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150. Geburtstag des vielseitigen Denkers Georg Simmel

27.02.2008 - (idw) Universität Bielefeld

Gesamtausgabe steht vor dem Abschluss

Am 1. März 1858 wurde Georg Simmel geboren, einer der international renommiertesten Geisteswissenschaftler des Wilhelminischen Deutschlands. Wegweisend wurden seine Abhandlungen zur Soziologie und zur Kulturwissenschaft, zur Geschichts- und zur Sozialphilosophie, zur Religions- und zur Literaturwissenschaft, zur Ästhetik und - selbstverständlich - zur eigentlichen Philosophie. Die überraschende thematische Breite seines ¼uvres wird erst jetzt mit seiner kritischen Gesamtausgabe transparent, die von dem Bielefelder Soziologen Prof. Dr. Otthein Rammstedt herausgegeben wird. Simmel zu lesen bestätigt immer wieder aufs Neue, was schon Zeitgenossen über ihn anmerkten: Dass seine Überlegungen und Gedanken brillant sind, stets sensibel, tiefschürfend und anregend - und das selbst dort, wo er irrt.

Simmels ¼uvre umfasst 25 Monographien, die alle zu seinen Lebzeiten mehrere Auflagen erlebten, und circa 270 Aufsätze und Abhandlungen. Seine wohl wichtigsten Veröffentlichungen sind die 'Philosophie des Geldes' von 1900, die 'Soziologie' von 1908, die 'Hauptprobleme der Philosophie' von 1910, die 'Philosophische Kultur' von 1911, 'Goethe' von 1913, 'Rembrandt' von 1916, 'Grundfragen der Soziologie' von 1917 und schließlich seine 'Lebensanschauung' von 1918. Schon zu Lebzeiten wurden viele seiner Veröffentlichungen ins Russische, Französische und Englische übersetzt. 1933 landeten Simmels Schriften bei der Bücherverbrennung der Nazis im Feuer.

Seit 1982 bemühte sich eine Arbeitsgruppe um Otthein Rammstedt an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld um die Sammlung der weltweit verstreuten Schriften Simmels, um diese der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Von der auf 24 Bände angelegten kritischen Georg Simmel-Gesamtausgabe sind seit 1989 bis jetzt 22 Bände von Rammstedt beim Suhrkamp-Verlag in Frankfurt am Main herausgegeben worden, ergänzt um die seit 1990 erscheinende Zeitschrift 'Simmel Studies'. Das in Bielefeld zusammengetragene Material im 'Georg Simmel-Archiv' steht allen Interessenten zu weiteren Forschungen zur Verfügung. Aus Anlass des 150. Geburtstages findet im kommenden Sommersemester an der Universität Bielefeld eine Vortragsreihe mit namhaften Simmel-Experten statt.

Georg Simmel wurde als siebtes Kind einer assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie in Berlin geboren. 1874, nach dem Tode des Vaters, eines Confiseurwarenhändlers, wurde der angeheiratete Schwager und Musikverleger Julius Friedländer Simmels Pate, der ihm Studium und die Anfangszeit der akademischen Karriere ermöglichte. Simmel studierte Geschichte, Philosophie und Ethnologie/Völkerpsychologie in Berlin, promovierte 1881 und habilitierte sich 1883/84. Anschließend schloss er sich der naturalistischen Bewegung an und bewegte sich in den Kreisen um den berühmten Ökonomen Gustav Schmoller, der Zeit seines Lebens als sein Mentor fungierte. 1890 heiratete Simmel die arrivierte Porträtmalerin Gertrud Kinel, die 74-jährig 1938 aus dem Leben schied, um kein Hinderungsgrund für die Emigration der Familie des einzigen, 1891 geborenen Kindes Hans zu sein. Dieser wurde Professor für innere Medizin und starb 1943 in den USA an den Folgen seiner Verschleppung ins Konzentrationslager Dachau. Simmel blieb 16 Jahre Privatdozent, erlangte jedoch durch die Publikation seiner ersten fünf Monographien schon hohes internationales Ansehen. 1900 wurde ihm eine außerordentliche Professur zuerkannt, jedoch ohne jedes Gehalt. 1908 hintertrieb eine antisemitische Stellungnahme gegen Simmel eine Berufung nach Heidelberg. 1908/09 konstituierte er die 'Deutsche Gesellschaft für Soziologie' und war seit 1910 Herausgeber der kulturphilosophischen Zeitschrift LOGOS. Erst als 56-jähriger erlangte er 1914 eine ordentliche Professur für Philosophie und Pädagogik in Straßburg/Elsass. 1918 starb er kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs.


Kontakt:
Prof. Dr. Otthein Rammstedt
Universität Bielefeld
Fakultät für Soziologie
Tel.: 0521/100095

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