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Riskante Ordnungen

09.11.2007 - (idw) Universität Leipzig

Unter dem Titel "Riskante Ordnungen" widmen sich Wissenschaftler verschiedener Disziplinen der Universität Leipzig dem Problem der "alternativen Ordnung" und ihrer Risiken. Ob in den Ghettos von Sao Paulo oder in dem orkangeschädigten New Orleans oder bei uns da und dort auf dem Land - immer wieder begegnet man (un-)zivilgesellschaftlichen Organisationen, die "Staat spielen", also hoheitliche Aufgaben ohne staatlichen Auftrag. übernehmen. Dabei füllen sie manchmal einfach Lücken, an anderen Stellen okkupieren sie Bereiche ungefragt und mit Gewalt. Risiken entstehen so oder so.
Vielfach dominieren "eigene Ordnungen" außerhalb der Blicke und der Kontrolle staatlicher Macht das Zusammenleben. Besonders deutlich treten solche neuen Ordnungen im Katastrophenfall wie mit dem Hurrikan Katrina in New Orleans auf. Juristen, Wirtschaftswissenschaftler, Historiker, Sozialwissenschaftler, aber auch Physiker und Geologen beschäftigen sich seit knapp einem Jahr unter dem Dach des Profilbildenden Forschungsbereichs mit dem Thema von neuen Ordnungen und deren jeweiliger Entstehungsprozesse. Ein Projekt, das ebenfalls in diesem Themenbereich gehört, ist die Auseinandersetzung mit Fremdenfeindlichkeit und ihrer Position in der Demokratie.

Wie entwickeln sich bei Jugendlichen Fremdenfeindlichkeit und rechtsextremes Verhalten? Wie ist es um die Bildung zur Demokratie in der Schule bestellt? Welche Ansätze verfolgen zivilgesellschaftliche Akteure in Präventionsprogrammen? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des Forschungsprojekts RYPP, an dem Wissenschaftler des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Leipzig maßgeblich beteiligt sind. "RYPP steht für 'right-wing youth violence prevention programmes', also für Programme, mit denen rechtsradikalen Tendenzen und rechter Gewalt bei Jugendlichen vorgebeugt werden sollen", erläutert Dr. Rebecca Pates. Sie ist neben Dr. Dieter Koop Leiterin des Projekts vom Institut für Politikwissenschaft.

Partner der Leipziger Forscher bei RYPP sind das IMER-Institut (School of International Migration and Ethnic Relations) an der Universität Malmö und das Antidiskriminierungsbüro Sachsen. Der Fokus der Forschung liegt auf Jugendlichen. "Wir wollen zum Beispiel durch teilnehmende Beobachtung herausfinden, welche Bilder bei Jugendlichen über Fremde existieren", erklärt Pates. Zudem wollen die Wissenschaftler untersuchen, wie die verschiedenen Programme etwa von Nicht-Regierungs-Organisationen aufgebaut sind, ob sich Beispiele finden lassen, die als Vorbilder auch für andere gelten können. "Gefragt wird natürlich auch danach, ob sich bestimmte Formen des Umgangs mit dem Thema nicht vielleicht sogar als kontraproduktiv erweisen", so die Wissenschaftlerin. Geklärt werden soll zudem, welche Definitionen von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in den bestehenden Programmen überhaupt zu Grunde gelegt werden.

"Es wird auch zu klären sein, in wie weit Angebote überhaupt ausreichend sind", unterstreicht die Koordinatorin des Projekts Susanna Karawanskij. So seien Projekttage an Schulen sicher ein geeigneter Weg, sich dem Thema Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus zu nähern. Besser wäre es jedoch, wenn solche Einzelprojekte lediglich den Startschuss für eine längerfristige Beschäftigung mit dem Thema zum Beispiel über ein ganzes Schuljahr hinaus darstellten.

Ein zweiter Baustein des von der Europäischen Kommission geförderten Forschungsprojekts wird darin bestehen, den Unterricht beispielsweise im Fach Gemeinschaftskunde unter die Lupe zu nehmen. Geplant sind dazu Interviews mit Schülern der 9. Klassen von Gymnasien und Mittelschulen. Langfristig sollen aus dem Projekt auch Workshops für Lehrer entstehen, in denen diese für das Thema im Unterricht sensibilisiert werden sollen. Schließlich könnten auf ganz lange Sicht auch Bausteine zum Thema Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus für die Lehrerausbildung an den Universitäten entwickelt werden.

Erste Ergebnisse ihrer Arbeit wollen die Wissenschaftler Anfang kommenden Jahres vorlegen. Für den Zeitraum vom 11. bis 13. März 2008 planen sie zudem eine internationale Konferenz zum Thema Fremdenfeindlichkeit und Angst vor Fremden (Xenophobie). Dabei werden dann auch die Forscher aus Malmö die Ergebnisse ihrer Studien vorstellen und so einen internationalen Vergleich ermöglichen. Die Malmöer Forscher gehen nämlich derzeit vor allem in Südschweden genau jenen Fragen nach, die die Leipziger Wissenschaftler schwerpunktmäßig in Ostdeutschland untersuchen.

Mit dem Thema Rechtsextremismus haben sich die Leipziger Politikwissenschaftler übrigens schon früher intensiv beschäftigt: Für die Studie "Grenzen lokaler Demokratie" untersuchten sie, wie ausgeprägt Rechtsextremismus im ländlichen Raum ist und wie vor Ort auf das Phänomen reagiert wird. Heraus kam dabei unter anderem, dass auf lokaler Ebene agierende "Bündnisse gegen Rechts" häufig dazu neigten, sich gegenüber anderen Projekten abzuschotten. Deutlich wurde auch, dass lokale Akteure wie Parteien, ewerkschaften und Kommunalpolitiker dazu tendierten, das Problem dadurch zu erklären, dass es von Außen in die Kommune oder den Landkreis hereingetragen werde.


Weitere Informationen:
Sprecher des Profilbildenden Forschungsbereichs "Riskante Ordnungen"
Prof. Dr. Wolfgang Fach
Telefon: 0341 97-35622
E-Mail: fach@uni-leipzig.de
www.uni-leipzig.de/~politik

Dr. Rebecca Pates
Telefon: 0341 - 9735 636
E-Mail: pates@uni-leipzig.de

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