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Vom IBP zum IPB: Institut am Weinberg feiert 50-jähriges Jubiläum

23.04.2008 - (idw) Institut für Pflanzenbiochemie

Am 1. Januar 1958 wurde in Halle an der Saale das Institut für Biochemie der Pflanzen (IBP) der damaligen Akademie der Wissenschaften der DDR gegründet, aus dem im Januar 1992 das Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie (IPB) hervorging. Das Institut wird sein 50-jähriges Bestehen mit einem Festakt begehen, zu dem wir alle Vertreter der Medien herzlich einladen. Das Festkolloquium findet statt:

am 7. Mai

um 13.00 Uhr

im Kurt-Mothes-Saal des IPB

am Weinberg 3 in Halle

Neben ehemaligen Mitarbeitern sind hochrangige Vertreter aus Wissenschaft und Politik geladen, die das Institut durch den Wandel der Zeiten vor und nach der Wende begleitet haben. Zum offiziellen Festakt sind wissenschaftliche Vorträge sowie ein Abriss zur Geschichte geplant. Über die Zeit bis zur Neugründung des Instituts (1992) spricht Gründungsdirektor und ehemaliger Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina Benno Parthier. Den zweiten Part mit Ausblick in die Zukunft übernimmt Dierk Scheel, ehemaliger Geschäftsführender Direktor des IPB. Im Anschluss an die offizielle Feier wird man den Tag mit einem geselligen Beisammensein im Foyer ausklingen lassen.

Weitere Informationen zur Festveranstaltung finden Sie unter http://www.ipb-halle.de/?id=601 .

Anlässlich des Jubiläums wird das IPB eine Festschrift zur Geschichte des Instituts herausgeben. Neben den wissenschaftlichen Highlights aus 50 Jahren Pflanzenbiochemie am Weinberg beschreibt das Buch auch gesellschaftliche und politische Hintergründe. Es gewährt Einsicht in die damaligen Forschungsbedingungen und zeigt vor allem im Kapitel der Wendezeit auf sehr konkrete Art und Weise, wie die Eingliederung der DDR-Forschungslandschaft in die bereits bestehende Struktur der alten Bundesländer vonstatten ging. Das Buch trägt den Titel: Vom IBP zum IPB - 50 Jahre Pflanzenbiochemie in Halle. Es kann in der Presseabteilung des Institutes bestellt werden.

Ansprechpartner: Sylvia Pieplow
Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: 0345 5582 1110
spieplow@ipb-halle.de

Zur Geschichte des Instituts
Das Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie
ist eine außeruniversitäre Forschungsstätte der Leibniz-Gemeinschaft. Als Institut für Biochemie der Pflanzen wurde es 1958 im Auftrag der Akademie der Wissenschaften der DDR von Professor Kurt Mothes gegründet. Unter seiner Leitung entstand nicht nur die räumliche Hülle der Forschungsstätte auf dem Campus, er sorgte vor allem dafür, dass sie mit wissenschaftlichen Inhalten gefüllt wurde, die dem Institut schon damals zu einem internationalen Ruf auf dem Gebiet der Pflanzenbiochemie verhalf. Der 1963 von ihm eingerichtete und geleitete Lehrstuhl für Biochemie der Pflanzen an der Hallenser Universität war der erste seiner Art in ganz Deutschland. Zur Bearbeitung der aktuellen Fragen holte Mothes Experten aus allen relevanten Fachgebieten ans Institut: Biologen, Chemiker, Biochemiker und Pharmazeuten. Mit diesem interdisziplinären Ansatz, das Spezialwissen aus verschiedenen Richtungen unter einem Dach zu vereinen und den Synergieeffekt der räumlichen Nähe auszunutzen, war Mothes seiner Zeit weit voraus. Aus dem reaktiven Gebräu der aufeinandertreffenden Ideen und Forschungsansätze erwuchs eine besondere Eigendynamik und Kreativität, die er als geistiger Führer geschickt in gezielte Bahnen zu lenken verstand.

Als ausgebildeter Apotheker und studierter Pharmazeut etablierte er zunächst Projekte, die die Erforschung der Biochemie ausgesuchter Naturstoffe aus Heil- und Giftpflanzen zum Ziel hatten. So untersuchte man am Institut die Biosynthese vieler bekannter und einiger pharmazeutisch bedeutsamer Alkaloide wie Morphin, Atropin, Nikotin, Kokain und die der Mutterkornalkaloide. Eines der bekanntesten Hallenser Projekte in den 60-er Jahren war die Suche nach dem rauschgiftfreien Mohn, das bei den Vereinten Nationen so großes Interesse weckte, dass sie zur Sammlung der Ergebnisse eine koordinierende Arbeitsgruppe einrichtete. Ungewöhnlich und über die Grenzen des Landes bekannt waren auch seine Verjüngungsexperimente an abgeschnittenen Tabakblättern, die zur Charakterisierung des Cytokinins führten, eines damals neu entdeckten Phytohormons. Als Präsident der Hallenser Akademie der Naturforscher Leopoldina nutzte Mothes seine exponierte Stellung nicht nur, um gesellschaftlichen und bildungspolitischen Missstände in der DDR öffentlich zu benennen, er sorgte auch dafür, dass sein Institut eine herausragende Stellung in der ostdeutschen Forschungslandschaft einnahm. Das galt vor allem für die hier erzielten Ergebnisse, aber auch für die Ausstattung des IBP an Fachliteratur und modernster Analysetechnik.

