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Rückblick: Treffpunkt WissensWerte - Wenn die Krume mit dem Bauern spricht...Hightech in der Landwirtschaft der Zukunft

10.07.2008 - (idw) TSB Technologiestiftung Berlin

Traktoren säen mit Hilfe von GPS, Sensoren messen den Düngebedarf im Boden, Grüppchen von kleinen Robotern jäten selbständig Unkraut, während der Bauer in der Stube sitzt und alles per Computer überwacht. Die Landwirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Viele High-Tech-Geräte haben auf dem Acker Einzug gehalten, einiges ist aber noch Science Fiction. Welche neuen Methoden den Landwirten in Zukunft helfen können, ihre Äcker noch intelligenter zu bewirtschaften, darüber haben Agrar-Experten beim 38. Treffpunkt WissensWerte im Haus der IHK in Potsdam diskutiert. Den Mitschnitt der Veranstaltung sendet Inforadio (rbb) am Sonntag, 13.02.2008, um 09.22 Uhr. Der Bauer der Zukunft ist längst nicht mehr nur Bauer.

"Er muss sich natürlich Gedanken machen, was er anbaut, wann er erntet, welche Fruchtfolge optimal ist. Aber er muss sich auch mit den verschiedenen Computerprogrammen, mit Satellitenbildern oder Sensoren auskennen, also mit den neuen Technik- und Kommunikationssystemen, die ihm helfen, die immer komplexer werdenden Systeme zu meistern", sagt Dr. Armin Werner. Der Agraringenieur ist stellvertretender Direktor des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung in Müncheberg. Der Bauer der Zukunft braucht weitaus mehr technisches Verständnis, als nur seinen Traktor zu reparieren oder die Saat abzuwiegen, da ist sich Werner sicher.

Landwirte müssen keine IT-Experten sein

Aber auch jede noch so gute Innovation kann nur ein Hilfsmittel für den Bauern sein, meint Stefan Palme. Palme ist Landwirt und betreibt seit über zehn Jahren ein Ökolandgut in der Schorfheide. "Man kann das mit einem Autofahrer und seinem Navigationsgerät vergleichen. Wer sich nur nach den Anweisungen des Navigationsgerätes richtet, landet irgendwann im Fluss, weil das System die Fähre nicht erkennt. Wer als Bauer also nur in der Stube sitzt und von dort aus waltet, wird das nicht lange machen. Das Grundverständnis für den Ackerbau, das Handwerkszeug und die jahrelangen Erfahrungen - das wird bleiben", sagt Palme.

Satellitenaufnahmen helfen bei der Ernteplanung

Jahrelange Erfahrung und ein paar Bauernregeln reichen aber schon heute nicht mehr aus, um als Landwirt bestehen zu können. Welche Pflanze, wann, was benötigt, um optimal zu wachsen, sagt schon heute nicht mehr nur der Bauer, sondern auch der Himmel. Genauer gesagt Satelliten. "Satellitenaufnahmen können zum Beispiel mit Hilfe der Spektralanalyse genau Aufschluss darüber geben, wie es um die Pflanzenaktivität bestellt ist", sagt Wolfgang G. Biedermann. Er ist Vorstandschef der RapidEye AG mit Sitz in Brandenburg an der Havel. Das Unternehmen betreibt Erdbeobachtungssatelliten, mit denen Geo-Daten gesammelt werden.

Dies ist interessant für kartographische Unternehmen, für den Energie- und Umweltbereich, vor allem aber für die Landwirtschaft. "Mit den Satellitenaufnahmen kann man nicht nur den Zustand der Pflanze erkennen, sondern auch, um welche Pflanze es sich überhaupt handelt. Was wächst da und wie wächst es, das lässt sich anhand der Daten genau sagen", so Biedermann. Nicht nur die Vegetationsstände kann man mit den Satellitenaufnahmen erfassen, sondern auch zum Beispiel die Folgen von Hagelschäden oder anderen Naturkatastrophen. Und auch für die Erntevorhersage lassen sich die Daten verwenden. Und zwar schon sechs Wochen vor dem eigentlichen Erntebeginn.

Boden- und Pflanzenanalysen ergänzen Daten

Aber auch direkt auf dem Acker lassen sich Daten erheben. "Im Boden selbst wird die elektrische Leitfähigkeit gemessen und die sagt zum Beispiel etwas über die Bodenqualität aus. Ist die Leitfähigkeit hoch, ist auch die Qualität des Bodens hoch", sagt Dr. Detlef Ehlert. Ehlert ist Leiter der Abteilung Technik im Pflanzenbau am Leibniz-Institut für Agrartechnik Potsdam-Bornim. Gemessen wird die Bodenqualität mit einem Gerät, das ein Trecker hinter sich herzieht. 100 bis 150 Hektar lassen sich so pro Tag erfassen. "Die Messwerte werden anschließend in eine Karte übertragen und so weiß der Bauer ganz genau, wo er guten Boden und wo er weniger guten Boden hat", so Ehlert weiter. Wie gut seine Pflanzen wachsen, lässt sich ebenfalls anhand von Sensoren am Boden messen. Und zwar über die photosynthetische Aktivität der Pflanzen.

