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Expertenaustausch an der Europa Fachhochschule Fresenius: Gesundheit nicht nur unter dem Aspekt der Beitragssenkung disk

20.11.2006 - (idw) Europa Fachhochschule Fresenius

Das deutsche Gesundheitswesen ist nicht nur Reformprojekt, sondern auch ein wichtiger Arbeitsmarkt: Rund 4,2 Millionen Menschen arbeiten im Gesundheitswesen. Das sind elf Prozent aller Erwerbstätigen. Auf dem Zweiten Idsteiner Gesundheitspresse-Treff am 15. November 2006 diskutierten auf Einladung der Europa Fachhochschule Fresenius (EFF) sechs Expertinnen und Experten des Gesundheitswesens gemeinsam mit der hessischen Sozialministerin Silke Lautenschläger die Zukunft des "Jobmotors Gesundheit" unter der Fragestellung "Gesunde Jobs im kranken Markt?" Die hessische Sozialministerin Silke Lautenschläger (CDU) sieht im deutschen Gesundheitswesen durchaus einen Wachstumsmarkt mit guten Jobperspektiven. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass bei der öffentlichen Diskussion nicht nur die Senkung der Beitragssätze im Fokus stehe. Umso wichtiger sei die Transparenz der Kosten und Leistungen. "Wir leisten uns in Deutschland ein viel zu undurchsichtiges System!" Außerdem plädierte sie dafür, traditionelle Aufgabengebiete und Berufsprofile genau zu betrachten. "Wir sollten genau hinsehen und unterscheiden: Was macht ein Arzt? Was eine Krankenschwester?"
Gemeinsam leisten Arzt und Krankenschwester die Arbeit am Patienten. Diese Leistungen werden in alternden Gesellschaften immer mehr gefragt sein.
Laut Berechnungen des Statistischen Bundesamtes, die Karl Müller, Abteilungsleiter im Statistischen Bundesamt, vorstellte, sind die Beschäftigtenzahlen im Gesundheitswesen im Zeitraum zwischen 2000 und 2004 um 3,6 Prozent gestiegen.

Gesundheitswirtschaft wächst im Rhein-Main-Gebiet besonders stark

Nach einer Studie der TU Darmstadt, die Harald Schmidt von PricewaterhouseCoopers (Frankfurt) auf dem Idsteiner Pressetag zitierte, kann vor allem das Rhein-Main-Gebiet mit großem Branchenwachstum rechnen. Der Studie zufolge wird in diesem Gebiet die Gesundheitswirtschaft bis zum Jahr 2020 mit einem Wachstum der Bruttowertschöpfung von 30 Prozent auf rund 17 Milliarden Euro stärker wachsen als im Bundesdurchschnitt, wo 25 Prozent Wachstum vorausgesagt werden. Die Beschäftigtenzahl werde demnach um rund 10 Prozent auf 323.000 Erwerbstätige steigen.

"Das Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung, der Trend zur eigenen Vorsorge und die Bereitschaft zur privaten Übernahme von Gesundheitskosten werden dazu führen, dass der Markt weiter wachsen wird", ist Karin Gräppi, Regionalgeschäftsführerin Süd der privaten Helios Kliniken überzeugt. Steigende Gesundheitsaufwendungen müssen aber nicht unbedingt ein Anwachsen der Beschäftigungszahlen im Gesundheitswesen bedeuten. "Ohne förderliche Rahmenbedingungen bleibt es auch im Gesundheitswesen dabei: Kein gesunder Markt, keine Jobs!". So fasst Professor Gudrun Neises, Dekanin des Fachbereich Wirtschaft & Medien an der EFF und Inhaberin der Stiftungsprofessur Gesundheitsmanagement, die Ergebnisse der Podiumsdiskussion zusammen. Diese Auffassung vertritt auch Dr. Barbara Voss, Leiterin der hessischen Landesvertretung der Techniker Krankenkasse: "Nur wenn es gelingt, verkrustete Strukturen aufzubrechen und den Gesundheitsbereich auf die Patientenbedürfnisse zuzuschneiden, werden qualitativ hochwertige Arbeitsplätze in neuen Bereichen entstehen."

Gefordert: "Weniger Ideologie - mehr wirtschaftliche Vernunft"

Scharf ins Gericht ging Gudrun Neises mit den Ergebnissen der Gesundheitsreform 2006. Nicht die Knappheit der Ressourcen bremse den Arbeitsmarkt im Gesundheitswesen, sondern strukturelle Barrieren: "Eine politisch opportune Gleichheitsideologie, die durch mehr Staatsmedizin den Patienten zunehmend Kundensouveränität und Eigenverantwortung nimmt, verschenkt ökonomische Wachstumspotenziale", so Neises. Die "Förderung der Eigenverantwortung und Patientensouveränität" müsse als ökonomische Chance begriffen werden. Möglicherweise sei es der einzige Ausweg, um dauerhaft die Rationierung lebensnotwendiger medizinischer Leistungen zu vermeiden und die Versorgung Schwerkranker zu gewährleisten. "Konsumentensouveränität und -partizipation sind weder ungerecht noch unsozial, sondern garantieren durch die Stärkung der Subsidiarität die Finanzierbarkeit unseres solidarischen Gesundheitssystems", so Neises weiter.

Ärzte wollen als Ärzte arbeiten - in Deutschland oder anderswo

Was nutzen die besten Jobchancen, wenn Deutschlands Ärzte das Land verlassen? Karin Gräppi von den Helios Kliniken wies in der Diskussion darauf hin, dass etwa ein Viertel der deutschen Medizinstudenten nach Abschluss ihres Studiums nicht in Deutschland, sondern im Ausland arbeiten. Dr. Ursula Stüwe, Präsidentin der Landesärztekammer Hessen, nimmt ebenfalls Abwanderungstendenzen wahr: Die Nachfrage der hessischen Ärzte zur Ausstellung eines "Certificates of Good Standing", das Ärzte für Bewerbungen im Ausland benötigen, sei seit 2000 etwa um das Zehnfache angestiegen. Für Stüwe sind die Abwanderungstendenzen vor allem auf Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen zurückzuführen: "Wir Ärzte wollen wieder als Ärzte arbeiten!" Der Aufwand für bürokratische Tätigkeiten nehme einen viel zu großen Teil der Arbeitszeit in Anspruch. Auch Gräppi wünscht sich, dass die Ärzte und das Pflegepersonal von Dokumentationspflichten entlastet werden.


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