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Handschriften und alte Drucke ins Netz

25.01.2007 - (idw) Universität Erfurt

Umfangreiche Projekte der Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha für 2007 Seit Ende des Zweiten Weltkrieges bzw. seit der Wiedervereinigung konnten die großen deutschen Altbestandsbibliotheken ihre Sammlungen nahezu vollständig in (Online-) Katalogen erschließen. Vielerorts wird bereits über die umfangreiche Digitalisierung der erschlossenen Bestände oder eine vertiefte Erschließung nachgedacht. Die Forschungsbibliothek Gotha steht erst am Anfang dieses Weges, wurde sie doch, ungeachtet ihrer Bestandsgröße, aufgrund bzw. trotz ihrer desolaten Katalogsituation nicht im Anfang der 1990er Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft aufgelegten Programm zur Katalogkonversion berücksichtigt. "Den späten Start nutzt die Bibliothek nun, weiterentwickelte Standards in der Verbund-Erschließung zu praktizieren und den inhaltlichen Zugriff auf die Materialien zu verbessern", kündigt Direktorin Christiane Schmiedeknecht an. Der Trend sei eindeutig, "If it is not digital, it does not exist." Ziel und Aufgabe der Forschungsbibliothek Gotha sei die Bereitstellung des bislang weitgehend unbekannten Quellenmaterials für die Forschung durch qualitativ hochwertige und zügige (Erst-)Erfassung der Handschriften, Alten Drucke und Karten in Online-Datenbanken, die Einbringung der katalogisierten Werke als elektronische Kopien oder Editionen ins World Wide Web und ihre Vernetzung mit digitalen Datenbanken, Texten und anderen Objekten. Für diese Aufgabe, "die über Jahre eine zentrale Tagesaufgabe sein wird", seien Bibliothek und Universität auf Förderer angewiesen.

Die Forschungsbibliothek hat dazu einen "Maßnahmeplan 2006-2015 zur verstärkten Entwicklung des Bereichs Forschungsbibliothek an der Universität Erfurt" erarbeitet, der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft positiv aufgenommen wurde und nun umgesetzt wird. "Die ersten zwei Projekte, die mit fünf von der DFG finanzierten Diplombibliothekaren durchgeführt werden können, haben im Januar 2007 begonnen", teilte die stellvertretende Direktorin und Leiterin des Bereichs Gotha Dr. Kathrin Paasch mit. Im ersten Projekt wird in den nächsten 11 Monaten die Produktion von Karten, Monographien, Zeitschriften und Kupferplatten des Verlages Justus Perthes Gotha erschlossen. Im zweiten Projekt sollen in den nächsten fünf Jahren alle bislang überhaupt oder noch nicht online erfassten Drucke des 15., 16. und 17. Jahrhunderts der Forschungsbibliothek sowie der Sondersammlung der Universitätsbibliothek Erfurt katalogisiert werden. Im Projekt wird erstmalig ein zusammenhängender Bibliotheksbestand digitalisiert und online über die digitale Bibliothek ("Target") der Universität bereitgestellt.

Neben diesen Projekten laufen zur Zeit weitere fünf drittmittelgeförderte Großprojekte zu den Schwerpunktaufgaben der Forschungsbibliothek: die Erfassung der deutschsprachigen mittelalterlichen Handschriften, die Erschließung der so genannten Reformationshandschriften, die Katalogisierung der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts im Rahmen des nationalbibliographischen Unternehmens VD17, die Rekonstruktion und Erfassung der privaten Büchersammlungen des Gothaer Herzoglichen Hauses aus dem 18. Jahrhundert und die Entwicklung einer Maschine zur Reinigung der Kartensammlung Perthes. Für diese Projekte konnten im Zeitraum 1996 bis 2006 insgesamt 1.214.559,90 ¤ eingeworben werden. Hauptförderer sind die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Deutsche Bundesstiftung Umwelt und das Thüringer Kultusministerium.

Von den 560.000 Bänden sind bislang die ab 1850 erschienenen Werke nahezu vollständig im Online-Katalog der Universitäts- und Forschungsbibliothek nachgewiesen sowie ein Viertel des historischen Bestandes, der vor 1850 erschienen ist. Von etwa 82.500 Drucken des 17. und 18. Jahrhunderts sind die Titelblätter und ausgewählte Schlüsselseiten zusammen mit den Katalogisaten im Online-Katalog abgebildet. 2006 beginnt die Bibliothek, schrittweise die bereits vorhandenen etwa 20.000 Digitalisate vollständiger Werke ins Netz zu stellen. Die tägliche Erfassung bislang nicht online recherchierbarer Hand- und Druckschriften lässt deutlich die Schwerpunkte des bis 1850 universellen Buchbestandes erkennen: Die Forschungsbibliothek Gotha ist eine Bibliothek zur Kulturgeschichte des Protestantismus vor der Aufklärungsepoche, eine Bibliothek der Aufklärungsepoche selbst sowie der höfischen Kultur. Sie spielte eine zentrale Rolle für das Landesbewusstsein und die kulturelle Entwicklung Thüringens vom 17. bis 20. Jahrhundert, verwaltet mit der Sammlung Perthes Gotha einen exzeptionellen geographisch-kulturgeschichtlichen Bestand und wird durch die historischen Sammlungen um die Bibliotheca Amploniana in der Universitätsbibliothek Erfurt hervorragend ergänzt.
Die tägliche Erfassung zeigt auch, dass die Forschungsbibliothek neben den 10.000 unikalen mittelalterlichen, orientalischen und frühneuzeitlichen Handschriftenbänden einen einmaligen Druckschriftenbestand bewahrt. Besitzen die einzelnen Bände einen hohen intrinsischen Wert schon aufgrund ihrer Einbettung in einen nahezu vollständig und am historischen Ort überlieferten Sammlungszusammenhang aus Büchern, musealen und archivalischen Objekten auf Schloss Friedenstein sowie aufgrund ihrer handschriftlichen Einträge und individuellen Merkmalen der Ausstattung, so sind unter den bislang katalogisierten Texten des 17. Jahrhunderts immerhin etwa 20% und unter denen des 18. Jahrhunderts sogar 40% bislang nur in Gotha vorhanden. Die Universität Erfurt verfügt damit über einen herausragenden und singulären Buchbestand, der Teil der verteilten historischen deutschen Nationalbibliothek ist und dessen umfassende Wahrnehmung durch die Forschergemeinde - nicht zuletzt dank der Programme des Forschungszentrums Gotha für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien an der Universität - gerade erst begonnen hat.


Kontakt: Dr. Kathrin Paasch Tel.: 03621/3080-22
Weitere Informationen: http://www.bibliothek.uni-erfurt.de/
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