Ob die Satellitenaufnahmen zum Einsatz kommen oder eher die Bodendaten, das hängt vom Acker ab. Und vom Bauern. Vor allem aber von der Fläche, sagt Biedermann. "Mit den Satelliten lassen sich Daten von enorm großen Flächen sammeln. Und das mit großer Regelmäßigkeit, ein- bis zweimal im Monat, das hängt vom Wetter ab. Da wären die Bodenexperten ganz schön beschäftigt, um mitzuhalten zu können. Aber die Bodendaten haben dafür eine größere Genauigkeit als die Satellitendaten. Für den Landwirt ideal wäre es natürlich, beide Datensätze zusammenzubringen", erklärt Biedermann. Und es gibt eine ganze Reihe weiterer Entwicklungen in der Forschung, die aber noch nicht abgeschlossen sind. "Von der ersten Messung eines Gerätes bis zur Marktreife, das dauert zehn bis 15 Jahre", sagt Ehlert.

Precision Farming ist die Zukunft

Allen High-Tech-Entwicklungen in der Landwirtschaft gemeinsam: Sie sollen Kosten sparen, umweltfreundlicher sein und dafür sorgen, die Felder zielgenauer zu bearbeiten. Der Fachbegriff dafür lautet Precision Farming oder zu Deutsch: Präzisionslandwirtschaft. "Und da gibt es bereits eine gesamte Technologie", sagt Armin Werner. "Es gibt einfache Techniken, wo nur auf einem PDA Karten abgebildet werden können, die dem Trecker-Fahrer Empfehlungen geben. Das ist vergleichsweise kostengünstig. Dann gibt es etwas komplexere Systeme, mit Sensoren, die Aussagen über Biomasse, Menge und Nährstoffe im Pflanzenbestand machen. Und dann gibt es ganz komplexe Systeme, die zusätzlich auf Geodaten, verschiedene Karten und Bodendaten zurückgreifen und die dann durch entsprechende Software im Computer zusammengeführt werden und Anleitungen und Empfehlungen für den Landwirt ausgeben. Das ist natürlich etwas preisintensiver", so Werner.

Gerade Brandenburgs Bauern profitieren von High-Tech-Methoden

Ob sich das rechnet, muss jeder Bauer selbst entscheiden. Aber profitieren werden gerade die Landwirte im Osten von den neuen Technologien, vor allem in Brandenburg. Zum einen sind die bewirtschafteten Flächen eines Betriebes dort relativ groß. Im Westen sind es im Durchschnitt 41 Hektar, in den neuen Bundesländern 126 Hektar. Über 70 Prozent der Betriebe dort bewirtschaften 500 Hektar und mehr, im Westen sind es dagegen weniger als ein Prozent.

Zum anderen kämpfen gerade die Brandenburger Bauern mit einer bodenspezifischen Eigenheit, erklärt Ökobauer Palme. "Durch die Eiszeit sind die Böden zum Beispiel in der Uckermark sehr heterogen. Mal satt und fruchtbar, dann wieder extrem nährstoffarm und unfruchtbar. Das erschwert gerade das Düngen." Auch ein Ökobauer muss düngen, erklärt Palme. Nicht synthetisch, sondern natürlich. Vor allem Kalium, Phosphor und Stickstoff. "Bis vor ein paar Jahren wurde die komplette Fläche einheitlich gedüngt, obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre. Mit den Daten und Erkenntnissen die man heute hat, kann man teilspezifisch düngen. Das heißt, man spart Dünger und damit Kosten." Hier fehlen Palme selber aber noch die Erfahrungswerte. Die wird er wahrscheinlich in zwei bis drei Jahren haben, sagt er.

Trecker per GPS zentimetergenau steuern

Was sich für Palme bereits rechnet, ist das Parallelfahrsystem mittels GPS. Nicht mehr das Auge des Treckerfahrers gibt auf dem Acker die Gerade vor, sondern ein GPS-Gerät. Vorteil: "Der Treckerfahrer muss nicht mehr so extrem überlappend fahren um die gesamte Fläche zu bearbeiten, sondern nur noch zwei bis drei Zentimeter. Das spart nicht nur Arbeitszeit, sondern auch Treibstoff und Arbeitskraft", erklärt Agraringenieur Werner. Nicht nur die Saat, auch Pflanzenschutzmittel oder Dünger lassen sich so zielgenau ausbringen.