1967 wurde Mothes als Direktor des Instituts und Lehrstuhlinhaber der Martin-Luther-Universität entpflichtet. Sein Nachfolger Klaus Schreiber leitete das Institut von 1968 bis 1989. Die Zeit unter seinem Direktorat war geprägt durch eine zunehmend stärkere politische Einmischung von Seiten des Staates in die Belange der Wissenschaft. Neben politischen Repressalien, mit denen der Staat das Treiben der allzu selbständig denkenden Wissenschaftler zu steuern suchte, wurden auch die Forschungsthemen vorgeschrieben. Mehr und mehr sollten die wissenschaftlichen Einrichtungen ins Korsett der wirtschaftlichen Nützlichkeit gezwängt werden, indem man von ihnen die Aufstellung und Einhaltung von Mehrjahresplänen, wie sie in der Volkswirtschaft üblich waren, forderte. So wurde am Institut mit Beginn der 70-er Jahre verstärkt anwendungsorientierte Forschung durchgeführt. Die Suche nach neuen natürlich vorkommenden oder synthetisch hergestellten Substanzen zur Steigerung der Ernteerträge oder zur effektiveren Unkraut- und Schädlingsbekämpfung sollte fortan zum Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeit am Institut erklärt werden. Neben den praxisrelevanten Themen zu Herbiziden, Fungiziden und Halmstabilisatoren forschte man dennoch weiterhin grundlagenorientiert an allen bekannten klassischen Phytohormonen, an Stressabwehr und Naturstoffsynthese und einigen interessanten Fragestellungen zu pflanzlichen Wachstums- und Differenzierungsprozesse.

Als studierter Chemiker sorgte Schreiber zudem für eine Intensivierung der chemischen Forschungsthemen im Haus. Mit der Einbeziehung der Naturstoffchemie in die allgemeinen biologischen Fragestellungen schärfte Schreiber das Profil des Institutes und gab ihm letztendlich sein Gesicht. Noch heute gelten die enge Verzahnung von biologischen und chemischen Themen, die Vorteile des Wissens- und Methodentransfers zwischen verschiedenen Expertenkreisen und die Nutzung modernster chemischer Analyseverfahren und Rechentechnik zur Bearbeitung von biologischen Fragestellungen als Alleinstellungsmerkmale des Instituts in der deutschen Forschungslandschaft.

In Benno Parthier fand das Institut von 1990 bis 1997 eine weitere starke Führungspersönlichkeit, die das Institut mit großer Beharrlichkeit und sehr geschickt durch die Wirren der Wende und die administrativen Herausforderungen der neuen Zeit steuerte. Unter seiner Leitung wurde das Institut für Biochemie der Pflanzen (IBP) 1991 gemäß Artikel 38 des Einigungsvertrages vom Wissenschaftsrat evaluiert und am 1. Januar 1992 als Institut für Pflanzenbiochemie (IPB) neu gegründet. Laut Empfehlungen des Wissenschaftsrates wurde es in die Arbeitsgemeinschaft Blaue Liste aufgenommen, welche sich später in die Leibniz-Gemeinschaft umbenannte. Als Präsident der Leopoldina und Mitglied der deutsch-deutschen Kommission des Wissenschaftsrates hat sich Parthier zudem in ganz Deutschland um die Herstellung eines gesamtdeutschen Forschungsraumes und die erfolgreiche Vereinigung unterschiedlicher Wissenschaftssysteme verdient gemacht. Für diese Leistung erhielt Benno Parthier 1997 das Bundesverdienstkreuz und im November 2007 den erstmals verliehenen Hans-Olaf-Henkel-Preis für Wissenschaftspolitik der Leibniz-Gemeinschaft.

Seit November 2007 liegen die Geschicke des Instituts für die nächsten zwei Jahre in den Händen von Dieter Strack, der den Posten des Geschäftsführenden Direktors in der Nachfolge von Dierk Scheel antrat. Heute gehört das IPB zu den renommiertesten wissenschaftlichen Instituten Deutschlands. Das Forschungsprofil des Instituts ist in seiner Multidisziplinarität weltweit einzigartig. Das breitgefächerte Methodenspektrum reicht von der Chemie bis zur Genetik. Besonders deutlich spiegelt sich das hohe Forschungsniveau am IPB in der Publikationsleistung wider. Von 1992 bis 2007 sind von Wissenschaftlern des IPB insgesamt 100 Buchkapitel und 1015 Publikationen, darunter viele in hochrangigen Fachjournalen erschienen. Zurzeit sind am IPB in vier verschiedenen wissenschaftlichen Abteilungen etwa 170 Mitarbeiter, darunter 90 Wissenschaftler beschäftigt.

