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Luthers mystische Wurzeln

25.01.2007 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Prof. Dr. Volker Leppin, Kirchengeschichtler der Jenaer Universität, legt Luther-Biographie vor Jena (25.01.07) Noch eine Biographie Martin Luthers (1483-1546)? Fast ist man versucht zu fragen, ob es überhaupt noch etwas Neues an dem Reformator aus Wittenberg zu entdecken gibt. Schließlich wurde seit Jahrhunderten über kaum eine Gestalt des Mittelalters und der Renaissance so viel geschrieben wie über ihn. Das weiß keiner besser als Prof. Dr. Volker Leppin. Dennoch hat der Inhaber des Lehrstuhls für Kirchengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena ein neues Buch über den wohl bekanntesten deutschen Theologen vorgelegt. Und es erweist sich als eines, das sich dieser herausragenden Gestalt aus ungewöhnlicher Perspektive nähert.

Der Theologe Leppin stellt weniger den impulsiven Erneuerer Luther ins Zentrum seiner Biographie. Vielmehr bringt er dem Leser einen in der Tradition des späten Mittelalters verwurzelten Menschen nahe. Einen, "der mit seiner Herkunft nicht brechen will - und am Ende wohl auch nicht ganz mit dieser Herkunft bricht", beschreibt es der Autor, ein anerkannter Experte der spätmittelalterlichen Theologie.

Bestrebungen, Martin Luther und seine reformatorische Botschaft von der mittelalterlichen Mystik her zu verstehen, habe es früher schon gegeben. Davon habe man jedoch abgelassen, weil dieser Ansatz "stark von den Christen des Dritten Reiches vereinnahmt war", betont Volker Leppin. Nun sei es möglich gewesen, sich diesem Thema neu zu widmen. Rund neun Jahre Forschungsarbeit stecken in seiner Luther-Biographie, in die auch die Essenz aus vielen Gesprächen - unter anderem mit Jenaer Studenten in der Übung "Luther am Morgen" - einfloss. Ausgangspunkt jedoch war ein Text des Reformators selbst von 1518, ein Widmungsschreiben an seinen Beichtvater Johann von Staupitz, in dem er ausführlich zu seinen Ablassthesen Stellung nimmt. Anders als dem "Großen Selbstzeugnis" von 1545, "in dem sich Luthers Lebenserfahrungen widerspiegeln", war dort nach Leppins Worten nicht "Gerechtigkeit", sondern "Buße" das wichtigste Wort. Wobei Luther darunter nicht den Ablass als Freikauf von Sünden verstanden habe, sondern lebenslange Reue aus Liebe zu Gott.

Leppin präsentiert Luther weniger als den großen "Macher", als Gestalter seines Umfeldes. Er zeigt ihn als einen zerrissenen, getriebenen Menschen, der nur etwa zwischen 1520 und 1525 - der Zeit zwischen dem Prozess gegen ihn wegen Ketzerei in Rom und seiner Hochzeit mit Katharina von Bora - "richtig progressiv agierte", so der Kirchengeschichtler. In dieser Zeit habe Luther "alle paar Wochen eine neue, bis heute gültige Schrift" verfasst.

Wenngleich kein Biograph, kein Kirchenhistoriker das Wissen um die Verdienste des Reformators negieren könne, habe er sein Buch bewusst so angelegt, dass Luther "so lange wie irgend möglich" so gelesen werden könne als wüsste man nicht, "dass sich mit ihm ein Neuaufbruch in Kirche und Gesellschaft verbindet". Da verwundert es nicht, dass Volker Leppin den etwa 15 Jahren des jungen, sich entwickelnden Luther zwischen 1505 und 1520 ebenso viel Platz einräumt wie dem folgenden Vierteljahrhundert bis zu Luthers Tod. "Die eigentlich spannungsvollen und damit biographisch spannenden Jahre sind die frühen des Übergangs von der Herkunft zur eigenen Gestaltung", macht der Kirchengeschichtler von der Universität Jena deutlich. Er macht den Versuch, Luther "statt von seinen Folgen von seinen Wurzeln her zu verstehen". Eine moderne Sicht, die sicher zur Diskussion herausfordert, die aber keinesfalls die Verdienste Luthers um das Christentum schmälert.


Bibliographische Angaben:
Volker Leppin: "Martin Luther", Primus Verlag Darmstadt 2006, 432 Seiten, mit 20 s/w-Abbildungen, ISBN-13: 978-3-89678-576-3, ISBN-10: 3-89678-576-1, 39,90 Euro.

Kontakt:
Prof. Dr. Volker Leppin
Theologische Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Fürstengraben 6
07743 Jena
Tel.: 03641 / 941135
Fax: 03641 / 941137
E-Mail: Volker.Leppin[at]uni-jena.de

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