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IAMO FORUM 2006

10.07.2006 - (idw) Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa

Vom 29. Juni bis 01. Juli 2006 fand das diesjährige IAMO Forum "Landwirtschaft im Spannungsfeld von Märkten, Institutionen und Politik - Herausforderungen und Strategien" am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO) in Halle (Saale) statt. 150 Wissenschaftler sowie Vertreter aus Wirtschaft und Politik aus über 25 Ländern diskutieren über Optionen und Strategien für Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft. Am ersten Konferenztag präsentierten Wissenschaftler, vornehmlich aus den Ländern Mittel- und Osteuropas, in 40 wissenschaftlichen Beiträgen ihre Forschungsergebnisse. Wichtigste Themen waren mögliche Wege zu einer effizienten und erfolgreichen Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie, zum Aufbau wettbewerbsfähiger Organisations-, Kooperations- und Vertragsstrukturen sowie Wechselwirkungen von Politik und dem Sektor der Agrar- und Ernährungsindustrie. Die Beiträge sind im Internet verfügbar unter www.iamo.de. In seiner Begrüßung zum IAMO Forum 2006 wies Prof. Dr. Alfons Balmann, Geschäftsführender Direktor des IAMO darauf hin, dass sich der Agrarsektor momentan in einer neuen Dimension der Industrialisierung befindet. Die landwirtschaftliche Erzeugung wird nicht zuletzt durch Bemühungen um die Qualitätssicherung zunehmend in die Wertschöpfungsketten integriert. Weitere Herausforderungen für den Agrarsektor sind die Partizipation an neuen Märkten, wie z.B. nachwachsender Rohstoffe und der Nachfrageboom in Ost- und Südostasien sowie an neuen Technologien. Zugleich wird der Agrarsektor neben einem sich abzeichnenden drastischen Subventionsabbau im nächsten Jahrzehnt ebenfalls mit einer schnell wachsenden Produktion nicht nur in Südamerika, sondern auch in Ost- und Südostasien konfrontiert.
Am zweiten Tag standen die zukünftigen Perspektiven und Rahmenbedingungen einerseits und neue Ideen und Tendenzen des Agrar- und Ernährungssektors andererseits im Vordergrund der Tagung. Dr. Ulrich Neubauer vom BMELV wies angesichts des sich abzeichnenden Subventionsabbaues und der internationalen Entwicklungen auf den Märkten auf mehrere Herausforderungen für die Beteiligten hin. Voraussetzung für eine wettbewerbsfähige Erzeugung sei eine bessere Abstimmung innerhalb der Wertschöpfungskette, wobei der Grundsatz gilt, dass die Marktbeteiligten selbst ihre Zusammenarbeit und Strukturen organisieren. Als wesentliche Ziele der nationalen Agrarpolitik nannte er Bürokratieabbau und Bürokratievermeidung sowie Verläss-lichkeit und Planungssicherheit für die Betriebe. Die rasante Entwicklung des landwirtschaftlichen Sektors in China und Auswirkungen auf die Weltmärkte und die europäische Landwirtschaft wurden von Prof. Dr. Scott Rozelle, University of California, Davis (USA) eindruckvoll geschildert. Trotz eines deutlichen Rückgangs des Anteils in der landwirtschaftlichen Beschäftigung, besonders der jungen Generation, (in der Alterskohorte der 16 bis 20 Jährigen lag der Anteil der außerlandwirtschaftlich Beschäftigten im Jahr 1990 bei 23,7 % und im Jahr 2000 bei bereits 75,8 %) wurden im letzten Jahrzehnt im landwirtschaftlichen Sektor vor allem technologiebedingt enorme Produktionssteigerungen erzielt. So ist zukünftig mit einem verstärkten Export besonders arbeitsintensiver Produkte, wie Obst, Gemüse und Fleisch aus China zu rechnen, gleichzeitig sinkt der Importbedarf flächenintensiver Produkte wie Soja und Baumwolle. Der Transport und die Vermarktung der Produkte sind durch die Einbeziehung kleiner Zwischenhändler auf mehreren Stufen äußerst effizient organisiert. Probleme bestehen jedoch aktuell bei der Qualitätssicherung, da eine Rückverfolgbarkeit kaum möglich ist. Hier gibt es jedoch Ausnahme-bereiche, in denen bereits heute gezielt Qualitätsprodukte für ausländische Märkte (z.B. Japan, Südkorea) hergestellt werden. Über Probleme des Bodenmarktes in ausgewählten Ländern Mittel- und Osteuropas sprach Prof. Dr. Johan Swinnen von der Katholieke Universiteit Leuven (Belgien). Sowohl Unzulänglichkeiten auf den Kapitalmärkten dieser Länder als auch Unklarheiten der rechtlichen Rahmenbedingungen führen zu Problemen beim Handel mit Boden. Der erschwerte Zugang zu Kapital beeinflusst dabei sowohl den Kauf als auch die Pacht von landwirtschaftlichen Flächen. Die kleinststrukturierten Eigentumsverhältnisse bei Boden und die damit entstehenden hohen Transaktionskosten bei Bodenhandel führen zu Faktorimmobilität und somit zur Unterlassung notwendiger Transaktionen.
