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Forschen im Auftrag der Sprachenvielfalt

18.04.2008 - (idw) VolkswagenStiftung

3,2 Millionen Euro für acht Vorhaben zur Dokumentation bedrohter Sprachen und für das Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen. Die VolkswagenStiftung unterstützt mit rund 3,2 Millionen Euro acht weitere Projekte (ausführlichere Informationen zu zwei der bewilligten Projekte finden Sie im Folgenden) und ein Multimedia-Datenbank-Projekt in ihrer Initiative zur "Dokumentation bedrohter Sprachen" (DoBeS). Diese Förderinitiative hat zum einen das Ziel, sowohl die Wissenschaft als auch die Öffentlichkeit für die Problematik "aussterbender Sprachen" zu sensibilisieren. Vor allem aber geht es darum, die in ihrer Existenz bedrohten Sprachkulturen so weit aufzuzeichnen, dass spätere Generationen von Linguisten anhand des dokumentierten Materials noch die ganze Sprache beschreiben können. So soll zumindest verhindert werden, dass Sprachen verschwinden, ohne im kulturellen Gedächtnis der Welt eine Spur zu hinterlassen.

Auch künftig unterstützt die Stiftung am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen das Multimedia-Datenbank-Projekt des DoBeS-Archivs - und zwar mit rund 1,2 Millionen Euro für die nächsten fünf Jahre. Das Archiv ist die Schnittstelle aller Projekte und insofern das technische Herzstück der Initiative. Hier laufen alle Daten zusammen, werden bearbeitet und auf digitale Speicherstrukturen übertragen. Drei Komponenten machen das Datenbank-Projekt aus: Archivaufbau, Softwareentwicklung und Projektunterstützung.

Das Archiv umfasst derzeit viele annotierte Audio- und Video-Aufnahmen von rund 60 im Rahmen der Initiative dokumentierten Sprachen. Integriert sind zudem 17 Lexika, zahlreiche Fotos und Textdokumente wie Feldnotizen und Grammatiken. Weitere Daten warten bereits auf ihre Bearbeitung. Dabei gilt es vor allem sicherzustellen, dass die Daten auch in Jahrzehnten noch für Benutzer zugänglich sind. So muss das Archiv zurzeit aufgrund der technologischen Innovation um neue Formate für die gespeicherten Video-Materialien ergänzt werden. Die Softwareentwicklung stellt eine Gesamtarchitektur dar, die elektronische Daten von ihrer Aufnahme über die Bearbeitung bis zur Archivspeicherung und Wiederabfrage durch Suchsysteme komplett abbildet. Alle Software-Tools, sei es zur Sprachannotation oder Darstellung von Syntax-Strukturbäumen, sind dabei "open sources" - und somit Wissenschaftlern frei über das Internet zugänglich.

Die dritte Säule, das Projektmanagement und die Projektunterstützung, umfasst vor allem jährliche Trainingskurse für Bearbeiter neu bewilligter Projekte. Jedes Team wird zudem bei seinen konkreten Problemen wie der Software-Installation oder der Digitalisierung unterstützt. Auch wurden für alle Nutzer Handbücher geschrieben.

Kontakt
Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, Nijmegen
Peter Wittenburg
Telefon: 0031 24 3521113
E-Mail: peter.wittenburg@mpi.nl

Zudem wurden unter anderem folgende Dokumentationsprojekte bewilligt:

1.) 300.000 Euro für das Vorhaben "Establishing sustainable local structures for the documentation of endangered languages in Indonesian Papua: Documenting Woi" von Dr. Alexander Loch vom Institut für Allgemeine Sprachwissenschaft der Universität Münster - in Zusammenarbeit mit Professor Dr. Nikolaus Himmelmann, ebenda, und Yusuf Willem Sawaki von der Universitas Negri Papua in Manokwari, Indonesien;

2.) 296.800 Euro für das Vorhaben "Documentation of the dialectal and cultural diversity among ?vens in Siberia" von Dr. Brigitte Pakendorf vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig - in Zusammenarbeit mit Dr. Dejan Mati?, ebenda, Dr. Vasilij Robbek, Direktor des Institute of Indigenous Peoples of the North in Yakutsk, Russland, sowie Katharina Gernet vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle.

--- Informationen zu diesen Vorhaben folgen; außerdem im Anschluss ein Überblick der weiteren bewilligten Sprachdokumentationsprojekte.

