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MHH-Chirurgen transplantieren Lunge trotz Unverträglichkeit der Blutgruppen

09.10.2007 - (idw) Medizinische Hochschule Hannover

21-jährige Patientin hätte ohne Operation keine Überlebenschance gehabt /
Professor Haverich fordert vom Gesetzgeber klare Richtlinien Chirurgen der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) haben weltweit zum ersten Mal einer Patientin erfolgreich eine Lunge bei einer geplanten Operation transplantiert, obwohl die Blutgruppe der Empfängerin und die Blutgruppe des Spenders nicht übereinstimmten. "Wir sind mit dem Ergebnis der Operation sehr zufrieden", sagt Professor Dr. Martin Strüber, Leitender Oberarzt in der Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie, der mit seinem Team die Operation durchgeführt hat.

Die Patientin Anna-Katharina M. ist nach ihrer Operation im Juli 2007 wohlauf und befindet sich bereits in der Rehabilitation. Die 21-jährige Frau aus Südniedersachsen leidet an Mukoviszidose und musste wegen eines schweren Infektes der Lunge auf der Intensivstation einer anderen Universitätsklinik künstlich beatmet werden. "Durch plötzlich auftretende Komplikationen bei der künstlichen Beatmung geriet die Patientin innerhalb weniger Tage in akute Lebensgefahr", erklärt Professor Strüber. "Ihre Lebenserwartung lag nach unserer Einschätzung bei wenigen Tagen." In dieser Situation wurde der MHH von Eurotransplant eine Spenderlunge mit der seltenen Blutgruppe AB angeboten - doch für den vorgesehenen Empfänger kam die Lunge nicht in Frage.

Eurotransplant konnte mit absoluter Sicherheit ausschließen, dass es einen anderen passenden Empfänger für die Lunge gab. Daher entschlossen sich die MHH-Ärzte, der Patientin Anna-Katharina M. zwei Lungenlappen des Organs zu transplantieren, obwohl sie selbst die Blutgruppe 0 hat. "Eigentlich ist das die maximale Unverträglichkeit", erläutert Professor Strüber.

Eine besondere Form der Blutwäsche, die so genannte Immunabsorption, machte die Transplantation möglich: Ein spezielles Gerät filtert die fremden Antikörper, in diesem Fall A und B, aus dem Blut. Zusätzliche Sicherheit schaffen Medikamente, die verhindern, dass das Immunsystem weiterhin Antikörper bildet. "Wir konnten das Blut der Patientin auf diese Weise einmal vor der Transplantation behandeln, nach der Operation wurde die Blutwäsche einige Male wiederholt", betont Professor Strüber, um eine Abstoßungsreaktion zu verhindern. In den vergangenen sieben Wochen war diese Behandlung, die ähnlich einer Dialyse körperlich extrem anstrengend ist, nicht mehr nötig. "Der Körper der Patientin hat sich an das neue Organ gewöhnt."

"Nach Transplantation kann die Patientin ein weitgehend normales Leben führen und auch Sport treiben", sagt Lungenfacharzt Dr. Jens Gottlieb aus der MHH-Klinik für Pneumologie. "Vorsichtsmaßnahmen zur Verhütung von Infektionen sind wegen der intensiv die körpereigene Abwehr hemmenden Medikamente aber notwendig." In diesem besonderen Fall würden zudem regelmäßige Proben aus der transplantierten Lunge entnommen, um eine Abstoßung des Organs frühzeitig erkennen und behandeln zu können. "Bisher ist die gemessene Organfunktion aber stabil und wir haben in der Nachsorge keine Probleme festgestellt", ergänzt Dr. Gottlieb.

Die Patientin Anna-Katharina M., die derzeit die Rehabilitation in Fallingbostel durchläuft, freut sich: "Ich bin glücklich, dass ich trotz meiner Erkrankung so lange mit meiner Lunge leben konnte. Noch glücklicher bin ich, dass ich dank des neuen Verfahrens so schnell eine neue Lunge erhalten haben. Das neue Verfahren macht allen mit seltenen Blutgruppen Mut, die auf eine Lunge warten."

"Mit der erfolgreichen Transplantation einer Lunge bei Unverträglichkeit der Blutgruppen haben wir weltweit einen Präzedenzfall geschaffen", betont Professor Dr. Axel Haverich, Direktor der MHH-Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie. Das Transplantationsgesetz erlaubt zwar grundsätzlich diese Art der Transplantation, weil es aber im Fall einer Spenderlunge noch nie vorgekommen ist, war die Umsetzung für Eurotransplant und die MHH-Ärzte sehr zeitaufwändig. "Wir wünschen uns, dass es von Seiten der Kommission der Bundesärztekammer eine neue Richtlinie gibt, um das Verfahren zu vereinfachen - sobald nach sorgfältiger Prüfung ausgeschlossen werden kann, dass es einen anderen passenden Empfänger gibt, sollte die Vermittlung an dringliche Patienten anderer Blutgruppen vorgenommen werden. Sollte sich dieser Erfolg bei anderen Patienten und im Langzeitergebnis bestätigen, hätte dies eine erhebliche Auswirkung auf die zukünftige Organvermittlung von Lungentransplantaten.", sagt Haverich.

Spenderorgane sind knapp - auf der Warteliste für eine neue Lunge sterben jedes Jahr in Deutschland ungefähr 50 Menschen. Das Risiko, die Transplantation nicht zu erleben, ist für schwerstkranke und beatmete Patienten besonders hoch. "Verfahren zur Erhöhung der Zahl verfügbarer Organe wie die blutgruppen-unverträgliche Transplantation können deshalb den Patienten helfen, die besonders dringend auf ein Organ warten und die normale Wartezeit nicht überleben würden", betont Dr. Gottlieb. Allein in Hannover warten 150 Patienten auf eine neue Lunge.

Spenderorgane für die Lungentransplantation werden im Normalfall nach Blutgruppe, Größe und Dringlichkeit vermittelt. Dabei ist die Dringlichkeit bei kleinen Patienten der Blutgruppe 0 am höchsten. An der MHH wurden daher Verfahren entwickelt Spenderorgane zu verkleinern, die Blutgruppenbarriere stellte bisher jedoch ein absolutes Hindernis da.


Bei Organspendern mit seltenen Blutgruppen konnte es zudem bisher schwierig sein, in Einzelfällen einen geeigneten Empfänger zu finden.

Weitere Informationen erhalten Sie bei Professor Dr. Martin Strüber, Telefon (0511) 532-3452 strueber.martin@mh-hannover.de.

Ein Foto können Sie in der Pressestelle der MHH anfordern. Es zeigt Professor Haverich und Professor Strüber mit der Patientin.

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