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Bankenkrise - ist das Ende der Fahnenstange erreicht?

02.10.2008 - (idw) Universität Konstanz

Im Gespräch mit Prof. Günter Franke, Lehrstuhl für Internationales Finanzmanagement an der Universität Konstanz

Am heutigen Donnerstag, 2. Oktober, beginnt in Konstanz im Restaurant "Konzil" die zweitägige "Internationale Konferenz Preis-, Liquiditäts- und Kreditrisiken". Ein wichtiges Thema wird die weltweite Bankenkrise sein. Konferenzorganisator ist Prof. Dr. Dr. h.c. Günter Franke, Inhaber des Lehrstuhls für Internationales Finanzmanagement an der Universität Konstanz. "Im Gespräch" hat ihn zur Wirtschaftskrise, die die Menschen weltweit umtreibt, befragt. Herr Professor Franke, wie schätzen Sie den Umfang der derzeitigen Krise ein?

Ich habe in meinem langen Berufsleben eine solche Krise noch nicht erlebt. Immobilienkrisen gab es in den USA wiederholt, so 1982, 1991 und 2001. Von ihnen haben wir hier in Deutschland nichts gemerkt, weil es die Verbriefung von Hypothekendarlehen mit ihren problematischen Anreizstrukturen kaum gab. Jetzt gibt es sie, Kredite wurden in deutlich höherem Umfang mit schlechterer Qualität vergeben, das Ausfallrisiko wurde gleichzeitig weltweit verteilt.

Wie ging es Ihnen, als Sie vor etwas mehr als zwei Wochen gehört haben, dass das US-Investmenthaus Lehman Brothers insolvent ist?

Ich war sehr unangenehm überrascht, weil ich nicht erwartet hatte, dass eine Bank, die bis zuletzt alle üblichen Anforderungen an die Kapitalausstattung erfüllte, zusammenbrach, weil ihre Zahlungsfähigkeit nicht mehr gesichert war. Auch bei der Investmentbank Merrill Lynch war es ähnlich -die Liquiditätsverknappung zwang sie in die Arme von JP Morgan Chase. Die Investmentbanken finanzieren sich nicht durch Einlagen von Kunden, sondern wesentlich durch Geldaufnahme von anderen Banken. Es ist sehr schwierig, das Risiko von Investmentbanken von außen abzuschätzen, da sie in großem Umfang mit komplexen Finanzprodukten handeln. Das Misstrauen unter den Banken ist mittlerweile so groß, dass sie sich untereinander kein Geld mehr leihen. Um die Zahlungsfähigkeit der Banken zu sichern, müssen die Notenbanken daher viel Geld einschießen. Das tun sie, allerdings nur gegen Kreditsicherheiten.

Sind all dies Gründe, warum Sie zu einem Kolloquium ins "Konzil" nach Konstanz einladen?

Der Hintergrund für dieses Kolloquium liegt länger zurück. Die Forschergruppe "Preis-, Liquiditäts- und Kreditrisiken" wird seit fünf Jahren von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert. Meine Kollegen und ich planten von Anfang an eine internationale Konferenz. Damals ahnten wir noch nichts von einer internationalen Krise. Das Thema der Forschergruppe bekommt durch die Krise viel mehr Gewicht.

Derzeit ist im Zusammenhang mit der Bankenkrise häufig von einem "globalen Flächenbrand" die Rede...

In Deutschland haben wir im Wesentlichen Universalbanken, die auf das Kunden- und das Kreditgeschäft setzen. Die deutschen Banken finanzieren sich im großen Stil mit Kundeneinlagen, die einigermaßen stabil sind, das heißt, ihnen steht Geld zur Verfügung. Investmentbanking ist in Deutschland auf wenige große Banken beschränkt. Ich möchte deshalb nicht von einem "globalen Flächenbrand" sprechen, sondern eher von einer "Infektion", von der nicht alle deutschen Banken verschont bleiben. Es gibt eine Ansteckung - nehmen Sie die Hypo Real Estate Bank in Deutschland, in Belgien die Fortis-Bank. In den USA hat es ebenso vor allem Investmentbanken getroffen. Die breit aufgestellte JP Morgan Chase-Bank hat verschiedene Investmentbanken gekauft, die Wachovia-Bank wurde von der City Group übernommen. Summa summarum geht es also nicht allen Banken in den USA schlecht.

