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Sendung "Kuck mal, wer da kuckt...! Videoüberwachung" am 29.10.06 auf rbb Inforadio

26.10.2006 - (idw) TSB Technologiestiftung Innovationszentrum Berlin

"Achtung! Dieser Bereich ist videoüberwacht" - dieses Schild kann man mittlerweile auf vielen öffentlichen Plätzen, in Bahnhöfen, Banken oder U-Bahnen lesen. Wir werden beobachtet. Zu unserem eigenen Schutz, heißt es. Viele haben die Videoüberwachung akzeptiert. Nicht zuletzt auch nach den Fahndungserfolgen im Fall der Kofferbomber von Dortmund und Koblenz. Aber was ist heute überhaupt technisch machbar? Was in Zukunft? Darüber diskutierten Wissenschaftler und Experten auf dem "Treffpunkt WissensWerte" im Ernst Reuter Haus in Berlin. Die Aufzeichnung der Veranstaltung wird am 29.10.2006, um 9.25 Uhr auf rbb Inforadio 93,1 gesendet. Die Kamera im Supermarkt ist vielleicht die simpelste und älteste Art der Videoüberwachung. Früher wertete dort ein Detektiv die Bilder aus. Er saß im Hinterzimmer und hatte alle Kameras via Bildschirm im Blick. "Das war nicht wirklich effektiv", sagt Dr. Michael Weber. Er ist Geschäftsführer der DResearch GmbH, einem Berliner Technikunternehmen, das Videoüberwachungssysteme anbietet. "Auf einer Monitorwand mussten die Sicherheitsleute mehrere Kamerabilder gleichzeitig beobachten. Oder sie hatten nur einen Bildschirm zur Verfügung und mussten ständig zwischen den Kameras hin- und herschalten. Nur mit viel Glück haben sie dabei einen Dieb auf frischer Tat ertappt. Und: Heute weiß man, dass nach etwa 20 Minuten ständiger Beobachtung die Aufmerksamkeit so sehr abnimmt, dass man gar nichts mehr wahrnimmt."

Computer analysieren Bilder

Mittlerweile wird kaum noch auf diese Weise gearbeitet, sagt Weber, denn die Methode ist zu aufwendig und zu teuer. Heute übernehmen Computer zum Großteil die Videoüberwachung. Aber das Ziel ist das gleiche: Videoüberwachungssysteme sollen helfen, Straftaten aufzuklären oder präventiv wirken. Denn wer weiß, dass er ständig beobachtet wird, verhält sich anders als jemand, der sich unbeobachtet fühlt.

Computer überwachen aber nicht nur, sie zeichnen auch automatisch auf und analysieren die Bilder. "Sie funktionieren wie intelligente Bilderkennungsprogramme", erklärt Prof. Ingo Sikora. Sikora leitet am Institut für Telekommunikationssysteme der Technischen Universität Berlin das Fachgebiet Nachrichtenübertragung. "Computerprogramme filtern die Bilder vor", sagt Sikora. "So können beispielsweise nur die Aufnahmen mit Menschen im Bild herausgefiltert werden. Eine weitere Filtermöglichkeit können bestimmte Bewegungsmuster sein, die vorher definiert wurden."

Ohne Menschen nutzt die cleverste Technik nichts

Allwissend ist aber auch die beste Software nicht. Die Computerprogramme analysieren die Daten vielleicht schneller, aber sie haben ihre Grenzen. "Verschiedene Bewegungen zu unterscheiden, ist zum Beispiel extrem schwierig" sagt Dr. Ivo Keller. Der Elektrotechnikingenieur leitet in Potsdam die vis-à-pix GmbH, ein Unternehmen, das sich auf Videoanalyse und -archivierung spezialisiert hat. "Für den Computer ist ein Bild erst einmal eine Pixelflut. Er muss erkennen, wo eine Bewegung ist, sie analysieren und entscheiden, ob ein Mensch oder vielleicht ein Hund vorbeiläuft."

Kellers Software wird in Museen, Parkhäusern, aber auch im Kampf gegen Graffiti-Sprayer eingesetzt. "Erkennt der Computer bei der Überwachung eines Objektes bestimmte verdächtige Bewegungen, schaut er genauer hin;,wenn jemand zum Beispiel an einer Unterführung vor einer Wand stehen bleibt. Hebt und senkt dieser Mensch immer wieder seinen Arm, benachrichtigt die Software automatisch die Sicherheitszentrale", erklärt Keller. Der Computer kann die Bilder nämlich nur bis zu einem gewissen Grad vorauswerten. Ob das ständige Armheben und -senken vielleicht ein Winken ist oder ob tatsächlich jemand eine Wand besprüht, kann nur ein Mensch sehen. Ist tatsächlich ein Sprayer am Werk, kann die Sicherheitszentrale dann die Polizei benachrichtigen.