Was heißt Biochemie der Pflanzen?
Pflanzen sind wie alle lebenden Organismen aus molekularen Bausteinen aufgebaut, die miteinander in Wechselwirkung treten, um die Strukturen des pflanzlichen Gewebes zu bilden und am Leben zu erhalten. Diese Wechselwirkung der Moleküle beschreibt eine Umwandlung von Stoffen in andere Stoffe - einen Stoffwechsel. Die Biochemie der Pflanzen befasst sich, als relativ junge Wissenschaft im Grenzbereich zwischen Biologie, Chemie und Physiologie, mit den molekularen Grundlagen des pflanzlichen Stoffwechsels. Alle grundlegenden Wachstums- und Entwicklungsprozesse, einschließlich der Photosynthese, werden durch den pflanzlichen Primärstoffwechsel gesteuert. Neben den Produkten des Primärstoffwechsels bilden Pflanzen eine Vielzahl von biologisch aktiven Stoffen, die es ihnen ermöglicht, mit ihrer Umwelt zu kommunizieren. Da Pflanzen an ihren Standort gebunden sind und nicht weglaufen können, müssen sie sich besonders gut an sich ändernde Umweltbedingungen anpassen. Dies tun sie auf chemischem Wege: mit der Synthese von Produkten des Sekundärstoffwechsels.

Zu den Sekundären Pflanzenstoffen gehören Vitamine, Antibiotika, Farb-, Geruchs- und Geschmacksstoffe sowie viele weitere hochpotente Wirkstoffe, darunter zahlreiche Substanzen mit ausgeprägter Giftwirkung. Man vermutet, dass die sekundären Pflanzenstoffe generell der Steigerung der allgemeinen Fittness dienen. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Fraßfeinden und Krankheitserregern. Von einigen Stoffen weiß man auch, dass sie Bestäubungsinsekten anlocken; andere schützen den pflanzlichen Organismus vor UV-Licht.

Die Zahl aller in der Natur vorkommenden pflanzlichen Sekundärstoffe ist groß. Man schätzt sie auf mindestens 200.000. Nur ein Bruchteil von ihnen ist bisher isoliert und beschrieben worden. Im chemischen Aufbau sind sie von enormer struktureller Vielfalt; ihre Synthesewege innerhalb der Pflanze sind meist komplex verzweigt und das Nachkochen einiger dieser Substanzen im Reagenzglas ist für Chemiker noch heute eine Herausforderung. Bei den meisten sekundären Pflanzenstoffen weiß man noch nicht, welchen Zweck sie für den Organismus erfüllen. Das Herausfinden der biologischen Funktion bestimmter Sekundärstoffe und ihrer Bedeutung für die Pflanze wird auch in Zukunft Heerscharen von Wissenschaftlern beschäftigen.

Die Erkenntnis, dass Myriaden von Substanzen biologische Aktivitäten besitzen, führte bei Biologen und Chemikern zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu neuen Fragestellungen und dem Drang, das feinaustarierte pflanzliche Synthesenetzwerk besser zu verstehen. Welche biochemischen und genetischen Werkzeuge machen Pflanzen zu solch leistungsfähigen Stoffproduzenten? Aus welchen Ausgangsstoffen werden mit welchen Enzymen welche Endprodukte hergestellt? Erfolgt die Synthese von Wirkstoffen generell oder wird sie bei Bedarf, z.B. in Stresssituationen, angeschaltet? Wie reagieren Pflanzen generell auf Stress? Wie wehren sie Krankheitserreger ab? Was passiert auf molekularer Ebene, wenn sie in Symbiose mit Pilzen leben? Diese und viele weitere Fragen werden am Institut für Pflanzenbiochemie genauer untersucht.

Neben diesen vielfältigen Projekten der Grundlagenforschung wurden die anwendungsorientierten Aspekte der Pflanzenbiochemie am Institut niemals vernachlässigt. So war die Suche nach neuen pflanzlichen und pilzlichen Inhaltsstoffen, die als Leitstrukturen für die Entwicklung neuer Medikamente, Antibiotika, Pflanzenschutzmittel und Kosmetika dienen können, von Anfang an ein prägender Pfeiler des hiesigen Forschungsprofils. Die Integration der Naturstoffchemie in die Bearbeitung biologischer Fragestellungen verleiht dem Institut eine hervorragende Expertise zur Verknüpfung von Genfunktionsanalyse und Stoffwechsel von Naturstoffen.


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