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Fürstengraben 1, 07743 Jena
Telefon: 03641 / 944485
E-Mail: daniela.siebe@uni-jena.de

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