"Briten sind wahre Meister"

In Sachen Videoüberwachung ist Großbritannien Deutschland weit voraus. "Die Briten sind wahre Meister. Dort werden Verdächtige sogar mit Lautsprecherdurchsagen vom Tatort vertrieben", sagt Dr. Leon Hempel. Der Wissenschaftler arbeitet am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin und beschäftigt sich mit "Urban Eye", einem EU-Forschungsprojekt, das Videoüberwachung im öffentlichen Raum untersucht. "In Großbritannien hatte man gedacht, dass durch die Videoüberwachung die Kriminalität um bis zu 80 Prozent zurückgeht. Tatsächlich liegt die Quote aber nur bei vier Prozent", sagt Hempel.

Der Erfolg der Videoüberwachung hängt von der Art der Tat ab, aber auch, wo die Kameras eingesetzt werden. "Auf öffentlichen Plätzen ist die Fluktuation einfach zu groß", sagt Hempel. Anders sei es in geschlossenen Räumen, sagt Weber. In Rostock hat Webers Unternehmen Straßenbahnen mit Überwachungstechnik ausgerüstet. "Dort ist der Vandalismus um 90 Prozent zurückgegangen. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass die Videoüberwachung dort in ein Gesamtkonzept integriert war. Polizei und Staatsanwälte sind zum Beispiel in Schulen gegangen, haben mit Schülern geredet und vor den Folgen von Vandalismus gewarnt."

Videodaten werden aufgezeichnet und archiviert

Meist werden die Daten aus der Videoüberwachung heute aufgezeichnet und archiviert. Ausnahme: bewegliche Objekte wie zum Beispiel U-Bahnen. "Aufgrund von Schienenstößen, Temperaturschwankungen und Beschleunigung braucht man eine sehr robuste Technik, um die Daten aufzuzeichnen. Eine Speicherung auf Festplatte ist daher ungeeignet. In der U-Bahn werden die Daten deshalb zuerst übertragen, dann aufgezeichnet und archiviert", sagt Weber. Falls sich im Nachhinein ein Tatverdacht ergibt, schaut man sich das Material einfach an.

Viele haben mittlerweile akzeptiert, dass sie zu ihrer eigenen Sicherheit aufgenommen werden. Andere haben ein generelles Problem mit der Videoüberwachung. "Wenn irgendwelche Touristen mit ihrer Videokamera filmen, ist das okay. Da macht sich keiner Gedanken, ob man im Bild ist. Aber wenn der Staat oder öffentliche Einrichtungen das tun, haben viele Leute plötzlich ein Problem damit", sagt Weber. Vor allem die Speicherung der Daten ist umstritten. Denn was, wo und wie lange gespeichert wird, ist oft nicht eindeutig festgelegt. Gerade hier bräuchte man klarere Gesetze und Regelungen, die den Einsatz von Sensoren und Kameras regulieren, aber auch den sensiblen Umgang mit den gesammelten Daten, fordert Sikora.

Zukunft der Videoüberwachung

Ob Mensch oder Hund auf einem Bild vorbeiläuft, ist heute eindeutig zu erkennen. In Zukunft werden Wissenschaftler die Technik so weiter entwickeln, diese Menschen auch zu erkennen. "Ein solches Gesichtserkennungsprogramm funktioniert bereits bei 200 Testpersonen. Aber bei mehren hundert oder Millionen von Menschen? Soweit ist die Technik noch nicht", sagt Sikora. "In zehn Jahren werden wir schnellere Computer, bessere Software und Videos mit einer weitaus höheren Bildqualität haben. Dann werden sich auch Gesichter besser erkennen lassen. Dann werden wir aber auch vor ganz anderen Problemen stehen."

Kristin Krüger

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Podium
· Dr. Leon Hempel, Wissenschaftler am Zentrum für Technik und Gesellschaft, Technische Universität Berlin
· Dr. Ivo Keller, Geschäftsführer vis-à-pix, Potsdam
· Dr. Michael Weber, Geschäftsführer DResearch Digital Media Systems GmbH Berlin
· Prof. Dr.-Ing. Thomas Sikora, Leiter Fachgebiet Nachrichtenübertragung, Technische Universität Berlin, Fakultät IV Elektrotechnik und Informatik


Moderation
Thomas Prinzler, Wissenschaftsredaktion rbb Inforadio

Der Treffpunkt WissensWerte ist eine Veranstaltung der TSB Technologiestiftung Berlin, rbb Inforadio und der Technologie Stiftung Brandenburg in Kooperation mit der TimeKontor AG.
Weitere Informationen: http://www.technologiestiftung-berlin.de http://www.inforadio.de http://www.ts-bb.de
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