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Boomendes Erfolgsmodell - aber: Bewohner wie Pflegekräfte leiden am Heim

27.01.2003 - (idw) Universität Bielefeld

Aus der Forschergruppe "Menschen in Heimen" der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld ist eine Initiative zur Einrichtung einer Enquete-Kommission beim Deutschen Bundestag entstanden. Sie findet eine große Resonanz, wie auch die zweite, diesmal in Berlin veranstaltete Konferenz zeigte.

Der Bielefelder Gesundheitswissenschaftler Klaus Hurrelmann als Konferenzleiter machte zu Beginn der von Beate Röttger-Liepmann organisierten Tagung deutlich, dass das Forschungsprojekt "Menschen in Heimen" zwar bald ausläuft, nicht aber die daraus hervorgegangene Initiative. Bei der wegen der Alterung der Bevölkerung in den kommenden 30 Jahren zu erwartenden Verdopplung der Hilfe-, Unterstützungs- und Pflegebedürftigen biete sich das Heim als jeweils naheliegende Lösung an: Es sei insofern ein Erfolgsmodell, als es boomt. Gleichzeitig sei aber das Leiden am Heim sowohl der Bewohner wie der Pflegefachkräfte unübersehbar. Neue Unterbringungsformen zu entwickeln, die den Betroffenen nicht zum "Heiminsassen" machen, sondern eine menschenwürdige Begleitung ermöglichen, ist nach Ansicht der Forschergruppe dringend notwendig.

Unabhängig vom tatsächlichen Zustandekommen einer Bundestags-Enquete der Heime sei durch die Initiative eine "Aufbruchstimmung" entstanden, sagte der Initiator, Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner. Viele Anfragen nach Beratung und Begleitung würden an die Bielefelder Initiative gerichtet. Die Zukunft liege klar in der schrittweisen Verstärkung von Alternativen zur "stationären" Unterbringung, der Ambulantisierung, berge allerdings die Gefahr, dass ein "Rest" von Menschen in der Heimunterbringung zurückbleibe, was zu einer "Konzentration der Unerträglichkeit" sowohl für die Betroffenen als auch für die Mitarbeiter führen könne. "Das muss um jeden Preis dadurch vermieden werden, dass man das Lebensrecht in der Gemeinde vom Schwächsten her denken muss", sagte Dörner. "Nur wenn man für den Letzten am meisten Geld ausgibt, kann man bei den weniger Betroffenen sparen. Diese Perspektive müssen wir lernen. Wir haben aber nicht mehr viel Zeit dafür, weil sonst der sparen müssende Geldgeber in alte Formen zurückfällt."

Wie es Andere in Europa machen, darüber berichtete Professor Karl Grunewald, "Vater des Normalisierungskonzepts". Als junger Kinderpsychiater habe er seinerzeit im Schwedischen Zentralamt für Gesundheits- und Sozialfragen die Verantwortung für alle Menschen mit geistiger Behinderung in Schweden (160 Anstalten) übernommen. Zehn Jahre lang sei versucht worden, durch Umbaumaßnahmen und andere Initiativen die Lebenssituation zu verbessern. Dann sei ein neues Behindertengesetz verabschiedet worden, das den Betroffenen ein absolutes Recht auf ambulante Unterstützung - unabhängig von Kosten - gewährte. Heute würden in Schweden 94 Prozent der betroffenen Kinder bei ihren Eltern leben, ein Prozent bei Pflegefamilien und fünf Prozent im Heim. Die stationären Einrichtungen für Erwachsene seien weitgehend abgeschafft worden. 20 Prozent leben bei ihren Eltern, 20 Prozent selbständig und 60 Prozent in so genannten Gruppenwohnungen. Hier leben maximal fünf Menschen in einer Wohnanlage mit einer 40 Quadratmeter großen Wohnung pro Person und Gemeinschaftsräumlichkeiten. Als 1985 das Gesetz zur Auflösung der Heime verabschiedet wurde, seien 50 bis 80 Prozent der Eltern und 80 Prozent der Mitarbeiter dagegen gewesen, heute sei es genau umgekehrt. Dafür wende Schweden aber im Schnitt 6500 Euro pro Person und Monat auf, was gut dem Doppelten von Deutschland entspricht.

