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Depressionen - Strategien gegen eine Volkskrankheit

11.05.2007 - (idw) Medizinische Hochschule Hannover

Experten entwickeln Maßnahmen zur Intervention / Tagung in der MHH mit 170 Teilnehmern Etwa acht Millionen Menschen in Deutschland leiden mindestens einmal in ihrem Leben an Depressionen - betroffen sind Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen und Schichten. Die Kosten der Krankenkassen steigen, Unternehmen beklagen zunehmend Arbeitsausfälle wegen Depressionen. Gleichzeitig fördert Arbeitslosigkeit das Risiko, an Depressionen zu erkranken. Trotz der weiten Verbreitung herrschen Vorurteile und Tabus, nach Meinung von Experten werden außerdem viele Depressionserkrankungen nicht erkannt und nicht adäquat behandelt. Nicht zuletzt sind Konzepte zur Prävention der Erkrankung in Deutschland nur wenig entwickelt. Medizin, Gesellschaft und Politik sind deshalb aufgefordert, umfassende Strategien zur Lösung dieser Probleme zu entwickeln - den Grundstein legte heute eine Expertentagung in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) unter dem Motto "Volkskrankheit Depression: Eine Herausforderung für Medizin, Gesellschaft und Politik?" Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Gmünder ErsatzKasse GEK statt.

Welche gesellschaftlichen Bedingungen fördern Depressionen? Wo können Gegenmaßnahmen ansetzen? "Die Faktoren, die das Risiko für eine Erkrankung erhöhen sind Alter, Geschlecht, chronische Krankheiten und sozioökonomische Einflüsse. Arbeitslose haben ein doppelt so hohes Depressionsrisiko wie Erwerbstätige", betonte Professor Dr. Friedrich-Wilhelm Schwartz, Direktor der MHH-Abteilung Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung. Je älter die Menschen werden, desto häufiger wird die Diagnose Depression gestellt. Betroffen sind doppelt so viele Frauen wie Männer, ein besonders hohes Risiko besteht bei allein erziehenden Frauen mit einem geringem Einkommen und wenig gesellschaftlichem Einfluss. Mehr als die Hälfte der Menschen mit der Diagnose Depression leiden zudem an einer oder mehreren zusätzlichen Erkrankungen wie Schmerzerkrankungen, Herzkrankheiten oder Alkoholabhängigkeit. Medizin und Politik müssen auf mehreren Ebenen aktiv werden, fordert der Epidemiologe: Aufklärung der Öffentlichkeit und der Arbeitgeber, ein gesellschaftliches Umdenken in Bezug auf Werte, Normen und Reaktionen gegenüber der Krankheit, eine verbesserte Frühwahrnehmung und eine effektive Behandlung von Krankheiten, die Depressionen fördern.

"Depressionen können jeden von uns treffen", erläuterte Professor Dr. Detlef Dietrich, MHH-Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie. "Die Ursachen, Folgen und der Verlauf sind bei jedem Menschen unterschiedlich, neben neurobiologischen und persönlichen Faktoren spielen chronische und akute Stresssituationen eine große Rolle." Auswirkungen hat der gesellschaftliche Wandel, die Menschen leiden unter einem Mangel an Geborgenheit und dem gesellschaftlichen Druck, immer funktionieren zu müssen. "Meist sind depressive Erkrankungen gut behandelbar, vorausgesetzt, die Kenntnisse über Ursachen und diagnostische Einschätzungen werden bedacht und es wird ein individuell angepasstes Behandlungskonzept entwickelt", sagte der Psychiater. Für eine optimale Behandlung muss besonders auch das Wissen der Patienten und des sozialen Umfelds wie Familie und Arbeitsplatz verbessert und die Ausnutzung bestehender Behandlungsoptionen intensiviert werden.

"Psychische Erkrankungen sind heute in Industrieländern so etwas wie die Seuchen des Mittelalters", erklärte Dieter Hebel, Vorstandsvorsitzender der Gmünder ErsatzKasse GEK. "Sie sind der häufigste Grund für die Frühverrentung und deshalb ist der Erfolg in der Bekämpfung dieser Erkrankung auch ein volkswirtschaftliches Anliegen." Die Kosten für die Behandlung von Depressionen in Deutschland betrugen 2002 etwa 4,3 Milliarden Euro, das entspricht etwa den Kosten für die Behandlung von Diabetikern.

Das der Depression gegenwärtig soviel Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist auch Folge gesellschaftlicher Prozesse und spiegelt nicht unbedingt eine Verschlechterung der Volksgesundheit wider. Diese Auffassung vertritt Dr. Konrad Schily, Mitglied des Deutschen Bundestages. "Aufgabe der Politik ist es, für die Bürger einen freiheitlichen und sicheren Rahmen zu schaffen, in dem sich jeder nach seinen Vorstellungen entfalten kann", betonte der Neurologe. Aber: "Die Politik würde nicht gut daran tun, Behandlungskonzepte gegen ,Traurigkeit und Verstimmung´ zum Regierungsanliegen zu machen."

In einer Sonderveranstaltung der MHH-Patientenuniversität geht es morgen, Sonnabend, 12. Mai 2007, ebenfalls um das Thema Depressionen. "Viele Menschen, die von Depression betroffen sind, aber auch ihre Angehörigen, sind nicht gut darüber informiert, was sie selbst im Umgang mit der Erkrankung tun können und welche Unterstützungs- und Therapiemöglichkeiten es gibt", erklärte Professorin Dr. Marie-Luise Dierks, Leiterin der MHH-Patientenuniversität. Interessierte Bürgerinnen und Bürger, Betroffene und Angehörige erhalten die Gelegenheit, mehr über depressive Erkrankungen zu erfahren, Experten zu befragen und mit ihnen zu diskutieren. Die Patientenuniversität will mit der Tagung dazu beitragen, das Wissen zu verbessern und einen selbst bestimmten Umgang mit der Krankheit fördern.


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