Zu 1. Dokumentation des Woi in West-Neuguinea

Das deutsch-indonesische Forscherteam dieses Dokumentationsprojekts beschäftigt sich mit der stark bedrohten Sprache Woi, die auf der Insel Yapen in West-Neuguinea gesprochen wird. In West-Neuguinea, das politisch zu Indonesien gehört, werden 270 Sprachen von rund 2,2 Millionen Einwohnern gesprochen - damit bildet es mit dem angrenzenden Papua Neuguinea die Region der Welt, in der sich derzeit die größte sprachliche Vielfalt findet. Bedroht werden die Sprachen gegenwärtig von zwei Seiten: Zum einen setzt die Einwanderung anderer Sprechergemeinschaften den Gemeinschaften vor Ort zu; zum anderen verlieren diese durch schulbesuchs- oder berufsbedingte Auswanderung massiv an Mitgliedern. Was die Situation auf der Insel Yapen zusätzlich erschwert: Internationale Holz- und Bergbaukonzerne beuten die natürlichen Ressourcen der Insel seit kurzem im starken Maße aus: So wird zurzeit auf der kleinen Insel ein überdimensional großer Flughafen gebaut.

Das Woi wird heute schätzungsweise nur noch von 300 bis 600 Personen aktiv gesprochen; das entspricht rund zehn bis 20 Prozent der ethnischen Woi-Bevölkerung. Außer einer vergleichenden Wörterliste aus dem Jahr 1961 gibt es bislang keine Dokumentation dieser austronesischen Sprache. Neben den linguistischen Eigentümlichkeiten des Woi wollen die Wissenschaftler auch kulturelle Besonderheiten festhalten: So findet sich bei den Woi und benachbarten ethnischen Gemeinschaften zum Beispiel eine besondere Form der Konfliktlösung mit ritualisierten Dialogen und dem symbolischen Zerbrechen von Bambusstöcken. Auch eine ganze Bandbreite von Alltagssituationen wird in den Datenkorpus aufgenommen, der bis zu 100 Stunden Audio- und Videoaufnahmen umfassen soll. Um die Sprachdokumentation in der Region nachhaltig zu stützen, will das Team auf der Insel Yapen ein lokales Dokumentationszentrum unter der Leitung eines Muttersprachlers aufbauen. Zudem soll an der Universität in Manokwari ein regionales Dokumentationszentrum gegründet werden. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass das methodische Wissen - ganz im Sinne eines "capacity building" - auch in der Region selbst verankert wird.

Kontakte zu Projekt 1:

Universität Münster
Institut für Allgemeine Sprachwissenschaft
Dr. Alexander Loch
E-Mail post@alexander-loch.de

Prof. Dr. Nikolaus Himmelmann
Telefon: 0251 83 24491
E-Mail post@alexander-loch.de

Zu 2. Dem Ewenischen in Sibirien auf der Spur

Dieses deutsch-russische Dokumentationsvorhaben nimmt sich eine Sprache vor, die zwar in einem riesigen Gebiet Russlands - von Jakutien im nordöstlichen Sibirien bis zur Kamtschatka-Halbinsel - verbreitet ist, aber nur noch von einer kleinen Gemeinschaft gesprochen wird: das Ewenische. Durch die große geografische Verbreitung hat das Ewenische mehrere Dialekte ausgebildet. So kommt es, dass sich manche Ewenen - traditionell nomadische Jäger und Rentierzüchter - kaum untereinander verständigen können.

Wie die meisten Minoritätensprachen der Sowjetunion wurde die ewenische Sprache in den 1930er Jahren offiziell standardisiert. Dieses Standard-Ewenische - auf der Basis eines bestimmten Dialekts definiert - hat sich allerdings nicht im alltäglichen Sprachgebrauch bei allen regionalen Gruppen durchgesetzt, obwohl es offizielle Unterrichtssprache ist. Das interdisziplinäre Forscherteam möchte nun die Sprache und Kultur von drei verschiedenen Gruppen von Ewenen dokumentieren:

o den Dialekt im Dorf Sebjan-Küöl in Jakutien, der zur westlichen Dialektgruppe gehört;
o den Dialekt im Dorf Topolinoe, ebenfalls in Jakution, der zur zentralen Dialektgruppe zählt, und
o den Dialekt im Bystraja-Distrikt auf Kamtschatka, der zur östlichen Dialektgruppe gehört.

