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Chancen, Fouls und Abseitsfallen: Migrantenkinder haben es im Fußball schwerer

01.05.2003 - (idw) Universität Mannheim

Mannheimer Sozialwissenschaftler Dr. Frank Kalter untersucht die Aufstiegschancen von Migranten im deutschen Fußball / Trotz guter Integrationserfolge wird im deutschen Fußball wichtiges Potenzial verschenkt

Im Sport zählt Leistung, doch nur die Leistung allein? Diese Frage beschäftigte PD Dr. Frank Kalter vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) die letzten vier Jahre. In seiner gerade erschienenen Habilitationsschrift "Chancen, Fouls und Abseitsfallen" untersucht er am Beispiel des Fußballkreises Mannheim die Situation der in Deutschland lebenden Migranten: Eingebettet in die ethnische Ungleichheitsforschung, einen der Arbeitsschwerpunkte am MZES, analysiert Kalter Aufstiegschancen und Karrierebarrieren von Einwanderern der zweiten oder dritten Generation unter "König Fußball". Eine detaillierte Spielfeldanalyse gibt Frank Kalter in seiner Antrittsvorlesung am Mittwoch, 7. Mai, um 18.00 Uhr in der Sozialwissenschaftlichen Fakultät in A 5, Raum A 411.

In den vergangenen Jahren beschäftigte sich die Wissenschaft sehr detailliert mit der Situation der Arbeitsmigranten in Deutschland und den Möglichkeiten ihrer
Integration. Gerade der Frage nach Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt für Einwanderer der zweiten und dritten Generation wurde dabei intensiv untersucht. Weitgehend außen vor blieb jedoch bislang der nicht unbeträchtliche Beitrag, den der Sport zur Assimilation der Migranten leistet - zu wenig seriös erschien vielleicht so
manchem Forscher die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Körperertüchtigung. Zu Unrecht, wie Kalters Forschungsergebnisse von den Bolzplätzen der Region
zeigen: Wird doch darin deutlich, dass selbst im leistungsbezogenen System Fußball noch so manch zusätzliche Grätsche die Karrierechancen von Spielern fremder
Nationalität erschwert.

Die Ursache dieser "ethnischen Differenz" sieht Kalter dabei in erster Linie nicht in einer bewussten Diskriminierung der Migranten seitens des Vereins oder der Trainer, sondern vielmehr in der strukturellen Bedingungen der Sportförderung in Deutschland: So setzt der sportliche Selektionsprozess schon wie der schulische in Deutschland im europäischen Vergleich sehr früh, d.h. noch im Vorschulalter, ein. Kinder von Migranten kommen jedoch meist erst über die Schule mit dem deutschen Vereinsleben in Berührung. Sie treten im Schnitt ein bis zwei Jahre später in die Clubs ein als ihre deutschen Altersgenossen. Dieser zunächst nur gering erscheinende Startnachteil macht sich bemerkbar in einem Sport, in dem sich sogar der Geburtsmonat als entscheidend für das Fortkommen der Nachwuchsspieler erweist. Zudem bremst mangelnde Einbettung in soziale Netzwerke - angefangen bei elterlichen Fahrgemeinschaften zu Training und Auswärtsspielen - die
Frühförderung der Migrantenkinder. Hinzu kommt, dass gerade im nicht-professionellen Bereich die Trainer - meist fußballbegeisterte (deutsche) Väter - ihre deutschen und nicht-deutschen Zöglinge nicht immer gleich behandeln.

Umgekehrt nehmen mit steigendem Leistungsniveau und zunehmender Professionalität der Vereinsstrukturen jedoch die Benachteiligungen, etwa messbare Diskriminierung durch Trainer, Betreuer und Mitspieler, deutlich ab. Auch der Anteil von Spielern fremder Herkunft in den höheren Ligen ist erfreulich hoch. Verglichen mit Arbeitsmarkt und Bildungssystem ist die Integration im Fußball somit in der Tat weit vorangeschritten. Trotzdem könnten die jungen Migranten in den hohen Ligen wohl noch stärker vertreten sein, wenn die beschriebenen strukturellen Startnachteile
nicht wären - letztlich eine Vergeudung von wichtigem Potenzial, die spätestens seit dem enttäuschenden Abschneiden der deutschen Elf bei der WM 1998 auch in den
Führungsetagen der Vereine und Verbände erkannt worden ist.

Die Frage, unter welchen Bedingungen Migranten die gleichen Aufstiegschancen wie den gebürtigen Deutschen ermöglicht werden können, bleibt in der Wissenschaft nicht auf die Welt des runden Leders beschränkt. Vielmehr erlauben Kalters Ergebnisse aus dem leistungsorientierten Feld des Sport die Überprüfung gängiger Thesen aus anderen Bereichen der ethnischen Ungleichheitsforschung. Auch lassen
sich daraus wichtige Prozesse ableiten, die Integration von Migranten innerhalb und außerhalb des Spielfeldes weiter zu verbessern.

PD Dr. Frank Kalter ist Research Fellow am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), einer der Top-Einrichtungen im Bereich sozial- und politikwissenschaftlicher Europa-Forschung. Alle Projekte des 1989 gegründeten Instituts zeichnen sich durch ihren Anwendungsbezug und ihre gesellschaftspolitische Relevanz aus. Das MZES ist das größte Forschungsinstitut der Universität Mannheim, die bundesweit zu den führenden Hochschulen im Bereich der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zählt.

Frank Kalter: Chancen, Fouls und Abseitsfallen. Migranten im Deutschen Ligenfußball. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003

Kontakt:

PD Dr. Frank Kalter
Universität Mannheim
Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES)
Tel. 0621/181-2819
E-Mail: fkalter@rumms.uni-mannheim.de
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