Die deutschen Banken schreiben nach derzeitigem Stand insgesamt 40 Milliarden Euro ab.

Eines vorweg: Hypothekardarlehen, wie sie in den USA vergeben werden, hat es in Deutschland kaum gegeben - die Banken hier sind sehr viel konservativer in ihrer Kreditvergabe. Daher glaube ich auch nicht, dass wir bei Hypothekenbanken in Deutschland mit vergleichbaren Problemen rechnen müssen. Die Erfahrungen aus den USA kann man nicht auf Deutschland übertragen. Trotzdem: Die von Ihnen genannte Abschreibungssumme erscheint realistisch. Die Abschreibungen sind getrieben durch den Zusammenbruch der Kreditmärkte und den damit einhergehenden starken Preisverfall. Diese Zahlen schließen allerdings auch andere Kredite wie Kredite im Zusammenhang mit Unternehmensübernahmen ein. Wir hoffen, dass die tatsächlichen Kreditausfälle deutlich niedriger ausfallen werden.

Wie sieht es mit der weltweiten Abschreibung aus?

Weltweit geht man derzeit von Abschreibungen von gut 500 Milliarden Dollar aus, davon entfallen fast 50 Prozent auf Europa, etwas mehr als 50 Prozent auf die USA und ein kleiner Teil auf Asien. Die Supprime-Hypothekarkredite, die im Wesentlichen in den USA und in England vergeben wurden, haben ein Volumen von 1,1 Billionen Dollar. Der hierfür geschätzte Kreditausfall beläuft sich auf etwa 200 Milliarden Dollar. Doch zurück zur Abschreibung von 500 Milliarden Dollar: Auch hier besteht die Hoffnung, dass die tatsächlichen Ausfälle deutlich darunter bleiben werden.

Bis wann wird der volle Umfang klar sein?

Es wird sicherlich noch ein Jahr dauern, bis man das einigermaßen verlässlich abschätzen kann.

Wie verhält es sich mit den Rückkopplungseffekten der Krise auf das Geschehen in der realen Welt?

Sie sind schwer abzuschätzen. Bisher ist die reale Wirtschaft nicht stark betroffen, man rechnet jedoch mit einer deutlichen Beeinträchtigung des Wirtschaftswachstums. Kredite werden teurer, Unternehmen stellen ihre Investitionen zurück aus Sorge, dass die Nachfrage nach ihren Produkten abnimmt. In Deutschland ist das Wachstum bereits eingebrochen. Es ist zu erwarten, dass sich die Finanzkrise mit Verzögerung auch auf den Arbeitsmarkt negativ auswirkt.
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Viele Menschen in Deutschland machen sich aufgrund der Bankenkrise große Sorgen.

Ich denke, die Ängste beziehen sich hauptsächlich auf die Frage, ob das Geld, das jemand bei einer Bank eingelegt hat, gefährdet ist. In Deutschland gibt es im Bereich der privaten Banken, der Sparkassen und der Volksbanken eine sehr umfassende Einlagensicherung. Der normale Einleger ist daher sehr gut geschützt, braucht sich keine Sorgen zu machen.

Haben wir in Deutschland, was die Krise anbelangt, das Ende der Fahnenstange erreicht?

Insoweit es die Banken angeht, ist das sehr schwer zu beurteilen. Ich hatte schon erwähnt, dass die deutschen Banken andere Geschäftsmodelle als die Investmentbanken haben, daher insgesamt gesehen besser aufgestellt sind. Das schließt aber nicht aus, dass Bankbilanzen große Positionen enthalten, die gefährdet sind - mit dem Resultat, dass eine solche Bank durchaus in Schwierigkeiten kommen kann. Die Investoren zögern sehr, den Banken weiteres Eigenkapital zur Verfügung zu stellen. Parallel dazu kann es Zahlungsfähigkeitsprobleme geben, weil auch andere Banken kein Geld mehr leihen. In den USA ist es so, dass die Regierung sehr besorgt ist und daher alles versucht, um weitere Insolvenzen von Großbanken zu verhindern und so Dominoeffekte auszuschließen.

Wie schätzen Sie die künftige Rolle der Amerikaner und der Asiaten in der Weltwirtschaft ein?

