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Galionsfigur und Triebfeder Goethe - zwischen Liebe und Hass

23.12.2006 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Neue Publikation des SFB 482 der Friedrich-Schiller-Universität spürt Verhältnis Goethes zur Universität Jena nach Jena (22.12.06) Als der junge Johann Wolfgang Goethe 1776 in den politischen Dienst des Herzoghauses Sachsen-Weimar-Eisenach trat, war einer der Magnete, die ihn in die Weimarer Provinz zog, die herzoglich-sächsische Gesamtuniversität Jena. Bis ins hohe Alter wirkte Goethe im Interesse der auch "Kleinod der Ernestiner" genannten Hochschule. Er gilt bis heute als der Universitäts-Minister, doch was er in diesem Amt tatsächlich geleistet hat, war bislang kaum bekannt. Diese Lücke schließt die aktuelle Edition "Vom Regieren zum Gestalten. Goethe und die Universität Jena".

Sie ist das Ergebnis sechsjähriger Forschungsarbeit von Dr. Gerhard Müller. Der an der Friedrich-Schiller-Universität Jena angesiedelte Sonderforschungsbereich (SFB) 482 "Ergebnis Weimar-Jena. Kultur um 1800" - und da speziell das Teilprojekt "Goethe als politischer Gestalter" - gab dem Germanisten und Historiker den notwendigen Freiraum. "Ohne diesen und die Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft bis hin zum Druckkostenzuschuss wäre ein solch umfangreiches Projekt über einen so langen Zeitraum nicht zu realisieren gewesen", weiß der Autor, der sich Goethe zuvor ausschließlich aus kulturwissenschaftlicher Sicht genähert hat. Entstanden ist ein 802 Seiten starker, mit zahlreichen Anmerkungen versehener Band, der - hat man sich erst einmal in ihn "verbissen" - ein völlig neues Bild speziell des Politikers Goethe offenbart. Gelungen ist das, weil Gerhard Müller über die offiziell einsehbaren Akten hinaus mit wissenschaftlicher Akribie und der Nase eines "Spürhundes" in unzähligen privaten Dokumenten recherchiert hat. "Während die Akten die reine Verwaltungstätigkeit widerspiegeln, dokumentieren private Briefe, Notizen, Berichte, was Goethe als Minister wirklich geleistet hat", beschreibt Dr. Müller seine Erkenntnisse.

In seinen Jahren als Geheimer Rat am Weimarer Hof habe der Staatsmann Goethe erkannt, "dass man über die bürokratische Schiene nur wenig erreicht". Das nicht zuletzt, weil an der Jenaer Universität vier Fürstentümer beteiligt waren, die einvernehmlich entscheiden mussten, entsprechend schwerfällig reagierten und schon gar nichts Neues wollten. Also habe Goethe vieles "inoffiziell und auf verschlungenen Wegen" über persönliche Beziehungen geregelt, etwa wenn es um die Berufung von Professoren ging. Selbst nach seiner Italienreise, als er von der regulären Geschäftstätigkeit des Geheimen Rates freigestellt war, blieb er die "Graue Eminenz", die Triebfeder, die der Jenaer Universität den Aufschwung brachte und ihr zu ihrem Ruhm verhalf. "Der systematischen Arbeit Goethes ist zu danken, dass Philosophen wie Fichte, Hegel und Schelling nach Jena kamen. Er hat dafür die Weichen gestellt", so Müller. Das stieß bei einer Reihe von Professoren auf wenig Gegenliebe. "Die Zeitzeugnisse belegen, dass sie ihm nach außen freundlich begegneten, ihn im Innern aber gehasst haben", berichtet der Wissenschaftler. "Goethe hat das personelle Profil der Jenaer Uni maßgeblich geprägt und dabei auch auf Honorarprofessoren - Extra Ordinarius - zurückgegriffen, die nur teilweise von den Höfen finanziert wurden."

Das Ausmaß der Jenaer als "extraordinäre Universität" und ihre daraus resultierende Bedeutung sei vor seinen Forschungen ebenso wenig bekannt gewesen, wie Goethes Rolle bei der Bewältigung der Universitätskrise 1803. Damals wanderten viele der Lehrkräfte an die entstehenden großen staatlichen Universitäten ab. Auch Jena blieb davon nicht verschont. Doch während andere kleine Hochschulen diesen wissenschaftlichen Aderlass nicht überstanden, ergriff Goethe ganz konsequente Maßnahmen und brachte die Alma Mater Jenensis "wieder auf Vordermann". Auch die Rolle, die der Geheime Rat nach dem Sieg der Napoleonischen Armee 1806 spielte, "war so nicht bekannt". Seine Zusammenarbeit mit den Franzosen habe nicht nur darauf gezielt, den "Feindstaat" Weimar in den Rheinbund zu integrieren und ihm so das Überleben zu sichern. Goethe habe sich auch dafür stark gemacht, dass die Universität Jena - im Gegensatz etwa zu der Hallenser - mit ausdrücklicher Genehmigung Napoleons wieder arbeiten durfte. Nicht zu vergessen, sein Ringen um die neuen Statuten der Hochschule von 1821, die darauf zielten, die Bildungseinrichtung unter staatliche Verwaltung zu stellen, aber die Eigenständigkeit von Lehre und Forschung zu erhalten, eine Teilung, die bis heute besteht.

"Goethe war nicht nur die viel zitierte Galionsfigur der Jenaer Universität, sondern tatsächlich ihr Gestalter und aufs Engste mit ihr verbunden. Sein Verdienst ist es zudem, dass sich Wissenschaft und Kultur jenseits der allgemeinen Staatspolitik als eigenständige Politikfelder herauskristallisiert haben", resümiert Dr. Müller.


Gerhard Müller: Vom Regieren zum Gestalten. Goethe und die Universität Jena, Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2006, 802 Seiten, ISBN 3-8253-1665-3, Preis: 66 Euro.

Kontakt:
Dr. Gerhard Müller
SFB 482 "Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800" der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Humboldtstraße 34, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 390111 oder 03643 / 545907
E-Mail: x7muge[at]gmx.de

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