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Über Wege und Irrwege der Wissenschaft im Nationalsozialismus

05.02.2008 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Jenaer Historiker legen Dokumentenband zur Universität im "Dritten Reich" vor Jena (05.02.08) "Bis in alle Zukunft möge die Friedrich-Schiller-Universität zu Jena eine Pflegestätte deutscher Vaterlandsliebe, deutschen Freiheitswillens, deutscher Ehre und eine Erziehungsstätte zu nationalsozialistischer Charakterhaltung sein." Mit diesen Worten berichtete die "Thüringische Staatszeitung ,Der Nationalsozialist'" am 12. November 1934 über die Feier, auf der der Universität der Name Friedrich Schillers verliehen worden war. Vollständig nachzulesen ist der Bericht in der kürzlich erschienenen Edition "Wege der Wissenschaft im Nationalsozialismus. Dokumente zur Universität Jena, 1933-1945". Es handelt sich um Band 7 der "Quellen und Beiträge zur Geschichte der Universität Jena", die von den Jenaer Historikern Prof. Dr. Jürgen John und Prof. Dr. Helmut G. Walther herausgegeben werden. Neben Jürgen John bearbeiteten Joachim Hendel, PD Dr. Uwe Hoßfeld, Oliver Lemuth und Dr. Rüdiger Stutz die Dokumente.

Der Quellenband entstand im Kontext der vorliegenden Titel "'Kämpferische Wissenschaft?. Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus" (2003) und "Im Dienst an Volk und Vaterland. Die Jenaer Universität in der NS-Zeit" (2005). Ediert werden 192 Dokumente, die ein facettenreiches Licht auf das dunkelste Kapitel der 450-jährigen Jenaer Universitätsgeschichte werfen. "Die Dokumente belegen die Selbstradikalisierung einer jüngeren medizinisch-biowissenschaftlichen Elite an der Universität", sagt Dr. Rüdiger Stutz. So wird im Band erstmals ein ausführliches Schreiben des späteren Rektors Karl Astel an Heinrich Himmler publiziert, in dem dieser Jenaer Rassehygieniker Anfang Oktober 1935 den Reichsführer SS aufforderte, die Ausführungsbestimmungen der Nürnberger Rassegesetzgebung durch Hitler verschärfen zu lassen. In seinem Szenario "zur Bereinigung der Judenfrage" versuchte Astel nachzuweisen, dass sich unter exakt definierten Voraussetzungen die Fortpflanzung unter den Juden mit einem nichtjüdischen Elternteil innerhalb von gut 100 Jahren so begrenzen ließe, dass sie "eliminiert" werden könnten. "Es lässt sich zeigen, wie ein Kreis von Hochschullehrern aus den größten Fakultäten dazu beitragen wollte, die deutsche Gesellschaft nach den Grundsätzen des antijüdischen und eugenischen Rassismus umzugestalten", sagt Stutz. Eine solche "Tatperspektive" trug maßgeblich zu ihrer Selbstmobilisierung bei - vornehmlich seit 1935/36, einer markanten Zäsur auf dem Weg in den Krieg. Demgegenüber habe früheren Darstellungen zur Jenaer Universitätsgeschichte im "kurzen 20. Jahrhundert" eher eine "Leidensperspektive" zugrunde gelegen.

Doch erschließt die Edition dem Leser auch "Spuren", die auf andere, ja alternative "Wege der Wissenschaft" im Nationalsozialismus verweisen. Zum einen wird deutlich, dass ein bewusster Rückzug auf die "reine" Fachwissenschaft nach 1934 ohne Probleme möglich war. Aus pragmatischen Erwägungen konnte das sogar vom Regime protegiert werden. Dem Lehrkörper und den Studenten verblieben daher weitaus größere Spielräume für ein verantwortbares Handeln, als man es sich nach 1945 eingestehen wollte. Zum anderen führen die editierten Auszüge aus dem Emigrations-Sammelbuch "Freie Wissenschaft" den leidvollen Weggang jener Wissenschaftler vor Augen, die von der Alma Mater Jenensis vertrieben wurden. Zu ihnen gehörte der Jenaer Entwicklungsbiologe Julius Schaxel, dem der Dekan der Philosophischen Fakultät am 13. Dezember 1934 zudem die Doktorwürde entzog. Der seit 1924 in den USA arbeitende Genetiker Walter Landauer protestierte gegen diesen Schritt. Zugleich hinterfragte er, dass Schaxel "einstimmig" aus der Deutschen Gesellschaft für Vererbungswissenschaft ausgeschlossen worden war. Sachlich und systematisch argumentierend klagte er gegenüber einem renommierten Jenaer Kollegen wissenschaftsethische Grundnormen ein, die unter den Naturwissenschaftlern der "Salana" nicht mehr viel galten.

Eine andere Quellengruppe belegt das Zusammenwirken der Jenaer Universität mit einem "Nationalsozialistischen Musterbetrieb" in Suhl. "Netzwerke zwischen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft sind keine Erfindung unserer Tage", sagt Rüdiger Stutz. Die Suhler Waffenwerke bildeten den Kern der "Nationalsozialistischen Industriestiftung Gustloff-Werke" in Weimar, die auf der Aneignung jüdischen Eigentums beruhte. Hier absolvierten Studenten Betriebspraktika - eine Neuerung, die über die NS-Zeit hinauswies.

Die Dokumente folgen einer thematischen und chronologischen Ordnung. Den Auftakt markiert ein Bericht über die Universität vom 14. Januar 1933, den Schlusspunkt setzt ein Schreiben des Thüringischen Ministeriums für Volksbildung vom 7. März 1945. Es bilanziert die ersten größeren Bombenschäden an den Gebäuden der Universität. Ein kurzer Bildteil und das Personenverzeichnis schließen den Band ab.


Wege der Wissenschaft im Nationalsozialismus. Dokumente zur Universität Jena, 1933-1945, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2007, 314 Seiten, Preis: 35 Euro, ISBN: 978-3-515-09006-3

Kontakt:
Dr. Rüdiger Stutz
Sonderforschungsbereich 580 "Gesellschaftliche Entwicklung nach dem Systemumbruch" an der Universität Jena
Bachstraße 18, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945063
E-Mail: ruediger.stutz[at]uni-jena.de
Weitere Informationen: http://www.uni-jena.de
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