Ziel ist die Erstellung eines Korpus' unterschiedlicher sprachlicher Quellen - darunter narrative Erzählungen, Interviews und Vokabelsammlungen - rund um das Thema Rentierhaltung. Denn das Rentier spielt in der ewenischen Kultur und ethnischen Selbstwahrnehmung eine zentrale Rolle. Zum Forscherteam gehört mit Dr. Vasilij Robbek auch ein Muttersprachler des Ewenischen. Geplant ist darüber hinaus, Linguisten vor Ort zur Unterstützung des Projektes in digitale Dokumentationstechniken einzuweisen.

Kontakte zu Projekt 2:

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Dr. Brigitte Pakendorf
Telefon: 0341 3550 308
E-Mail: pakendorf@eva.mpg.de

Dr. Dejan Mati?
E-Mail: dejan_matic@eva.mpg.de

Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, Halle
Katharina Gernet
Telefon: 0345 29270
E-Mail: katharina.gernet@eth.mpg.de

Des Weiteren wurden in der Förderinitiative "Dokumentation bedrohter Sprachen" folgende sechs Vorhaben auf den Weg gebracht:

3.) 296.500 Euro für das Vorhaben "Aché Documentation Project" von Professor Dr. Jost Gippert und Dr. Sebastian Drude vom Institut für Vergleichende Sprachwissenschaft, Phonetik und Slavische Philologie der Universität Frankfurt am Main;

Kontakt
Dr. Sebastian Drude
Telefon: 069 798 25054
E-Mail: sebastian.drude@fu-berlin.de

4.) 164.100 Euro für das Vorhaben "Tongues of the Semang, Phase II: documenting endangered languages and human-forest relationships among foragers of the Malay Peninsula" von Dr. Niclas Henric Burenhult und Professor Dr. Stephen C. Levinson vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen;

Kontakt
Dr. Niclas Henric Burenhult
Telefon: 0031 24 3521 270
E-Mail: niclas.burenhult@mpi.nl

5.) 299.500 Euro für das Vorhaben "The documentation of Baure, a language of the Bolivian Amazonia" von Professor Dr. Balthasar Bickel vom Institut für Linguistik der Universität Leipzig gemeinsam mit Privatdozent Dr. Andreas Brockmann vom Institut für Ethnologie der Universität Leipzig;

Kontakt
Prof. Dr. Balthasar Bickel
Telefon: 0341 97 37610
E-Mail: bickel@uni-leipzig.de

6.) 150.000 Euro für das Vorhaben "Minderico: An Endangered Language in Portugal" von Professor Dr. Wolfgang Schulze vom Institut für Allgemeine und Typologische Sprachwissenschaft der Universität München gemeinsam mit Privatdozentin Dr. Annette Endruschat vom Institut für Romanische Philologie der Universität München;

Kontakt
Dr. Erik van Gijn
Telefon: 0031 24 3521 566
E-Mail: rik.vangijn@mpi.nl

7.) 290.400 Euro für das Vorhaben "The documentation of Yurakaré (Weiterführung)" von Dr. Erik van Gijn, Dr. Vincent Hirtzel und Sonja Gipper vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen;

Kontakt
Dr. Dagmar Jung
Telefon: 0221 470 1771
E-Mail: djung@uni-koeln.de

8.) 300.000 Euro für das Vorhaben "Real places and virtual representation - Beaver language documentation (Weiterführung)" von Dr. Dagmar Jung vom Institut für Linguistik der Universität Köln.

Kontakt zu Projekt 8:
Prof. Dr. Wolfgang Schulze
Telefon: 089 2180 5343
E-Mail: W.Schulze@lrz.uni-muenchen.de

Kontakt


VolkswagenStiftung
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Christian Jung
Telefon: 0511 8381 - 380
E-Mail: jung@volkswagenstiftung.de

Kontakt
VolkswagenStiftung
Förderinitiative Dokumentation bedrohter Sprachen
Dr. Vera Szöllösi-Brenig
Telefon: 05 11 8381 218
E-Mail: szoelloesi@volkswagenstiftung.de

Der Text der Presseinformation steht im Internet zur Verfügung unter http://www.volkswagenstiftung.de/service/presse.html?datum=20080418.

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