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Im Wechsel von "Ethisierter" und "Nicht-Ethisierter" Religion

01.02.2008 - (idw) Ruhr-Universität Bochum

Nr. 35

Kirchengeschichte neu geschrieben: Ecclesia ab Abel
Abschiedsvorlesung Prof. Geerlings als Universitätsrede erschienen

Die "theologia tripartita" des römischen Philosophen Varro, nach der Religion zuallererst dem Staatswohl diene, stößt bei Augustinus auf vernichtende Kritik. Er fordert Übereinstimmung von innerer Überzeugung und äußerem Tun und setzt damit eine Entwicklung mit Konsequenzen für die Kirchengeschichtsschreibung in Gang: Als einen durch fortschreitende Ethisierung, durch Internalisierung moralischer und rechtlicher Standards aufwärts schreitenden Prozess beschreibt Prof. Dr. Wilhelm Geerlings (Alte Kirchengeschichte, Patrologie und Christliche Archäologie) jetzt in seiner Abschiedsvorlesung eine neue religionswissenschaftlich orientierte Kirchengeschichte. Religion dient Staatsraison

Marcus Terentius Varro (116-27) hinterlässt ein gewaltiges literarisches Werk. Vor allem seine Schriften zur altrömischen Religion sind für die Kirchengeschichtsschreibung interessant. Sein Schema der theologia tripartita unterscheidet drei Arten von Theologie: die mythische der Dichter (Theologia mythica), die physische der Philosophen (Theologia naturalis) und die staatliche (Theologia civilis) - quasi eine aus der Volksetymologie hervorgegangene, durch den König ernannte "Staatsreligion". Für Varro ist die Religion die beste, die am wirksamsten das Wohl des Staates sichert. Individuelle religiöse Erfahrung kommt in seinem Schema nicht vor. Varros Denken blieb lange Zeitgeist - erkennbar noch in der Konstantinischen Wende zum Christentum als einem Religionswechsel aus Staatsraison.

Kirchenvater begründet Ethisierung

Die theologia tripartita läuft Augustins Verständnis von Religion und Wahrheit völlig zuwider. Er reduziert Varros theologisches Dreierschema auf zwei Theologien: die theologia naturalis (Frage nach Gott) und die beiden anderen, die den Kult betreffen, indem er die theologia mythica (Göttermythen) der theologia civilis (Staatskult) zuordnet. Zudem fordert Augustinus, dass theologia naturalis (innere Überzeugung) und theologia civilis (äußeres Tun) übereinstimmen müssen, sieht er doch die Differenz zwischen innerer (ethisierender) Haltung und der möglichen Gefahr des Veräußerlichens in nicht-ethisierendem rituellem Vollzug. Der Kirchenvater setzt damit eine Entwicklung in Gang, nach der sich im Laufe der Geschichte "Ethisierte" und "Nicht-Ethisierte" Religiosität ausdifferenzieren.

"Ethisiert" und "nicht-ethisiert" durchdringen und bedingen sich

Es scheint Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet Augustinus, der große Lehrer der Innerlichkeit, zugleich nicht-ethisierte Elemente stärkt: So löst er den Empfang des Sakraments vom spendenden Bischoff. Spender ist Christus, der Bischof nur Instrument. Der Bischof mag unsittlich leben, persönlich nichts mehr glauben, der Empfänger eines Sakraments kann sich dennoch dessen Gnadenwirkung sicher sein. Ethisierung bedarf immer auch unethischer Instrumente, um weitergegeben zu werden. Erkenntnisse und Werte bedürfen nicht-ethisierter Hilfsmittel wie Schule, Buch, Presse, aber auch Ritual und Kult. Sonst gehen sie unter.

Ethisierung und historische Reformbewegungen

Im Sinne von Geschichte als einem kontinuierlichen Prozess der Aufwärtsbewegung hin zu höherem Niveau, ist die christliche Geschichte ein durch fortschreitende Ethisierung, durch Internalisierung moralischer und rechtlicher Standards aufwärts schreitender Prozess. Reformbewegungen nach diesem Schema sind in der Antike das Mönchtum, die Vision vom Gottesstaat des hl. Augustinus; im Mittelalter Franz von Assisi, die mystischen Bewegungen, die spätmittelalterliche Laienfrömmigkeit; in der Neuzeit die Reformation und auch das 2. Vatikanische Konzil. Jeder Krieg, jeder konfessionelle Streit ist ein Schlag ins Gesicht des Ethisierungsprozesses.

Kirche religionswissenschaftlich betrachtet

Eine Kirchengeschichtsschreibung, die sich vor allem am religiösen Phänomen ausrichtet, kann offensichtlich ohne einen dogmatisch fixierten Kirchenbegriff auskommen. Die neue Darstellungsform ist stärker religionswissenschaftlich orientiert und kann sich Augustins Kirchenbegriffs bedienen: die ecclesia ab Abel, die Kirche, die seit Anfang an, beginnend mit dem ersten Gerechten, beginnend mit Abel existiert. Zu ihr gehören Plato und Aristoteles, Moses und Jesaja, Origenes und die Gnostiker, Augustinus und Pelagius, Thomas und Giordano Bruno, Eck und Martin Luther.

Vita Prof. Dr. Wilhelm Geerlings

Wilhelm Geerlings wurde 1941 in Oberhausen geboren, studierte Theologie, Klassische Philologie, Geschichte und Kunstgeschichte in Bonn, München, Tübingen und Paris. Nach Promotion (1977) und Habilitation (1980) erhielt er mit 37 Jahren den Ruf auf den Lehrstuhl für Alte Kirchengeschichte, Patrologie und Christliche Archäologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität. Er war langjähriges Mitglied des Senats, Gutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die Liste seiner Doktoranden und Habilitanden ist lang, Schüler von ihm lehren in Bamberg, Frankfurt, München, Siegen, Trier sowie in Rom und Ghana. Geerlings ist gemeinsam mit Prof. Dr. Siegmar Döpp, Göttingen/Berlin, Herausgeber des Lexikons der antiken christlichen Literatur, Begründer der Reihe "Augustinus: Opera - Werke" sowie Begründer und Hauptherausgeber der zweisprachigen Bibliothek christlicher Klassiker "Fontes Christiani".


Titelaufnahme

"Ethisierte" und "Nicht-Ethisierte" Religion. Eine Auseinandersetzung mit Varro und die Konsequenzen für die Kirchengeschichtsschreibung. Universitätsreden, Neue Serie Nr. 21/2008

Weitere Informationen

Prof. Dr. Wilhelm Geerlings, Alte Kirchengeschichte, Patrologie und Christliche Archäologie, Katholisch- Theologische Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-24703, E-Mail: wilhelm.geerlings@rub.de

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