Einen innovativen Ansatz in Deutschland stellte Thomas Möller von der Baugenossenschaft Freie Scholle in Bielefeld vor. Die Genossenschaft habe seit 1988 die aufsuchende Altenberatung und -betreuung entwickelt. Durch altersgerecht umgebaute Wohnungen, Gruppenwohnungen, Kurzzeitpflegewohnung, Pflegehilfsmitteldepot, Einkaufszentrum mit Cafeteria und Aktivitätenzentrum, das Schaffen zweier Stellen für Sozialarbeiter und die Organisation nachbarschaftlicher Hilfestrukturen sei es möglich geworden, dass die meisten alten Bewohner der Freien Scholle bis zum Tod bleiben können.

Auf die Notwendigkeit einschneidender Reformen wiesen die Redner aus Wissenschaft und Politik hin. Prof. Dr. Elisabeth Wacker von der Fakultät für Rehabilitationswissenschaften der Universität Dortmund betonte, es gehe in der Betreuung heute um den Schritt von der Fürsorge zur selbstbestimmten Lebensführung, von der Integration zur Inklusion, einem Teilhaftigwerden an allen Rechten und Pflichten des Bürgers. Jürgen Brüggemann, Medizinischer Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen, und Dr. Fritz Baur, Leiter der Abteilung Soziales, Pflege und Rehabilitation des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, wiesen auf die Probleme hin, die in Deutschland dadurch entstehen, dass der Leistungsempfänger es mit verschiedenen Kostenträgern zu tun hat. Dr. Dieter Ahrens von der Universität Bielefeld beklagte, dass sich heute die meisten Berechnungen am Bruttoinlandsprodukt orientieren, wobei es wenige und wenig verlässliche prognostische Berechnungen des Bruttoinlandsproduktes selbst gibt. Auch werde deutlich, dass höhere Ausgaben im Gesundheitswesen einerseits negativ bewertet werden, andererseits zu Arbeitsplätzen führen. Je nach angewandten Kriterien seien im deutschen Gesundheitswesen 3,4 bis 4,6 Millionen Beschäftigte tätig. Ein Kostenvergleich zeige, dass sich für leichte Pflege ambulant, für schwere Pflege dagegen stationär als finanziell günstiger erweise.

Zum Ruf nach mehr Geld wies die Bundestagsabgeordnete Petra Selg (Grüne) darauf hin, dass Deutschland mit Gesundheitsausgaben von 140 Milliarden Euro jährlich absolut Spitze, in der Qualität der Pflege aber eher Mittelmaß sei. Daraus könne man schließen, dass für Qualität Geld zwar notwendig ist, aber diese nicht automatisch garantiert. MdB Dr. Wolfgang Wodarg (SPD) hat einen Antrag an die SPD-Fraktion gestellt, sich für die Einsetzung einer Enquete der Heime stark zu machen.

Die Bielefelder Initiatoren der Veranstaltung sagten zu, sich mit oder ohne eine Bundestags-Enquete dieser dringenden Thematik des deutschen Gesundheits- und Versorgungswesens auch weiterhin engagiert zuzuwenden und Lösungsvorschläge zu unterbreiten.

Kontakt: Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld, Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Telefon 0521/106 3834.


Pressemitteilung Nr. 17/2003
Universität Bielefeld
Informations- und Pressestelle
Leiter: Dr. Gerhard Trott
Telefon: 0521/106-4145/4146
Fax: 0521/106-2964
E-Mail: gerhard.trott@uni-bielefeld.de
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