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Die "Enterbung" der Juden: Wie Christen und Juden Feinde wurden

14.11.2007 - (idw) Ruhr-Universität Bochum

Nr. 335

Tertullian: "Gegen die Juden" in den Fontes Christiani

Adversus Iudaeos - Gegen die Juden, dieser Traktat steht für die endgültige Ablösung des Christentums vom Judentum und für den Anfang einer Feindschaft der beiden Religionen, die das gesamte Mittelalter prägte. Am Ende des 2. Jahrhunderts vom einflussreichen Theologen Tertullian verfasst, bereitet er die "Enterbung" der jüdischen Religion durch die Christen vor: Von nun an sollten die Christen das Gottesvolk sein. Dr. Regina Hauses (Katholisch-Theologische Fakultät der RUB) hat den Text zum ersten Mal vollständig ins Deutsche übersetzt und eingeleitet. Das Buch erschien vor wenigen Tagen in der Reihe "Fontes Christiani", die von Prof. Dr. Wilhelm Geerlings (Lehrstuhl Alte Kirchengeschichte der RUB) u. a. herausgegeben wird. Jung gegen alt

Nur was alt ist, ist gut. So lautete ein Grundsatz in der Antike. Die christliche Religion war jung - zu jung in den Augen antiker Menschen. Religion musste in einer mythischen, lange vergangenen Zeit ihren Anfang nehmen, um Autorität über die Menschen zu besitzen. Das Judentum erfüllte diese Kriterien, das Christentum nicht. Es musste also bewiesen werden, dass die christliche Religion ebenfalls "alt genug" war. Tertullian interpretiert die Ereignisse im Alten Testament als Weissagungen, die den Messias ankündigen. So spricht er dem Christentum ein hohes Alter zu und wirft gleichzeitig den Juden vor, nicht erkannt zu haben, dass Jesus der Messias ist, der im Alten Testament prophezeit wird. "Adversus Iudaeos" stellt einen scharfsinnigen, bisweilen spitzfindigen, Kommentar der alttestamentlichen Schriften dar. Er deckt scheinbare Widersprüche im jüdischen Glauben auf, um die Überlegenheit des Christentums zu unterstreichen.

Das ältere Volk muss dem jüngeren dienen

Um die Vorherrschaft der christlichen Religion über die jüdische zu erklären, verwendet Tertullian die Prophezeiung an Rebekka. Sie besagt, dass aus Rebekkas beiden Söhnen Jakob und Esau zwei Völker hervorgegangen seien. Das Volk Esaus war das ältere. Geliebt habe Gott jedoch nur das jüngere Volk, das Volk Jakobs. Es wurde dem älteren Volk prophezeit, dass es dem jüngeren zu dienen habe. Auf dieser Aussage basiert Tertullians Argument, dass sich die Juden von nun an den Christen zu unterwerfen hätten.

Die "Enterbung" der Juden

Was vormals jüdisch war, die Heilige Schrift (Altes Testament), der Status der Auserwähltheit und die Gnade Gottes, überträgt Tertullian auf die Christen. Die Juden haben sich seiner Ansicht nach als unwürdig erwiesen, weil sie die Schriften falsch interpretiert und Jesus nicht als Messias anerkannt hätten. Regina Hauses bezeichnet diesen Prozess, in dem die Christen die Juden heilsgeschichtlich ablösen, als "Enterbung" der Juden.

Judenhass, Judenfeindschaft, Antisemitismus

Tertullians "Adversus Iudaeos" ist der Auftakt einer gleichnamigen Literaturgattung, die alle gängigen Vorwürfe gegen das Judentum sammelt und zur Diskussion stellt. Diese Schriften haben nichts mit modernem Antisemitismus zu tun, der auf rassische Theorien zurückgreift. Adversus-Iudaeos-Literatur sind Texte, die auf religiöser Ebene gegen das Judentum argumentieren. Tertullian hat seinen Traktat in einer Zeit verfasst, in der beide Religionen in Konkurrenz zu einander standen und das noch junge Christentum sich als Gegenentwurf zum Judentum definierte. Hier nimmt auch die Judenfeindschaft in der christlichen Religion ihren Anfang. Nach ca. 200 Jahren war die Position des Christentums noch nicht genügend gefestigt, um für sich den alleinigen Anspruch auf Wahrheit erfolgreich behaupten zu können, zumal das Judentum als beliebtes Glaubensmodell weiter existierte. Der Traktat gegen die Juden diente als willkommene Glaubensbestätigung.

Biografisches zu Tertullian

Tertullian war einer der einflussreichsten Theologen vor Augustin. Um 160 nach Christus in Karthago geboren und aufgewachsen, erwarb er sich umfassende juristische, literarische und philosophische Kenntnisse. Nachdem er seine Ausbildung beendet hatte, arbeitete er als Rhetor. Er war der erste lateinisch-christliche Autor, dessen Oeuvre mit seinen 31 erhaltenen Schriften die ganze Bandbreite theologischer Literatur umfasste. Zwischen 190 und 195 trat er zum Christentum über. Sein Traktat ist bis in die Gegenwart hinein traditionsbildend für die Adversus-Iudaeos-Literatur.


Titelaufnahme

Tertullian: Adversus Iudaeos - Gegen die Juden. Übersetzt und eingeleitet von Regina Hauses (Fontes Christiani Bd. 75). Brepols 2007, 387 Seiten. ISBN 978-2-503-52266-1 (kartoniert), ISBN 978-2-503-52265-4 (gebunden)

Weitere Informationen

Prof. Dr. Wilhelm Geerlings, Projekt "Fontes Christiani", Katholisch- Theologische Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-24703, E-Mail: wilhelm.geerlings@rub.de

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