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As Time Goes By - Studierende entwickeln Bestattungsschmuck

23.03.2007 - (idw) Fachhochschule Bielefeld

Der Tod ist in unserer Gesellschaft nach wie vor ein Tabuthema. Und das, obwohl er bei 840.000 Bestattungen pro Jahr in Deutschland allgegenwärtig ist. Viele Menschen beschäftigen sich zu Lebzeiten zu wenig mit den Vorbereitungen auf ihren Tod und auf ihre Bestattung. Sie lassen die Hinterbliebenen im Unklaren über ihre Wünsche für die Ausgestaltung von Trauerfeier und Grabstätte.

Ausgerechnet junge Leute, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben, nahmen sich jetzt dieses Tabuthemas an: sieben Studierende der Mode und ein Student der Fotografie des Fachbereichs Gestaltung der Fachhochschule (FH) Bielefeld haben unter Leitung von Professorin Willemina Hoenderken innovative Entwürfe für modernen Sargschmuck und Utensilien zur Trauerarbeit entwickelt. Kooperationspartnerin ist die Jungunternehmerin Maria Beck des Herforder Unternehmens Via Decosa.

Zum Hintergrund: Die Trauerkultur in Deutschland erfährt im Moment einen grundlegenden Wandel: Die Funktion der Grabstätte als an den Verstorben erinnernder Ort verliert mehr und mehr an Bedeutung. Die emotionale Trauerarbeit der Hinterbliebenen konzentriert sich mehr und mehr auf die Trauerfeier und die Privatsphäre. Entsprechend der zunehmenden Individualität der Menschen in unserer Gesellschaft wächst auch der Wunsch nach individuell auf den Verstorbenen zugeschnittenen Trauerfeiern und Bestattungen.

In ihrer künstlerisch-gestalterischen Forschungsarbeit haben die Studierenden des Fachbereichs Gestaltung der FH Bielefeld sich mit Schmuck für Särge, Urnen und Kerzenhalter auseinandergesetzt. Dazu kommen passende Kondolenzbücher, Trauerkarten und Erinnerungsstücke. Die Schmuckteile sind aus unterschiedlichen Stoffen gefertigt, wie z. B. Seide, Leinen oder auch Leder. Die Studierenden haben sich im Vorfeld nicht nur allgemeine Gedanken über Tod, Trauer und Rituale gemacht, sondern sich eine Inspirationsquelle und Zielgruppen ausgewählt, um so konkret auf unterschiedliche Bedürfnisse eingehen zu können. So sind die Themen "Musik", "Wasser" oder "Das Paradies" einige der Inspirationsquellen oder auch "Origami", eine japanische Falttechnik. Zielgruppe sind u. a. Kinder und Jugendliche.

Nicole Beholz (Lübeck)
Nicole Beholz hat sich mit dem Sterben von Säuglingen und Kleinkindern beschäftigt. Grundlage für ihre gestalterische Auseinandersetzung mit diesem Thema bildet das Kindchenschema, das bei Erwachsenen Schlüsselreize wie Fürsorge und Kümmerungsverhalten auslöst.

"Der Bestattungsschmuck für den Sarg eines Kindes sollte auf die Bedürfnisse des Kindes zu Lebzeiten eingehen und dem Wesen des Kindes gerecht werden", sagt Nicole Beholz. Aus diesem Grund hat sie bei der Gestaltung ihres Sargschmucks bewusst eine runde und organische Formgebung gewählt. "Wolle in Form eines kindlichen 'Pompoms', Filzballes und einer gewickelten Kugel bildet die Grundlage für den Entwurf, der sich organisch über den Sarg legen lässt. Ergänzt durch funkelnde Perlen ergibt sich ein kindgerechtes Gesamtbild."

Beim Sargschmuck für Säuglinge hat Nicole Beholz eine grau abgetönte Farbpalette aus Altrosa, Weiß und Mint gewählt. Die polychrome Farbgebung des Sargschmucks für Kleinkinder dagegen ist farbenprächtiger.