Die Amerikaner sind nach wie vor die dominanten Investoren in dieser Welt. Das Gewicht wird sich etwas zu ihren Ungunsten verschieben, aber nicht dramatisch. Japanische Banken sind gerade dabei, größere Aktienpakete geschwächter amerikanischer Banken relativ günstig einzukaufen. In den 90er-Jahren hatten die japanischen Banken selbst mit einer hausgemachten Krise zu kämpfen, waren seither international wenig präsent. Jetzt werden sie nicht in einem derartigen Umfang aktiv, dass die Gewichte weltweit deutlich verschoben werden.

Wie sieht es mit den Chinesen und den Indern aus?

Die Chinesen haben hohe Dollar-Devisenreserven. Doch auch sie werden mit Kapitaleinlagen bei gefährdeten Banken vorsichtig sein, weil die weitere Entwicklung schwer abzuschätzen ist. Staatliche Investmentfonds haben in den vergangenen Monaten einiges an zusätzlichem Geld eingeschossen und sich dabei die Finger verbrannt. Trotzdem, China und Indien weisen sehr hohe Wachstumsraten aus. Dadurch werden finanzielle Reserven aufgebaut, die wiederum investiert werden. Summa summarum heißt das, dass das Gewicht der Asiaten wachsen wird, jetzt eventuell beschleunigt.

Immer wieder wird derzeit die Forderung nach einer schärferen Finanzmarktkontrolle erhoben.

Die Banken haben bisher von hohen Risiken profitiert, jetzt löffeln die Staaten die Suppe aus. Es kann nicht sein, dass es eine freie Spielwiese für die Banken gibt. Trotzdem: Wir haben eine relativ umfassende Bankenregulierung. Die bisherige Regulierung hat die Krise nicht verhindert. Macht es Sinn, die Regulierung dramatisch zu verschärfen? Ich bin sehr skeptisch, ob damit insgesamt eine Verbesserung erzielt wird. Es wird gefordert, dass die Banken mehr Eigenkapital halten. Bei den Investmentbanken, deren Risiken von außen schwer abschätzbar sind, scheint mir das gerechtfertigt. Zwar kann eine verschärfte Regulierung die Solvenz einer Bank verbessern, gleichzeitig besteht aber die Gefahr, dass ökonomisch erwünschte Geschäfte beschnitten werden. Gegenwärtig besteht die Gefahr, dass vorschnell überreguliert wird.

Haben die Manager bisher zu viel verdient?

Es sollte darüber diskutiert werden, ob die Anreizsysteme richtig gestrickt sind. Meiner Meinung nach sollte ein Manager auch die Risiken seiner Bankpolitik in seinem Portemonnaie fühlen, das heißt, in das Bonussystem sollte auch ein Malussystem eingebaut werden. Es ist gerechtfertigt, dass ein Manager an positiven Geschäftsergebnissen partizipiert. Sein Bonus muss aber auch sinken, wenn er hohe Risiken nimmt. Zudem sollte er auch an negativen Geschäftsergebnissen partizipieren.

Werden die Banken insgesamt geläutert aus dieser Krise hervorgehen?

Sie lernen sicherlich eine Menge. Wobei: Immer wieder werden neue Produkte kreiert, mit deren Risiken umzugehen schwierig ist, weil es bisher nichts Vergleichbares gab. Ich hoffe, dass aus der derzeitigen Krise Lehren gezogen werden, die das Bankensystem künftig gegen ähnliche Krisen stabilisieren.

Info: Die "INTERNATIONAL CONFERENCE ON PRICE, LIQUIDITY, AND CREDIT RISKS" im "Konzil" in Konstanz beginnt am heutigen 3. Oktober und dauert zwei Tage.

Hauptredner sind

Jeffrey R. Russell University of Chicago, USA

Suresh Sundaresan Columbia University, New York, USA

Bernt Oeksendal Oslo University, Norway

Folgende Sprecher sind eingeladen:

Financial Economics:

Viral Acharya
Christian Bluhm
David Lando
Thilo Liebig
Marco Pagano
Marti Subrahmanyam
Josef Zechner

Financial Econometrics:
Luc Bauwens
Ramazan Gencay
Asger Lunde
Donald B. Percival
Mark Salmon

Financial Mathematics:
Rüdiger Kiesel
George Papanicolaou
Eckhard Platen
Halil M. Soner
Thaleia Zariphopoulou
Weitere Informationen: http://cofe.uni-konstanz.de/?cont=activities&lang=en Konferenz-Homepage
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