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Ein Kunststoff-Kissen für Karl den Kühnen

26.06.2008 - (idw) Hochschule Bochum

Vermesser der Hochschule Bochum verhelfen mittelalterlichem Kleinod zu Reise nach Bern Ein Kunststoff-Kissen für Karl den Kühnen Noch bis Ende August ist in Bern eine Ausstellung über Karl den Kühnen (1433 - 1477), einen der reichsten Fürsten Europas, zu sehen. Auf dem Höhepunkt seiner Macht um 1475 umfasste sein Herrschaftsgebiet Burgund, die Niederlande und auch Lothringen. Die Ausstellung zeigt kostbare Kunstwerke der burgundischen Hofkultur. Eines der Exponate ist die zu Lebzeiten des Burgunderherzogs angefertigte Goldfigur Karls des Kühnen, kniend auf einem Kissen aus Gold und blauer Emaille. Eine Leihgabe aus dem Lütticher Domschatz. Während die Figur problemlos die Reise von Lüttich in die Schweiz antreten konnte, war den Lütticher und Berner Kunsthistorikern der Transport des Kissens nach Bern zu heikel: Sie befürchteten, dass das nur sieben mal sieben Zentimeter kleine, aber unschätzbar wertvolle Kissen die Reise nicht unbeschadet überstehen würde. Hilfe kam von Prof. Heinz-Jürgen Przybilla und seinen studentischen Mitarbeitern vom Fachbereich Vermessung und Geoinformatik an der Hochschule Bochum.

Die Idee war, eine Kopie des wertvollen Kissens herzustellen, das exakt dieselbe Form annehmen sollte wie das Original aus dem 15. Jahrhundert. Meist wird dafür ein Silikonabdruck angefertigt und daraus dann später eine Replik gegossen. Da das Kissen Karls des Kühnen aber hochempfindlich ist - schon die kleinste Berührung kann die Emaille zum Bröckeln bringen - war eine berührungslose Messung der Reliquie notwendig. Für die Bochumer Wissenschaftler kamen nur zwei optische Messsysteme in Frage: Entweder sollte ein Streifenprojektionssystem angewandt oder ein neuartiger Messarm mit Lasersensor zum Einsatz kommen. "Wir waren uns zunächst nicht sicher, ob eine Messung des Kissens überhaupt möglich ist", sagt Heinz-Jürgen Przybilla, "eine goldene und emaillierte Oberfläche ist mit einem optischen Verfahren schwierig zu messen, weil etwa die Emaille das Licht sehr stark reflektiert, es zu Überstrahlungen kommt und die Sensorkamera die reflektierten Signale nicht mehr erfassen kann."

Für die Vermessung des Kissens reisten Heinz-Jürgen Przybilla und sein studentischer Mitarbeiter, Nicolas Kozuschek, im vergangenen Jahr zum Lütticher Domschatz. Schnell stellte sich heraus, dass die Befürchtungen der Bochumer Vermessungsingenieure nicht zutrafen - die Vermessung mit dem beweglichen Laserarm verlief problemlos und lieferte präzise Ergebnisse. Kreuzweise wurde das Kissen vom Laserarm abgetastet, eine Kamera übertrug die Daten auf einen Computer. Dabei wurde das Relief der Kissenoberfläche vom Laserstrahl erfasst. "Wir messen 60 Linien pro Sekunde, das entspricht 30000 Oberflächenpunkten", erklärt Heinz-Jürgen Przybilla. Heraus kam am Ende ein "wasserdichtes" (vollständig geschlossenes) dreidimensionales Oberflächenmodell. "Insgesamt haben wir rund zwei Millionen Punkte gemessen, die einzelnen Punkte wurden dreiecksvermascht und daraus die Oberfläche generiert", erläutert der Professor.
Diese Oberfläche existierte aber bisher nur als virtuelles Objekt auf dem Rechner. Um letztlich eine wirkliche Kopie des Kissens in den Händen halten zu können, mussten die Kollegen des Fachbereichs Mechatronik und Maschinenbau aushelfen. "Wir haben uns dort auf Basis unserer Daten ein Kunststoffmodell erstellen lassen", erklärt Przybilla. Ein wenig per Hand nachgeglättet und bearbeitet, wurde von dem fertigen Kunststoffmodell, das von der Form her nun nicht mehr vom Original zu unterscheiden ist, ein Silikonabdruck gemacht (das Negativ), um daraus die endgültige Kopie aus Messing zu erstellen. Schließlich wurde die Replik noch mit Gold überzogen, emailliert und von der Restauratorin Beatrice Pfeifer in liebevoller Kleinarbeit originalgetreu mit winzigkleinen Stanzen verziert. Seit April kniet nun Karl der Kühne auf der Kopie des Kissens im Berner Historischen Museum. Den Besuchern dürfte der "kleine Trick" bisher nicht aufgefallen sein.
Kleiner Nachtrag: Anfang dieses Jahres begann sich auch das Schweizer Fernsehen für das Kissen Karls des Kühnen im Lütticher Domschatz zu interessieren. Im Januar rückte ein Fernsehteam an und begleitete die Restauratorin Beatrice Pfeifer, die Kuratorin des Berner Historischen Museums Susan Marti, Prof. Heinz-Jürgen Przybilla und seine Mitarbeiter bei der Herstellung der Kopie des Kissens. "Die Dreharbeiten haben einen ganzen Tag gedauert", erzählt Heinz-Jürgen Przybilla, der eigens für die Fernsehproduktion noch einmal nach Lüttich reiste. Am 24. April wurde der Beitrag - der übrigens mit über sieben Minuten überdurchschnittlich lang war - in der Wissenssendung "Einstein" im Schweizer Fernsehen gezeigt.

Nach ihrer Premiere in Bern wird die Ausstellung um Karl den Kühnen übrigens ab März 2009 in Brügge zu bewundern sein.
Weitere Informationen: http://www.karlderkuehne.org/ - die Ausstellung in Bern und Brügge http://www.hochschule-bochum.de/fbv.html - der Fachbereich Vermessung und Geoinformatik der Hochschule Bochum
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