Rafael Erfurth (Gütersloh)
Rafael Erfurth hat sich insbesondere den jugendlichen Verstorbenen gewidmet. "Jede Beerdigung sollte dem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen, indem sie seiner Persönlichkeit gerecht wird", sagt er.

Jugendliche zeigen ihre Persönlichkeitsentwicklung zu Lebzeiten wohl am deutlichsten in ihrem Verhalten und in ihrer Kleidung. "An diesem Punkt habe ich bei der Gestaltung des Sargschmucks angeknüpft und das Wesen eines Jugendlichen visuell fixiert." Um dabei die Bandbreite der individuellen Möglichkeiten zwischen weiß und schwarz aufzuzeigen, hat Rafael Erfurth bei seiner Ausarbeitung des Themas beispielhaft die Typen "unschuldiges, süßes Mädchen" und "Rocker" gewählt.

Rafael Erfurth hat seiner Arbeit den Titel "Rise Of An Angel" gegeben: "Denn in unserem Glauben ist durch Religion und Kunst fest verankert, dass verstorbene Menschen als Engel das Himmelstor passiere, um im ewigen Paradies fortzuleben. Aus diesem Grund bildet ein aus Draht geformter Engel die Basis für die weitere Gestaltung des Schmucks."

Lisa Höger (Bielefeld)
"Anfang und Ende - der ewige Kreislauf." So hat Lisa Höger ihre Arbeit überschrieben. Denn: "Der Tod ist nicht das Ende. Er ist nur Teil eines ewigen Kreislaufs."

"Kein Mensch geht ganz, wenn er stirbt", sagt Lisa Höger. "Er hinterlässt immer etwas: Familie, Freunde, Erinnerungen, Liebe, Taten und Gedanken, die auf unterschiedlichste Art und Weise Früchte tragen." Die Nachwuchs-Designerin hat deshalb zwei Modelle für Sargschmuck entwickelt, die den Gedanken der Verbundenheit und den Zusammenhang aller Dinge in den Vordergrund stellen.

Das Modell "Zauberwald" symbolisiert mit kleinen und großen knospenförmigen Gebilden einen Kreislauf der Natur, der Hoffnung und Zuversicht vermittelt. "Das unendliche Kreuz" wird von einem Knoten aus schimmernden Kordeln ohne sichtbaren Anfang und Ende geformt, und soll auf die Unendlichkeit hindeuten.

Julia Humme (Bielefeld)
Julia Humme hat in ihren Entwürfen zur Sargdekoration die Themen Lebensweg und Geborgenheit aufgegriffen.

In ihrem Modell "Origami" skizziert sie mit Hilfe der gleichnamigen traditionellen japanischen Kunst des Papierfaltens die unterschiedlichen Phasen im Leben eines Menschen. "Jeder Mensch beschreitet Wege, besteht Prüfungen und durchlebt Abschnitte, die noch nachhaltig über das Leben hinaus wirken", sagt sie. "Zum Beispiel eine Ehe, Freundschaften, eigene Kinder oder ein selbst erbautes Haus." Julia Humme hat ein Band aus Origami versehen, die auf einem schmalen Organza-Sargtuch angebracht sind. Dieses Band, an dem Spruchbänder mit Lebensweisheiten befestigt sind, verläuft über den Sargdeckel hinaus.

Das Model "Kokon" aus handgearbeiteter, gecrashter Seide symbolisiert den Wunsch des Menschen nach Schutz und Geborgenheit. "Jeder strebt nach diesem Gefühl", sagt Julia Humme. "Wir suchen Geborgenheit bei anderen Menschen, der Familie oder den Freunden, die uns halten, lieben und trösten können."

Andrea Kropp (Mölln)
Andrea Kropp bringt Klänge und Inventionen in die Trauerfeier. Ihren Entwürfen "Lebensbaum" und "Klang" liegen die Interventionen des Komponisten Johann Sebastian Bach zugrunde. "Ein Leben ohne Musik ist kaum vorstellbar", sagt Andrea Kropp. "Sie spendet Freude, beruhigt und tröstet uns in jeder Lebenslage."