Inkompatibilität der Geräte macht Probleme

Bei allen Vorteilen der High-Tech-Entwicklungen: Gerade mal acht Prozent der Bauern in Deutschland wenden die neuen Methoden und Geräte bereits an, so Werner. "In anderen Ländern Europas sieht es nicht viel besser aus. In den USA dagegen nutzen 50 Prozent der Landwirte die neue Technik." Dort ist man in einem Punkt bereits weiter: Die Systeme und Geräte der verschiedene Anbieter und Hersteller lassen sich vernetzen. In Deutschland oft noch nicht. "Jeder Anbieter hat sein eigenes System. Will man alles nutzen, ist der Traktor mit Terminals, Geräten und Monitoren zugestellt und man kann nicht mehr aus dem Fenster schauen", erklärt Palme aus eigener Erfahrung das Problem.
"Jeder arbeitet für sich", bringt es Ehlert auf den Punkt. "Ein Miteinander gibt es nicht. Dieser Prozess hat den Erfolg bislang stark gebremst. Aber hier soll jetzt eine einheitliche ISO-Norm helfen, die verschiedenen Geräte zusammenzubringen. Die nächsten Jahre werden zeigen, wie die Standardisierung Einzug in die Praxis hält", sagt Ehlert.

Nicht Ertrag wird steigen, sondern Effektivität

Vom Erfolg der neuen High-Tech-Entwicklungen sind die Agrarexperten aber schon jetzt überzeugt. Falsche Hoffnungen sollte sich allerdings niemand machen. "Große Ertragssteigerungen wird es nicht geben. Lediglich um ein bis zwei Prozent", sagt Ehlert. "Das kann gar nicht gehen, solange der Wechsel zwischen Starkregen- und extremen Dürreperioden weiter so anhält", führt Ökobauer Palme weiter. Was aber steigen wird, ist die Wirksamkeit, sagt Ehlert. "Das, was man mit den neuen Technologien erreichen kann, ist ein Effektivitätszuwachs von zehn bis 15 Prozent."

Und noch eins wird sich wandeln: das Berufsbild des Landwirts. "Das Vorurteil vom dummen Bauern, der auf seiner Scholle hockt, wird verschwinden", ist sich Armin Werner sicher. In Zukunft wird ein Bauer Landwirt, Unternehmer und ein bisschen auch IT-Experte zugleich sein müssen, um bestehen zu können .

Kristin Krüger

Podiumsgäste

* Wolfgang G. Biedermann, Vorstand RapidEye AG, Brandenburg an der Havel
http://www.rapideye.de
* Dr. Detlef Ehlert, Abteilungsleiter Technik im Pflanzenbau, Leibniz-Institut für Agrartechnik Potsdam-Bornim e.V. (ATB)
http://www.atb-potsdam.de
* Stefan Palme, Geschäftsführer Gut Wilmersdorf GbR
http://www.gutwilmersdorf.de
* Dr. agr. Armin Werner, Leiter des Instituts für Landnutzungssysteme, 2. Stellvertretender Direktor Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V., Müncheberg
http://www.zalf.de

Moderation
Thomas Prinzler, Wissenschaftsredaktion Inforadio (rbb)

Der Treffpunkt WissensWerte ist eine Veranstaltung der TSB Technologiestiftung Berlin, Inforadio (rbb) und der Technologie Stiftung Brandenburg. Sie wird mitgeschnitten und im Programm von Inforadio rbb 93,1 gesendet.

Den Mitschnitt der Veranstaltung sendet Inforadio (rbb) am Sonntag, 13.02.2008, um 09.22 Uhr.

Links zum Thema:

Allgemein

* Planet wissen: Hightech-Anbau
http://www.planet-wissen.de/pw/Artikel,,,,,,,B792197F18C42264E034080009B14B8F,,,,,,,,,,,,,,,.html
* Novo-Magazin: Angst wollen Seele essen?
http://www.novo-magazin.de/63/novo6320.htm
* ARD Mediathek: Mit 350 PS in die Zukunft - Hightech für die Landwirtschaft
http://ardmediathek.de/ard/servlet/content/67008
* Welt Online: Hightech Landwirtschaft. Gewächshäuser so hoch wie Wolkenkratzer
http://www.welt.de/wissenschaft/article2000995/Gewaechshaeuser_so_hoch_wie_Wolkenkratzer.html?nr=1&pbpnr=0
* Spiegel Online: Landwirtschaft der Zukunft. Wenn Wolkenkratzer Bauernhöfe werden
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,550832,00.html
* Spiegel Online: Landwirtschaft. Im Zickzack durch den Mais
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,562963,00.html
* Deutschlandradio: Elektro-Ernte durch Feldroboter
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/wib/364562/

Precision Farming / Präzisionslandwirtschaft

* Innovations Report: Keine deutsche Landwirtschaft ohne Precision Farming
http://www.innovations-report.de/html/berichte/agrar_forstwissenschaften/bericht-101349.html
* Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Sensoren für die Präzisionslandwirtschaft
http://www.bmelv-forschung.de/fileadmin/sites/FR-Texte/2004/08_11_Bericht_Sensor.pdf
* Deutschlandradio: Elektro-Ernte durch Feldroboter
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/wib/364562/
* Focus online: Traktoren. Mit dem Joystick durch den Acker

http://www.focus.de/auto/neuwagen/traktoren-mit-dem-joystick-durch-den-acker_aid_184764.html
* Wikipedia: Precision Farming
http://de.wikipedia.org/wiki/Precision_Farming
* Das Erste: Precision Farming
http://www.daserste.de/wwiewissen/beitrag_dyn~uid,sbjtws3ozpwqnq4c~cm.asp

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