In der sich anschließenden Podiumsdiskussion kamen Stakeholder des Agrarsektors zur zukünftigen Ausrichtung und der Setzung notwendiger Rahmenbedingen zu Wort. So muss laut Staatssekretär Dr. Hermann Onko Aeikens vom Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt (Sachsen-Anhalt) "die Wettbewerbsfähigkeit unserer Landwirtschaft oberste Priorität haben. Deshalb stimmen wir auch der jetzt verschiedentlich diskutierten Modulation um 20 Prozent nicht zu. Die Bauern brauchen Verlässlichkeit. Nur so kann sich Sachsen-Anhalt weiter als landwirtschaftliche Topregion entwickeln." Die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Landwirtschaft kann nach Ansicht Dr. Michael Grams von der Europäischen Union (DG Haushalt) nur bei konsequenter Aus-richtung der Unternehmen auf die Bedürfnisse des Marktes gesichert werden. Die Entlastung des EU Haushaltes spielt mit Blick auf die Gemeinsame EU-Agrarpolitik eine essentielle Rolle. Brendan Bayley von HM Treasury, dem britischen Finanzministerium, stellte die Frage, an wen sich die Direktzahlungen richten und welche Funktion sie eigentlich erfüllen. Eine Vermengung von agrarpolitischen und sozialpolitischen Zielen lehnte er konsequent ab und skizzierte die Vision einer wettbewerbs- und marktorientierten europäischen Landwirtschaft, die ohne Subventionen wettbewerbsfähig ist. Arne Tietjen von John Deere International rechnet mit einem Rückgang der klassischen Investitionsförderung und forderte einen Rückzug der Politik aus dem Sektor und begründete dies damit, dass die Agrarpolitik in jüngster Zeit verstärkt Politikunsicherheit generiere - vor allem auch in den neuen Mitglieds- und Beitrittsländern der EU. Er äußerte die Überzeugung, dass die Landmaschinenhersteller einen solchen Prozess nicht fürchten müssten, da zugleich eine Modernisierung eintreten würde. Hans-Joachim Preuß, Generalsekretär der Deutschen Welthungerhilfe, mahnte vor allem den Zielkonflikt der europäischen Agrarpolitik und der deutschen Entwicklungspolitik an. Durch die Gemeinsame EU-Agrarpolitik und der damit einhergehenden Verzerrung der Weltmarktpreise für Nahrungsmittel käme es zu empfindlichen Störungen bis hin zum Zusammenbruch der Binnenmärkte in Entwicklungsländern. Diese Probleme gelte es abzubauen.
Am Nachmittag stellten fünf Landwirte aus Deutschland, Österreich, Polen und Ungarn ihre unterschiedlichen Unternehmenskonzepte vor. So unterschiedlich wie die landwirtschaftlichen Un-ternehmen, sie reichten vom 6000 ha Betrieb in Ungarn bis zum Bergbauern in Österreich, so unterschiedlich waren die dahinter stehenden Unternehmensphilosophien. Für Carl-Albrecht Bartmer, Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) heißt wettbewerbsfähig werden und bleiben, in Europa derzeit in erster Linie Kosten zu senken, aber auch biologische Leistungen sowie die Qualität der Produkte aus Sicht unserer Kunden zu steigern. Jede Maßnahme und unternehmerische Entscheidung muss daher auch den strengen Maßstäben ökonomischer Effizienz genügen. Einen Wettbewerbsvorteil gegenüber global gehandelten bulk-commodities können Produkte mit definierter Herkunft und Qualität erzielen, die sich am Verbraucherinteresse orientieren und weltweiten Konsumtrends möglichst schon einen Schritt voraus sind. Arnold Czech (Polen) und Gyorgy Rasko (Ungarn) gingen noch einen Schritt weiter. Ihre Strategien bestünden darin, flexibel auf die Rahmenbedingungen zu reagieren und eine Rentabilität auch ohne Subventionszahlungen zu erzielen. Die jetzigen Direktzahlungen führten ihres Erachtens nur zu Pachtpreissteigerungen zugunsten der Bodeneigentümer. Im Gegensatz zur Strategie der Kostenführerschaft favorisiert der österreichische Landwirt Josef Brandstätter eine Nischenstrategie mit einer ebenfalls konsequenten Ausrichtung an den Bedürfnissen der Kunden.

Die Diskussionen beider Tage zeigte, dass vorhandene wettbewerbsfähige Strukturen in der Landwirtschaft neben einer konsequenten Ausrichtung am Markt, vor allem vorhersehbare und verlässliche politische Rahmenbedingungen benötigen und die Ausrichtung der EU-Agrarpolitik auf ihre originären Ziele hin notwendig erscheint.

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