Das Modell "Klang" ist ein Rahmen aus Klangstäben und Glöckchen, das auf den Sarg gestellt wird. Schon der kleinste Luftzug oder die geringste Bewegung erzeugt zarte Klänge, die der Trauerfeier einen mystischen Charakter verleihen sollen.

Das Modell "Lebensbaum" symbolisiert ewiges Leben bzw. die Evolution. Der Baum steht vor dem Sarg. Seine Wurzeldecke wird über einen Teil des Sarges drapiert. Die Hinterbliebenen haben bei der Trauerfeier die Möglichkeit, kleine Kärtchen mit einem letzten Gruß an den Verstorbenen an den Ästen des Baumes zu befestigen. Sie können auf diese Weise persönlich Abschied nehmen.

Katharina Schöne (Bielefeld)
Katharina Schöne hat sich zu ihren Entwürfen durch Johann Wolfgang von Goethes "Gesang der Geister über den Wassern" inspirieren lassen: Ein ewiger Fluss, ein nicht endender Kreislauf verschiedener Aggregatzustände, ohne dass auch nur irgendwann ein Tropfen verloren geht.

"Goethe vergleicht die Eigenschaften des Wassers mit der Seele des Menschen", sagt Katharina Schöne. "Die Seele befindet sich ebenso in verschiedenen Zuständen. Sie ist, obgleich nicht sichtbar, immer da und unsterblich. Und sie ist wie das Wasser immer in Bewegung."

Mit ihrem Entwurf "Hoffnung" hat sich Katharina Schöne an die Legende des Fährmannes Charon angelehnt, der die Seelen über den Fluss Styx in die Unterwelt befördert. Ihr Urnenbehältnis bedient sich eines Schlüsselsymbols aus der Seefahrt, das Halt und Hoffnung symbolisiert: eines Ankers.

In ihrem Modell "Welle" aus ungebleichtem, festem Segeltuch stellt Katharina Schöne den Fluss des Wassers in einer stilisierten Form dar.

Melanie Springer (Bielefeld)
Melanie Springer hat sich mit dem Leben nach dem Tod auseinandergesetzt. "Vielen Hinterbliebenen fällt es leichter, den Verlust eines nahe stehenden Menschen zu verkraften, indem sie sich vorstellen, dass dieser in einer schöneren, heileren Welt auf ihn wartet", sagt sie. Diese Vorstellung werde oft verbunden mit einer wunderschönen Naturlandschaft als Ort einer Wiedervereinigung.

Das Modell "Paradies" ist vor allem für Kinderbestattungen vorgesehen. Bunte Blumen mit Filzblüten ranken seitlich des Sarges herunter und stehen für Frühling und Neuanfang. Ein grünes Sargtuch symbolisiert Zuversicht. Eine Vase mit Ästen vom Korkenzieherbaum bietet den Angehörigen die Möglichkeit, Blätter mit letzten Grüßen auf dem Sarg zu hinterlassen.

Das Modell "Utopia" besteht aus einem geflochtenen, schwarzen Zopf aus Leder, der den Sarg vom Kopf- bis zum Fußende bedeckt. Dieser Zopf wird von mehreren kleinen Zöpfen umschlungen und symbolisiert die Zusammenführung nach dem Tod.


Kontakt:
Professorin Willemina Hoenderkein
Fachhochschule Bielefeld
Fachbereich Gestaltung
Lampingstraße 3, 33615 Bielefeld
fon 0521.106-7630
e-mail willemina.hoenderken@fh-bielefeld.de

Maria Beck
Via Decosa - Trauerdekoration mit Stil
Amseltrasse 45 B, 32049 Herford
fon 05221.3469840
fax 05221.3469841
e-mail info@via-decosa.de
web www.via-decosa.de

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