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Wider eingefrorene Wahrnehmungen

20.03.2007 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Collegium Europaeum Jenense an der Universität Jena legt Band "Serben und Deutsche" vor Jena (20.03.07) Ein einmal in Schieflage geratenes Bild lässt sich nur schwer wieder gerade rücken. Auf diesen Punkt bringt die Südslawistin und Balkanologin Prof. Dr. Gabriella Schubert das Verhältnis von Serben und Deutschen nach den blutigen Auseinandersetzungen auf dem Balkan Ende des 20. Jahrhunderts. Die Direktorin des Instituts für Slawistik der Friedrich-Schiller-Universität Jena spricht von "eingefrorenen gegenseitigen Wahrnehmungen", die auf deutscher Seite - auch infolge der Medienpolitik - immer noch "äußerst negativ gefärbt" seien. "Dagegen muss man etwas tun", sagt sie mit Bestimmtheit und engagiert sich unter anderem in dem Projekt "Serben und Deutsche".

Dahinter verbirgt sich eine zweisprachige Schriftenreihe des Collegium Europaeum Jenense (CEJ) an der Universität Jena, deren zweiter Band jetzt erschienen ist. Der erste, den Gabriella Schubert 2003 mit herausgegeben hat, setzte sich mit "Traditionen der Gemeinsamkeit gegen Feindbilder" auseinander. Der jüngste, für den sie als Editorin allein verantwortlich zeichnet, ist spezieller. Er widmet sich den "literarischen Begegnungen" zwischen Serben und Deutschen. "Auf diesem Gebiet sind nicht nur die Beziehungen am stärksten. Literaten und Literaturwissenschaftler sind auch am ehesten bereit, die Kultur der anderen zu rezipieren", fasst die Slawistin von der Friedrich-Schiller-Universität eigene Erfahrungen zusammen.

Elf serbische und deutsche Autoren, darunter die Herausgeberin selbst, spüren in ihren Beiträgen ganz unterschiedlichen Facetten "literarischer Begegnungen" nach. Das Spektrum reicht von einem allgemeinen Überblick über literarisch vermittelte Bilder von Serben über Deutsche, so des berühmten serbischen Schriftstellers Milo¨ Crnjanski in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, und umgekehrt. Thematisiert werden auch die Rezeption deutscher Literatur bei den Serben, Modernisierungskonzepte in der serbischen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis hin zu einem Beitrag über die leidvollen Erfahrungen des Literatur-Nobelpreisträgers (1961) Ivo Andric als Diplomat während des Zweiten Weltkriegs in Berlin.

Die in Vergessenheit geratenen geistigen Brücken zwischen beiden Völkern zu erneuern, nennt die Südslawistin als Anliegen der Reihe. Auf literarischem Gebiet habe es solche Brücken immer gegeben. "Immer wieder waren es auf beiden Seiten die Schriftsteller, die sich füreinander und das geistig-literarische Leben im jeweils anderen Land interessierten und die untereinander Anregungen austauschten", macht Schubert deutlich. Jena, Weimar und Halle waren Zentren solcher Begegnungen.

Jena und seine Universität spielen in diesem Kontext eine besondere Rolle. Nicht zuletzt deshalb, weil Vuk Stefanovic Karad¸ic, der Schöpfer der serbischen Literatursprache, dort 1823 zum Doktor der Philosophie promoviert wurde. Nach Jena strömten junge Intellektuelle aus Südosteuropa zum Studium aber auch schon seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. "Goethe, Herder und die Romantiker haben die Kultur der Balkanvölker - und damit auch der Serben - als etwas Besonderes wahrgenommen und sie bewundert", weiß Schubert. Goethe ließ sich sogar Karad¸ics "Volkslieder der Serben" ins Deutsche übertragen - von der Hallenser Schriftstellerin Therese Albertine Luise von Jakob alias Talvj, deren Übersetzerleistungen auch ein Beitrag in der aktuellen Publikation gewidmet ist. Umgekehrt seien auch die Serben von deutscher Literatur immer begeistert gewesen. "Vor allem die Brüder Grimm galten dort als Vorreiter für eine nationale Kultur, die es so in Serbien noch nicht gab."

Einen dritten Band hat Prof. Schubert bereits ins Auge gefasst, "weil es so viele Dinge zwischen Serben und Deutschen gibt, die gegenseitig nicht wahrgenommen werden". Zunächst jedoch präsentiert sie die jüngste Edition am 28. März im Goethe-Institut in Belgrad. "Das ist besonders wichtig, denn die Aktivitäten der Jenaer Universität und seines CEJ werden aus Belgrad mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt", unterstreicht sie das Anliegen. Ende März steht ihr ein weiteres wichtiges Ereignis bevor. Dann wird sie ihre Antrittsvorlesung an der serbischen Akademie der Wissenschaften halten, als deren Mitglied sie im November 2006 berufen wurde.


Gabriella Schubert (Hg.): "Serben und Deutsche", 2. Band "Literarische Begegnungen". Schriften des Collegium Europaeum Jenense, Jena 2006. Preis: 19,80 Euro. ISBN 978-3-933159-13-X

Kontakt:
Prof. Dr. Gabriella Schubert
Institut für Slawistik der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Ernst-Abbe-Platz 8, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 944700
E-Mail: G.Schubert[at]uni-jena.de
Weitere Informationen: http://www.uni-jena.de
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