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Buch der Bücher ist noch immer unverzichtbar

10.05.2007 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

Theologen der WWU Münster untersuchten Bibelverständnis in Deutschland Sie gilt als das Buch der Bücher, doch spielt die Bibel im Alltag der Menschen überhaupt noch eine Rolle? Umfragen zu den hohen christlichen Feiertagen suggerieren das Gegenteil, so wissen zehn Prozent der Deutschen nicht, warum Weihnachten gefeiert wird. Das Institut für Christliche Sozialwissenschaften und das Seminar für die Exegese des Neuen Testaments der Katholisch-Theologischen Fakultät der WWU Münster haben gemeinsam versucht, herauszufinden, wie es um das Bibelverständnis in Deutschland steht. Gefördert wurde das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit rund 200.000 Euro.

Zwölf ganz unterschiedliche Gruppen flossen in die qualitative Befragung ein. Das Spektrum reichte vom sozialistischen Jugendclub über Gewerkschafter bis hin zum Bibelkreis. "Da auch Menschen dabei waren, die niemals von sich aus die Bibel lesen würden, haben wir einen Anfangsimpuls gegeben, dann aber die Teilnehmer frei erzählen lassen", berichtet der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Karl Gabriel. Und sein Kollege, der Exeget Prof. Dr. Martin Ebner, ergänzt: "Während wir die Gespräche führten, waren wir eigentlich enttäuscht, wie sehr sich die Herangehensweise dieser doch sehr heterogenen Gruppen zu ähneln schien. Aber als wir die Diskussionen transkripiert haben, zeigten sich die Unterschiede."

Wichtigste Erkenntnis der Wissenschaftler: Die Bibel hat eine sehr unterschiedliche Bedeutung, aber als ein Element des kulturellen Gedächtnisses kommt niemand an ihr vorbei. Selbst jene, die niemals ohne die Befragung die Bibel gelesen hätten, konnten den beiden vorgelegten Texten - einem Ausschnitt aus der Bergpredigt und einem Wundertext - noch Bedeutung abgewinnen. Die allerdings variierte stark. So interpretierten die Gewerkschafter die Aussage, man solle auch die andere Wange hinhalten, als im Kern zwar unverzichtbar und wichtig, aber auch als Instrument des Machtmissbrauchs und als Appell, dass die Unterdrückten stillhalten sollen, berichtet Gabriel.

Für Ebner war der Unterschied zwischen der wissenschaftliche Exegese und der Auslegung im Alltag von Bedeutung. "Wir haben uns gefragt, wie gehen Menschen mit einem Text um? Wie erschließen sie ihn sich?", erläutert Ebner. Dabei zeigte sich, dass die Laien zumindest im Ansatz wissenschaftliche Ansätze nutzten.
Sie fragten nach der Entstehungsgeschichte, gliederten den Text und versuchten ihn in den Gesamtkontext der Bibel einzuordnen. "Dabei werden diese Methoden intentional eingesetzt. Das Ergebnis der Interpretation ist bereits vorgegeben, die Methoden werden nur noch zum Beweis eingesetzt", sagt Ebner. So nutzten die Gewerkschafter einen eher historisch-kritischen Zugang, die kirchlich eingebundenen Gruppen einen kanonischen, mit dem sie die Bibel als Gesamttext zu verstehen versuchten. Ebner: "Was mich im Alltag prägt, ist der Orientierungsrahmen, innerhalb dessen auch die Bibel gelesen wird. Der Text wird durch diese Brille wahrgenommen." Damit haben die beiden Theologen eine der grundlegenden Theorien des Textverständnisses, die Hermeneutik, auch empirisch nachweisen können.

Was bedeutet das aber für die Arbeit der Wissenschaftler? Gabriel ist optimistischer als zuvor, dass die Erinnerungsströme lebendig bleiben: "Gerade bei den Gruppen der Jugendlichen haben wir festgestellt, dass die Tradition nicht abreißt und sie bereit sind, sich damit auseinander zu setzen." Für Ebner ist die Laienexegese auch ein Spiegel für die eigene Wissenschaft: "Methodisches Vorgehen soll Objektivität erzeugen - und dabei sind die eigentlichen Entscheidungen schon längst gefallen." Denn ein verblüffendes Ergebnis der Untersuchung war, dass schon bei der Textwahrnehmung die Weichen gestellt werden: Im Kopf der Leser entsteht ein virtueller Text, der sich vom vorliegenden Bibeltext erheblich unterscheiden kann. Ganze Textteile werden ausgeblendet, andere miteinander kombiniert, neue Texte eingespielt. Aufgabe der wissenschaftlichen Exegese wäre es, so Ebner, den Leseprozess zu verlangsamen und den Leser auf blinde Stellen im Text hinzuweisen.


Dass die Menschen dankbar sind, wenn man ihnen die Mittel und Informationen gibt, sich unabhängig von der institutionellen Auslegung mit der Bibel zu beschäftigen, hat Ebner immer wieder bei Vortragsveranstaltungen festgestellt. "Es besteht ein großes Interesse daran, sich von der Kirche unabhängig zu machen und die Bibel ohne Vorgaben in den eigenen Alltag zu integrieren", berichtet er.
Weitere Informationen: http://egora.uni-muenster.de/fb2/aktuelles.shtml Katholisch-Theologische Fakultät der WWU
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