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Erstmals im Norden: Hirngefäß-Aussackung in Unterkühlung und bei Herz-Stillstand operiert

28.02.2007 - (idw) Universitätsmedizin Göttingen - Georg-August-Universität

In einer "Hochrisiko-Operation" bannt ein Experten-Team am Universitätsklinikum Göttingen die Gefahr von Hirnblutung und Schlaganfall bei einer Patientin mit "großem Aneurysma" (umg) Durch Abkühlung ihres Körpers auf 18 Grad Celsius (Hypothermie) und Unterbrechung des Herzschlags konnten Ärzte am Universitätsklinikum Göttingen eine große Aussackung an der Hauptschlagader des Gehirns bei einer 55-jährigen Patientin erfolgreich abklemmen. Der Patientin war in der Vergangenheit mehrmals schwarz vor Augen geworden, und ihr wurde häufiger schwindelig. Mit Hilfe einer Kernspintomographie (MRT) des Gehirns entdeckten die Ärzte eine Aussackung von mehr als zwei Zentimetern Größe an der rechten Hauptschlagader des Gehirns, ein so genanntes Aneurysma. Ein Aneurysma ist lebensbedrohlich. Platzt die Aussackung, kommt es zu einer oft tödlichen Hirnblutung. "Das Aneurysma war so groß, dass es jederzeit hätte platzen können. Und wäre es nicht geplatzt, hätte es zu Schlaganfällen führen können", erklärt Prof. Dr. Veit Rohde, Direktor der Abteilung Neurochirurgie in der Universitätsmedizin Göttingen.

Die Behandlung der Göttinger Patientin war besonders schwierig, weil die beiden Standard-Therapiemethoden für Aneurysmen nicht in Frage kamen. Platinspiralen, über einen Katheter in die Aussackung eingebracht, hätten sich nicht verankern lassen. Wegen der Größe hätte eine Titan-Klemme in einer Hirnoperation nicht über das Aneurysma vorgeschoben werden können. In einer aufwändigen Operation haben Ärzte im Universitätsklinikum Göttingen deshalb den Körper der Patientin zunächst auf 18 Grad Celsius abgekühlt. Durch die Unterkühlung blieben Herz und Blutkreislauf stehen und die voluminöse Gefäß-Aussackung erschlaffte. In diesem Zustand konnten die Neurochirurgen den Titanclip millimetergenau setzen und das Aneurysma vollständig ausschalten.

Eine derartige Hochrisiko-Operation erfordert das interdisziplinäre Zusammenwirken eines Teams von Experten. Dazu gehören Neuroradiologen, Herz-Thorax-Chirurgen, Anästhesisten und Neurochirurgen. "Lediglich in Regensburg werden solche Eingriffe in Deutschland bisher in erwähnenswerter Zahl durchgeführt. Die exzellente Kooperation mit den anderen Fachdisziplinen erlaubt es jetzt auch in Göttingen, eine derartige Operation erfolgreich durchzuführen. Damit haben wir in Norddeutschland eine Vorreiterrolle", sagt Prof. Dr. Veit Rohde.

Bei der Einschätzung des Risikos eines Aneurysmas verlassen sich die Neurochirurgen bisher auf Erfahrungswerte aus großen klinischen Studien. "Wir wissen, dass ein Aneurysma bereits ab einer Größe von sieben Millimetern deutlich leichter platzt", sagt Priv. Doz. Dr. Ralf Burger, Oberarzt in der Abteilung Neurochirurgie: "Lokale Faktoren, wie zum Beispiel die Intensität der Durchblutung der Gefäßaussackung oder die Gefäßwandbelastung, haben bislang keine Beachtung gefunden." Aus diesem Grund planen die Abteilungen Neurochirurgie und Neuroradiologie (Direktor: Prof. Dr. Michael Knauth) in der Universitätsmedizin Göttingen ein gemeinsames Forschungsprojekt mit dem Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. Kooperationspartner ist Prof. Dr. Eberhard Bodenschatz, Geschäftsführender Direktor des Instituts und Experte in "hydrodynamischer Turbulenz". Aufgabe der Kliniker ist es dabei, Kontrastmittel vor und während der Operation durch Aneurysmen fließen zu lassen und die "Auswaschung" der Kontrastflüssigkeit mit einer modernen Kamera festzuhalten. Physiker des Max-Planck-Institutes wollen anhand dieser Aufzeichnungen die Strömungsverhältnisse innerhalb der Gefäßaussackung berechnen. Daraus könnte sich eine Methode zur Risikoabschätzung für Patienten mit noch nicht geplatzten Aneurysmen entwickeln lassen.

Aneurysmen sind Aussackungen der arteriellen Blutgefäße. Sie entstehen, wenn die Muskelschicht in der Blutgefäßwand nicht angelegt oder geschwächt ist. Der Blutdruck in den Arterien "bläht" die Arterien auf, vorzugsweise an den extrem belasteten Verzweigungen der Gefäße. Es bilden sich schließlich dünnwandige "Blasen", die jederzeit platzen können. Platzt ein Aneurysma im Gehirn, ergießt sich Blut mit hohem Druck in das Schädelinnere. Dies erklärt, warum ein Viertel der Betroffenen unmittelbar nach der Blutung stirbt. Ein Drittel der Überlebenden trägt auch bei optimaler Therapie Lähmungen und Sprachstörungen davon. Zwischen sechs und 16 pro 100.000 Menschen in Deutschland hat ein Hirngefäßaneurysma. Bei etwa 10.000 Menschen in Deutschland pro Jahr platzt solch ein Blutsack. In Anbetracht der hohen Sterblichkeit und der häufigen Behinderungen ist es ein erklärtes Ziel, Aneurysmaträger vor dem Platzen der Gefäßaussackung zu erkennen und zu behandeln.


WEITERE INFORMATIONEN:
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität,
Direktor der Abt. Neurochirurgie
Prof. Dr. Veit Rohde, Telefon 0551 / 39 60 33
Robert-Koch-Str. 40, 37075 Göttingen,
E-Mail: Veit.Rohde@med.uni-goettingen.de

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